Wählte die Flucht nach vorn : Steven Scharf schaute sich Marlon Brando genau an, um gerade nicht wie er „Endstation Sehnsucht“ zu spielen. Foto: Bodmer

Interview mit Steven Scharf: Die Schweißflecken überklebt

München - Der Schauspieler Steven Scharf über „Endstation Sehnsucht“, Marlon Brando und die Bockigkeit des Stücks.

Steven Scharf (34) ist – es drängt sich das Klischeebild einfach auf – ein Baum von einem Mann. Der gebürtige Thüringer, den es nach seiner Ausbildung in Rostock und dem ersten Engagement in Jena Richtung Westen zog, spielt unter Sebastian Nüblings Regie in „Endstation Sehnsucht“ den raubeinigen Stanley Kowalski. Der polnische Einwanderer lebt in einfachen Verhältnissen mit Stella zusammen, die aus einer reichen Südstaatenfamilie stammt. Plötzlich sucht ihre Schwester Blanche bei ihr Zuflucht. Am Samstag ist Premiere in den Münchner Kammerspielen.

-Stanley Kowalski ist ein ziemlich brutaler und zerstörerischer Typ, von dem Sie vermutlich nicht allzu viel in sich selbst finden...

Ich könnte keinen Roman über Stanley Kowalski schreiben. Er definiert sich bei uns durch das, was sich zwischen ihm und den anderen abspielt. Ich wüsste nicht, wie man einen Solo-Abend mit Stanley Kowalski gestaltet. Ich komme aus einer Gegend, wo ich viele solche Stanleys kenne. Er ist mir zwar fremd, aber ich verstehe seinen Grundkonflikt mit dieser Blanche. Als Mann aus einfachen Verhältnissen war er von Kindheit an gezwungen zu kämpfen und hat auch was geschafft. Er ist ein Überlebenskünstler. Der Konflikt mit einer Person, die von ganz oben kommt und plötzlich abhängig ist von uns, ist da naturgegeben.

-Elia Kazan, der das Stück am Broadway uraufführte, verfilmte es mit Marlon Brando als Stanley – keine kleine Hypothek.

Es gibt von vielen Rollen Verfilmungen. Meist schaue ich sie mir lieber nicht an. Brando ist in dieser Rolle bekannter als die Figur und ihr Name. In diesem Fall wählte ich die Flucht nach vorn und habe mir erst recht angeguckt, wie er das macht. Gerade um den Gedanken zuzulassen, dass man es nicht so machen muss. Es gibt auch ganz andere Beispiele wie Henry Hübchen vor ein paar Jahren an der Berliner Volksbühne. Irgendwann gehen einem die Schweißflecken von Brando echt auf die Ketten. Den Titel der Buchausgabe habe ich mit Tapete überklebt, um nicht ständig diese Flecken, sein Kettchen und seinen Blick zu sehen. Bei uns scheint allmählich ein anderes Bild von Stanley auf.

-Das Feinripphemd, das Sie gerade tragen, gehört zum Kostüm, oder stimmt es Sie auf die Rolle ein?

Nein! Vielleicht stülpt sie sich schon über mich? (Lacht.)

-Passt dieses Stück über den gesellschaftlichen Wandel in den USA – von der Südstaaten-Aristokratie zur Industrienation – in unsere Zeit?

Es lässt sich jedenfalls gut bei uns verankern. Man sieht eine Gruppe junger Leute, die ein neues Modell von Familie, von sozialer und finanzieller Gemeinschaft bilden, die nach Alternativen suchen zu Formen, die durch wirtschaftliche Zwänge nicht aufrechtzuerhalten sind. Solidarität spielt eine Rolle, die momentan eine Renaissance erlebt, und die große Vielfalt an Lebensmodellen. Bei Blanche kann man beobachten, wie viele Hüllen sie sich anzieht. Doch ist damit nicht beantwortet, wer Blanche wirklich ist. Es geht um ein undurchsichtiges Geflecht, wer man ist und sein möchte.

-Weiß Stanley denn besser, wer er ist?

Vielleicht nicht – so schnell, wie sein Hass auf Blanche anspringt. Die Gemeinschaft mit Stella ist eine große Behauptung. Wie ging das überhaupt? Er sagt einmal, er habe sie von diesen Säulen heruntergeholt, worauf er auch stolz ist. Aber diese Empfindung kommt schnell ins Wanken, sie ist nicht felsenfest.

-Gab es in Ihrer Beschäftigung mit Tennessee Williams unerwartete Schwierigkeiten?

Dass es schwierig wird, wussten wir. Das Stück ist so störrisch und bockig, dass man es nicht mit Improvisieren angehen kann. Gegen ein Drüberwischen sträubt es sich, es fordert große Genauigkeit. Wenn das Spielen gut gelingt, dann fühlt es sich Cassavetes-mäßig an, nicht so sehr dramatisch und hat eine Leichtigkeit. Man sieht Leute unausweichlich auf einen Konflikt zusteuern – eine eher flächige Wirkung, man schwimmt darauf zu.

-Bleiben Sie unter dem künftigen Intendanten Johan Simons am Haus?

Wir haben vor anderthalb Jahren den Vertrag unterschrieben. Ich freue mich darauf. Momentan findet ein spannender Prozess statt, eine Art Pubertät, es hat sich nach Baumbauers Weggang mehr verändert als erwartet. Man hat das Gefühl, dass eine andere Verantwortung auf den Schultern lastet: Jetzt ist es unser Haus. Wir haben die Spielzeit wie mit einem Kater angefangen. Aber das tut dem Theater gut, bevor eine neue große, natürliche Autorität kommt.

-In „Mamma Medea“ haben Sie mit Jason einen Mann gespielt, der ähnlich zerstörerisch und kompromisslos ist wie Kowalski. Mögen Sie solche Rollen?

Also, ich mag keine brutalen Rollen, aber solche, die ein Forschungsfeld bieten. Mit denen man erzählen kann, welchen Projektionen von Stärken und Schwächen dieser Mann ausgesetzt ist. Gerne würde ich Paul Celan spielen, im Briefwechsel mit Ingeborg Bachmann. Ein komplizierter und besonderer Mann. Das wäre meine Traumrolle.

Das Gespräch führte Christine Diller.

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