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"Mamma mia": Vor 34 Jahren stand Riccardo Muti, hier bei der Probe im Herkulessaal, erstmals am Pult des BR-Symphonieorchesters

Interview

Riccardo Muti: Italien verliert  den Anschluss

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München - Riccardo Muti, zu Gast beim BR-Symphonieorchester, über  Cherubini, das Beten der Italiener und die Situation der Musik in seiner Heimat

Ein Superstar setzt sich für die Randbereiche des Repertoires ein: Vor allem das hat sich Riccardo Muti auf die Fahnen geschrieben. Einer seiner bevorzugten Komponisten ist dabei Luigi Cherubini (1760–1842) geworden. In dieser Woche führt der 74-Jährige mit Chor- und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks die „Krönungsmesse“ im Herkulessaal auf – es ist schon sein viertes Cherubini-Programm beim BR.

Zu seiner Zeit war Cherubini einer der wichtigsten Komponisten. Und heute... Was ist ihm da eigentlich widerfahren?

Beethoven machte ihm damals sogar das Kompliment, für ihn sei er der Größte – wobei man nicht weiß, wie ernst das Beethoven meinte. Er sah in Cherubini ganz sicher einen Meister der musikalischen Architektur. Cherubini ist nicht bekannt für wunderbare Melodien. Er war Florentiner wie Michelangelo, und diese Menschen sind eher taff, nicht sentimental.

Liegt es auch daran, dass wir das Gefühl für seine Musiksprache verloren haben?

Cherubini ist ein schwieriger Komponist. Wie soll man diesen Neoklassiker spielen? Wie Mozart, wie den frühen Beethoven, wie Haydn? Wie viel aufkeimende Romantik steckt in ihm? Jemand hat einmal gesagt über Cherubini, er sei wie Feuer im Marmor – und genau das ist der Schlüssel für das Interpretieren seiner Musik. Keine Sentimentalität, Noblesse, aristokratisch, ohne Effekte. Cherubini ist aber nicht kalt. Er biedert sich nicht an. Und das macht es für Dirigenten schwierig, die Werke brauchen, um Zuhörer von den Sitzen zu reißen. Aber glauben Sie mir: Cherubini wird immer beliebter werden.

Was erfahren wir über seine Religiosität, wenn wir diese Sakralmusik hören?

Das ist eine zentrale Frage, die viel mit seiner italienischen Herkunft zu tun hat. Wie Salieri war Cherubini ein gläubiger Katholik. Aber katholisch zu sein, heißt ja nicht, dass man das Leben nicht genießen darf... Nehmen wir das Ende der Messe: „Dona nobis pacem – gib uns Frieden“. Die italienische Art zu beten unterscheidet sich doch sehr von der in anderen Ländern. Dort gestaltet sich der Kontakt zu Gott in einer sehr respektvollen, ehrfürchtigen Weise. Wir Italiener sprechen dagegen zu ihm so: „Ich gehöre zu Dir, Du gehörst aber auch zu mir. Du trägst die Verantwortung, Du musst mich beschützen, schließlich hast Du mich geschaffen.“ Die Friedensbitte ist also eine Forderung.

Das bedeutet aber, dass es in der Interpretation italienischer Komponisten regelmäßig zu Missverständnissen kommt.

So ist es! Nehmen Sie den Pianissimo-Beginn des Verdi-Requiems. Die meisten Dirigenten lassen das Wort „Requiem“ vom Chor fast flüstern. Absolut falsch! Die Menschen warten hier nicht ängstlich auf die ewige Ruhe, sie verlangen danach. Das alles hängt auch damit zusammen, dass viele glauben, Verdi habe eine Art Religionsoper geschrieben.

Wie der Dirigent Hans von Bülow, der von der „Oper im Kirchengewand“ sprach.

Vollkommen absurd. Das Leben ist in gewisser Hinsicht ein Theater, darum geht es. Wir in Italien gehen eben von einem engeren Kontakt zu Gott aus, von einer größeren Vertrautheit.

