Ulrich Tukur und die Maskenmänner: Hinter den Pappgesichtern verbergen sich die Rhythmus Boys, mit denen der Schauspieler morgen im Prinzregententheater gastiert.

Interview

"Let’s misbehave": Ulrich Tukur und die Rhythmus-Boys in München

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München - Schauspieler, Novellist und auch Musiker: Ulrich Tukur bringt zusammen mit den Rhythmus Boys die Unterhaltungsmusik der 1920er- und 1930er-Jahre wieder nach München.

Er ist ja nicht nur ein brillanter Schauspieler. Ulrich Tukur, bekannt aus Theaterstücken wie „Peer Gynt“ oder „Jedermann“, Protagonist in Filmen wie „Ein fliehendes Pferd“, „John Rabe“ oder „Rommel“, und Grimme-Preis-gekrönter „Tatort“-Kommissar. Doch nein, der 58-Jährige schreibt ja auch – seine traumtänzerische Novelle „Die Spieluhr“ erschien 2013. Und er macht Musik. Morgen Abend im Münchner Prinzregententheater zum Beispiel. Im Programm „Let’s misbehave“ spielt und singt er mit den Rhythmus Boys Unterhaltungsmusik der Zwanziger- und Dreißigerjahre. Ein Gespräch über Vergangenheit, Vergänglichkeit und das, was bleibt.

„Let’s misbehave“ – welch großartiges Motto! Wie sehr werden Sie auf der Bühne ausflippen?

Nun, wir werden uns schon ein bisschen daneben benehmen, in aller Eleganz natürlich. Aber eigentlich ist der Namensgeber des Programms das wunderbare Lied von Cole Porter, „Let’s misbehave“ – und es geht im Wesentlichen um die großartige Unterhaltungskultur der Zwanziger- und Dreißigerjahre, verkörpert durch die drei Lichtgestalten Porter, Irving Berlin und George Gershwin. Es ist viel mehr als ein konzertanter Auftritt, ich erzähle Geschichten – erfundene und echte; es hat viel mit Gedichten zu tun, mit Theaterelementen und mit allen möglichen Formen höheren Blödsinns.

„Lasst uns uns danebenbenehmen“ – fehlt uns das manchmal, sind wir zu politisch korrekt?

Was heißt „manchmal“ – permanent! Mein Gott, man kann doch alles ein bisschen gelassener, freudiger und verspielter machen. Es geht immer alles um die Wurscht, es wird alles bekrittelt und verurteilt. Das geht mir gehörig auf den Keks. Insofern ist der Abend schon ein augenzwinkernder Aufruf zur Rebellion gegen dieses Gutmenschentum, was die Luft zudrückt und alle Freiheit nimmt.

Sie sind also jemand, der sich gerne mal unanständig benimmt?

Sagen wir mal: so leicht daneben. Ja, natürlich!

Klingt in Ihrem Programm eine gewisse Nostalgie durch?

Natürlich ist es auch immer eine leise Trauer um Dinge, die vergehen. Es gab ja Zeiten, die kulturell unglaublich hochflogen. Wenn das dann vorbei ist – und im Leben geht nunmal alles vorbei – dann ist das traurig. Deshalb empfinde ich es als meine Aufgabe, an die besonderen Menschen und Künstler zu erinnern, die man so schnell vergisst. Sie kennen ja den berühmten Spruch von Schiller: „Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze.“ Viele von den Schauspielern, mit denen ich groß geworden bin, werden gar nicht mehr gekannt. Wer kennt heute noch Willy Birgel, Paul Dahlke oder René Deltgen? Oder alte Kollegen, mit denen ich noch spielen durfte in den Achtzigerjahren. Alle vergessen.

Haben Sie Angst, selbst mal vergessen zu sein?

