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Das Ballett „Winterreise“ hat am Samstag Premiere; hier John Sandurski, Rita Barao Soares und Gianluca Martorella (v.li.).

Interview zur Premiere: „Man hört das Schlurfen im Schnee“

München - Am Samstag feiert das Stück "Winterreise" Gärtnerplatztheater Premiere. Selbst Klassik-Muffel sollen dabei auf ihre Kosten kommen. Choreograph Hans Henning Paar und Komponist Hans Zender im Interview.

Jetzt müsste es Tanzchef Hans Henning Paar gelingen, auch Lied-Liebhaber ins Münchner Gärtnerplatztheater zu locken: Für seine erste große Premiere dieser Saison am Samstag (16. Januar, 19 Uhr) hat er die 24 Lieder der „Winterreise“ vertanzt. Klassik-Muffel könnten ebenfalls interessiert sein. Denn Paar choreographierte nicht zum Original-Schubert-Zyklus, sondern zu der „Interpretation für Tenor und kleines Orchester“ (1993) von Hans Zender, jahrzehntelang Dirigent namhafter Orchester und bekannt für seine experimentellen Kompositionen. Paars Version dieser Reise eines von der Liebe und dem Leben enttäuschten Wanderers werden 24 Musiker des Staatstheaters unter Andreas Kowalewitz und – erstmals – zwei Tenöre begleiten.

Herr Zender, wie kam es zu Ihrer Neubearbeitung der „Winterreise“?

Zender: Ich liebe Franz Schubert seit meinen frühesten Musikerjahren aufs Tiefste. Ich habe sehr viel Schubert dirigiert, übrigens die Gesamtaufnahme aller Sinfonien gemacht. Auf Konzertreisen, wo man in den Mittagspausen so herumsitzt, fing ich dann an, einige Stücke zu instrumentieren. Und weil die Ansätze jeweils so verschiedenartig waren, kam die Idee, die vielen Interpretationsmöglichkeiten in dem gesamten Zyklus in eine Reihe zu bringen. Manche Lieder sind ganz nah am Text, manche haben Ausblühungen, haben Zwischentakte, sogar verfremdende Episoden, entwickeln sich in eine ganz andere Richtung als bei Schubert. Also es geht von der Interpretation über zur Rekomposition.

Paar: Besonders spannend finde ich Hans Zenders Art, die Naturdarstellung der Romantik nochmals, aber dann doch ganz anders aufzugreifen. Man hört bei ihm das Brechen des Eises, das Schlurfen im Schnee – ich habe da sofort Bilder gesehen.

Und diese konkret umgesetzt?

Paar: Jein. Ich entwerfe nicht so sehr Naturbilder, sondern entspreche choreographisch dem, was im Inneren des Wanderers abläuft. Also im „Lindenbaum“ keine Bäume. Keine Blumen im „Frühlingstraum“, der ja letztlich eine Erinnerung an schöne Zeiten mit der Geliebten ist. Das Bühnenbild ist ein Innenraum, der aber auch einen Außenraum erlaubt. Ich versuche eher, über die Kostüme und über das Licht eben diese Assoziationen zu malen. Das „Blumige“ in den Texten, in der Musik wird in der Bewegung selbst übersetzt.

Sie hatten sich zu Beginn eine weibliche und eine männliche Gesangsstimme vorgestellt...

Paar: Das ließ sich aus tonalen Gründen nicht verwirklichen. Herr Zender stimmte dann meinem Vorschlag zu, es mit zwei Tenören zu machen. Einem jungen und einem reiferen Tenor, der den erfahrenen Part übernimmt.

Herr Zender, spielte bei Ihrer Interpretation in irgendeiner inspirierenden Form die Persönlichkeit Schuberts eine Rolle? Franz Schubert, der geniale Komponist, der aber zu Lebzeiten nicht berühmt, auch glücklos in der Liebe war und in ärmlichen Verhältnissen leben musste.

Zender: Wenn man sich noch tiefer an die Individualität eines großen Komponisten heranwagt, dann kommt man unweigerlich an den Punkt, wo man als schöpferischer Mensch antworten will – was man ja eigentlich nicht kann. Denn das Werk ist in seiner Vollkommenheit nicht zu überbieten. Trotzdem: Schubert starb 1828. Seitdem hat sich die Menschheit geändert, auch die Mentalität des Musikhörens. Und diese Distanz zu gestalten wird dann zur Aufgabe einer solchen Annäherung.

Wie geschieht das?

Zender: Der Anfang vom „Gute-Nacht“-Lied „Fremd bin ich eingezogen“ ist eine Geräuschkomposition, als ob das heute geschrieben wäre. Dann schält sich aus diesem Anfang das erste Motiv von Schubert heraus, ist instrumentiert wie ein Schubert-Streichquartett. Zehn Takte später klingt es ein bisschen wie Brahms, noch weiter spätromantisch. Plötzlich schlägt es um, und man ist Anfang 20. Jahrhundert und schließlich mit disco-ähnlichen Klängen in der Jetztzeit. Die ganze „Winterreise“ verwandelt sich in eine Zeitreise, die die uns heute von Schubert trennende Distanz gestaltet.

Und uns andererseits vielleicht mit ihm verbindet?

Zender: Es gibt heute viele junge Leute, die in ihrem Leben noch nie Schubert gehört haben. Aber ich kriege schon Reaktionen wie: „Ja, in Ihrer Version habe ich zum ersten Mal eine Brücke zur klassischen Musik bekommen.“ Und ich freue mich natürlich, dass unsere große Tradition, wenn auch in veränderter Form, doch an die Jungen weitergeht.

Herr Paar, die „Winterreise“ – das richtige Stück in diesen nicht gerade rosigen Zeiten?

Paar: Es ist Winter... Und es gibt durchaus Anklänge an soziale Kälte. Der Wanderer ist auch Ausgestoßener der Gesellschaft. Die Gesellschaftskluft bei uns, die Schere öffnet sich weiter. Das ist politisch gesehen eine ähnliche Situation wie in der damaligen Zeit. Deswegen ist es für mich ein absolut aktuelles Stück. Das Gespräch führte Malve Gradinger.

Das Gespräch führte Malve Gradinger.

Stephan Joachim

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