Wann und warum kamen Sie erstmals in Kontakt mit Cherubinis Musik?

Als ich 1968 Musikdirektor des Maggio Musicale in Florenz wurde, ging das los. Alles in Florenz dreht sich um Cherubini. Das Konservatorium heißt nach ihm, in Santa Croce gibt es ein Grab für ihn, obwohl seine Gebeine in Paris liegen. Schauen Sie nur ins Telefonbuch: Tausende Cherubinis finden Sie da. Und der bekannte italienische Popsänger Jovanotti heißt eigentlich Cherubini! Vielleicht sollte man sich erkundigen, ob er ein Nachkomme ist... Ich glaube, ich frage den italienischen Premierminister, einen Florentiner übrigens, ob man Cherubinis Gebeine nicht endlich nach Italien bringen könnte. Jeder bringt Blumen zum Grab der Piaf auf dem Friedhof von Père Lachaise in Paris, wo auch Cherubini liegt – er kriegt nie welche.

Haben Sie denn noch keine hingelegt?

Nein, nein. Keine Zeit! Außerdem sagte man mir, dass das Grab total verdreckt ist. Aber denken Sie an Mozart in Wien. Seine Situation dort ist schlimmer. (Lacht.)

Haben eigentlich populäre Interpreten eine Art moralische Pflicht, sich um unbekanntere Werke zu kümmern?

Natürlich. Ich glaube an die Großartigkeit von Cherubini. Ich finde es beschämend, dass man zu wenig für ihn tut. Und diese Situation betrifft nicht nur ihn: Im Konservatorium meiner Geburtsstadt Neapel liegen 350 000 Handschriften neapolitanischer Komponisten wie Piccini, Paisiello, Pergolesi et cetera. Wir sind wie gefangen im Repertoire der immer gleichen 30 Opern.

Das ist doch in Deutschland oder Österreich genauso.

Ja, aber schauen Sie: Dass man sich in Italien zu wenig um die eigenen Meister kümmert, das betrübt mich. Heute stelle ich bei uns eine gefährlichere Situation fest: Wenn wir nicht dagegen ankämpfen, wird Italien, immerhin das Land der Musik, künstlerisch den Anschluss verlieren.

Und wer ist schuld daran? Die Geldgeber? Die Manager? Das Publikum? Die Künstler?

Die Situation ist überall anders. Sie in Deutschland sind in einer glücklichen Situation, weil die Musik besser unterstützt wird als bei uns. Viel hängt schon auch von den Künstlern ab, die ihre Autorität einsetzen müssen. Ich habe einmal die Mailänder Scala-Saison mit Salieris „L’Europa riconosciuta“ eröffnet. Okay, ich weiß, das ist nicht der „Fidelio“. Aber es ist eben eine Oper, die man kennen muss.

Vor 34 Jahren dirigierten Sie Ihr erstes Konzert beim BR...

...Mamma mia...

...das Verdi-Requiem. „Alles war perfekt“, sagten Sie einmal über diese Aufführung.

Na ja, mit der Besetzung: Jessye Norman, Agnes Baltsa, José Carreras, Evgeny Nesterenko. Es war wohl das beste Verdi-Requiem meiner Karriere. An was ich mich vor allem erinnere: Am Morgen nach dem Konzert machte der Hotel-Portier eine tiefe Verbeugung vor mir. Ich wunderte mich sehr – und wurde bald aufgeklärt: In einer Münchner Zeitung gab es dazu eine hymnische Kritik, nicht im Feuilleton, sondern auf Seite eins. Was doch alles für Respekt sorgen kann...

Wie hat sich das BR-Orchester verändert?

Es ist enorm vielseitig geworden, der Chor, für mich der beste der Welt, hat sowieso immer einen Platz in meinem Herzen. Viele junge Leute sitzen mittlerweile im Orchester. Aber der Eindruck kann natürlich auch an einer Sache liegen: Ich werde alt.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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