„Ich bin wie auf Droge“

München - Sopranistin Simone Kermes spricht im Merkur-Interview über Sänger mit Kanten, Risiko mit Qualität und nackte Männer auf der Bühne.

Normalerweise ist diese Starkstrom-Diva auf anderem Feld unterwegs. Simone Kermes, Sopranistin aus Leipzig, ist ein Gesamtkunstwerk aus virtuosem Gesang und extravaganter Bühnenerscheinung. Ideal für den Barock also. Doch nun singt sie Verdi. Am 3. und 10. Februar ist sie in den konzertanten Aufführungen von „I due Foscari“ zu erleben. Münchens Philharmonie wird zum Schauplatz der frühen Oper des Meisters, die sich um die letzten Tage eines Dogen dreht. Mitte Mai kehrt Simone Kermes dann für ein Arienkonzert zurück.

Wollen Sie mit Verdi weg vom hyperschrillen 120 000-Volt-Barock?

Nee, wieso? Natürlich mache ich einige Ausflüge. Aber Moment mal: Eigentlich ist das doch mein Fach, das habe ich schon viel gesungen! Jetzt nehme ich gerade eine Belcanto-CD auf. Die Leute verlangen danach. Trotzdem: Dass meine aktuelle Barock-CD sogar in den Pop-Charts ist, finde ich irre.

Sie haben ja auch mal eine große CD-Firma verlassen, weil Sie sich in Ihre Projekte nicht reinreden lassen wollten. Sind viele Sänger zu angepasst?

Die trauen sich nicht – oder haben keine Ideen. Okay, wenn man jung ist, dann ist man froh, wenn man überhaupt ’ne Platte machen darf. Also hält man die Klappe. Es gibt aber insgesamt zu wenige, die sich zu ihrer Kunst, zu ihrer Art, zu ihren Kanten bekennen und das auch durchziehen. Dieser Weg ist manchmal steinig, aber er gibt innere Kraft. Und wenn manche denken, „Ach ja, da kommt wieder die Verrückte“, dann ist mir das im Grunde egal.

Aber fühlen Sie sich nicht manchmal ausgenutzt? Wenn es immer heißt: Wir brauchen die Kermes, damit Stimmung in die Bude kommt...?

(Lacht.) Trotz alledem will ich schon verantwortungsbewusst sein und als ernstzunehmende Künstlerin gelten. Die Leute wollen Spaß und Risiko, das aber mit Qualität. Ich mache doch nicht nur den Clown!

Könnte doch sein, dass nicht unbedingt diese ganze Kinder- und Jugendarbeit neue Hörer in die Klassikszene holt, sondern auch Künstler abseits des muffigen Konzertlebens.

Es geht auch um Entertainment, das stimmt. Das fehlt vielen Klassikkonzerten. Dazu kommt, dass vielleicht manche Kollegen nicht über den Stücken stehen und nicht mit ihnen spielen können. Das bringt Hemmung.

Gibt’s für Sie überhaupt noch so etwas wie Auftrittsangst?

Aber klar. Ich habe dann einen Puls von 140, das hat neulich mal ein Arzt gemessen. In dem Moment hasse ich den Beruf. Man merkt mir das nicht an. Ich lasse mich auf der Bühne auch vom Publikum hochschaukeln, da geht man über Grenzen. Wenn dann richtige Rockkonzertstimmung herrscht, kriegt man so ’nen Schwall drüber. Das ist irre – und hilft ungemein.

Klingt auch nach Suchtgefahr.

Ich bin wie auf Droge, stimmt. Am Ende eines Arienkonzerts, bei den Zugaben, geht dann noch mal so eine Tür auf. Wenn du das erreichst, dann ist das Gefühl schon nicht mehr von dieser Welt. In dem Moment, in dieser ungeheuren Spannung, kannst du alles machen, mit den Leuten und mit der Stimme. Und manchmal denke ich mir: Das bist du doch gerade gar nicht mehr! Das ist dann wie LSD. Rockstars in Stadien müssen ja noch Verrückteres erleben!

Wenn die Leute toben, birgt das doch eine Gefahr: Wo bleibt denn da Platz für die Selbstkritik?

Selbst gesteht man sich schon alles ein, auch wenn es nicht sofort in die oberste Bewusstseinsschicht dringt. Aber es gibt ja immer ein nächstes Mal. Eine Sache fand ich mal doof, da habe ich für eine Fernsehsendung Vollplayback gesungen, und die Leute haben trotzdem getobt. Schlagerfuzzis kennen das ja...

Hätten Sie denn auch Lust auf Stadionkonzerte?

Warum nicht? Worauf ich aber gar nicht stehe, ist diese Halb-Klassik à la André Rieu. Was anderes wäre ein besonderes Crossover, ein Remix von Pop und Klassik etwa.

Und wie bekommt man die richtige Stimmung im CD-Studio hin? Das ist doch total steril.

Mit meinen Musikern funktioniert das schon. Ich mache zum Beispiel das Catering. Die Italiener sind ja bissl verwöhnt, da muss ich fürs Brot schon zu ’nem besonderen Bäcker. Jeden Morgen wird also eingekauft. Schinken, Käse, Äpfel, Schokolade, was man für die Pause halt so braucht... Denen soll’s einfach gut gehen. Auch wenn die Leute von der CD-Firma gesagt haben: Die spinnt.

Wer darf Sie nach einem Auftritt kritisieren?

Mein Mann, der ist sehr kritisch. In Berlin habe ich einen Nackten mit auf die Bühne genommen, das fand er nicht so toll. Ich hab’s trotzdem gemacht.

War das der Nackte von Ihrer aktuellen CD?

Nee, der will nicht in das Business, das hat dem seine Freundin verboten! Ich bezahle ja diese Männer privat. Das hat mir übrigens Spaß gemacht, so ein Foto-Modell auszusuchen. Am liebsten wäre mir jetzt ’ne Castingshow!

Gibt’s beim Münchner Arien-Abend auch einen Nackten?

Nee!

Weil das hier nicht geht?

Ach, ich weiß nicht. Vielleicht sind die Münchner offener. Die Berliner sind manchmal gar nicht so einfach. Auch ’n bisschen schüchtern. Ich krieg’ die Leute schon immer, auch wenn man sich anfangs den Wolf spielt und singt.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

Aufführungen:

„I due Foscari“ am 3. und 10. Februar in der Münchner Philharmonie, Arienkonzert am 12. Mai im Herkulessaal,

Telefon 089/ 54 81 81 81.

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