Ich werde irgendwann vergessen sein. Angst davor hab’ ich nicht. Wenn das Spiel vorbei ist, ist es vorbei. Doch die Erinnerung an die Toten ist für die Lebenden wichtig, damit sie wissen: Worauf können sie sich beziehen? Wir sind ja nicht nur einfach hier und bewegen uns in der Horizontalität, wir sind ja auch deshalb, weil es andere Menschen vor uns gab. Wenn man seine Wurzeln kappt und sich nicht mehr fragt: Wo kam das Ganze her? Dann steht man völlig wurzellos in der Landschaft herum. Und die böse Wirtschaft und jede Mode kann mit einem machen, was sie will, weil man keine Sicherheit nach unten hat.

Macht Sie das traurig – letztlich entwickeln wir uns doch nicht weiter, auch wenn wir die Geschichte im Rücken haben...

Sie haben Recht, es sieht so aus, als würden wir uns nicht nur nicht weiterentwickeln, sondern zurückfallen. Ich glaube aber, dass es in winzigkleinen Schritten doch vorangeht. Es ist immer ein Spiel. Ein Theaterstück, das uns aufgezwungen wird, und wir müssen schauen, dass wir das einigermaßen angelegentlich über die Bühne bringen. Dann fällt irgendwann der Vorhang – und hoffentlich wird geklatscht. (Lacht.)

Ist die Hoffnung auf den letzten Beifall das, was Sie antreibt? Oder woher nehmen Sie Ihre Energie? Manche sagen, Sie seien getrieben von Ihrem Tinnitus, dass Sie deshalb die Stille nicht ertrügen.

Nein, das wäre ja schrecklich, wenn ich aus lauter Angst vor meiner Krankheit einfach losliefe. Da würde mir die Puste schnell ausgehen. Sie schaffen das nur mit Passion und Liebe zu den Dingen. Ich hatte mich überfordert, der Lebenswandel war zu radikal. Aber inzwischen habe ich verstanden, was passiert ist – und meinen Frieden gemacht.

Sie haben gelernt, mit dem Tinnitus zu leben?

Ja, stellen Sie sich das so vor: Sie haben ein wunderbares Anwesen, das sind Sie. Und auch einen See dazu und ein Wäldchen. Jetzt wird eine Autobahn direkt daneben gebaut. Nun können Sie sich über den Lärm ärgern – oder Sie sagen: Sei’s drum, dafür komme ich nun schneller zum Flughafen. So ist das mit dem Tinnitus.

Sind Sie immer so positiv?

Nee! (Lacht herzlich.) Ich habe mich damit arrangiert. Was vor 20 Jahren war, geht in 20 Jahren nicht mehr. Klar, das tut weh, dass man ein zerfallendes Gebilde ist.

Das heißt, Sie treten künftig etwas kürzer?

Der Witz ist, Sie müssen sich Aufgaben suchen, die mit dem, was diesen affektiven Krampf in Ihrem Hirn auslöst, nichts zu tun haben. Sind Sie ein furchtbar leidender Politiker, dann suchen Sie sich einen ganz anderen Bereich, der Ihr Hirn auf eine andere Weise beschäftigt. Malen Sie Bilder, auch wenn Sie Dilettant sind, oder schreiben Sie Geschichten!

Wie lösen Sie Ihre affektiven Krämpfe?

Durch Schreiben – oder durch Musik. Dann geht’s mir gut.

Eigentlich ist jedes Konzert also Seelenpflege?

Ja, mir macht das einen Wahnsinnsspaß.

Sie sagten mal: „Ich will versuchen, Dinge zu erhalten, die vom Vergessen bedroht sind.“ Ist die Vorweihnachtszeit für Sie auch etwas, wovon wir den tieferen Sinn vergessen haben – und möchten mit Ihren Konzerten das Zusammenrücken fördern?

Die Vorweihnachtszeit bekomme ich kaum mit, das ist ein einziges Rasen. Aber die Weihnachtszeit! Am 21. Dezember ziehe ich mich zurück auf mein uraltes Anwesen in der Toskana auf 1000 Metern Höhe, in den Schnee, und lade meine besten Freunde ein. Dann sind wir zu zehnt in diesem alten Bauernhaus, es wird musiziert, da wird ein Baum, den wir im Wald schlagen, aufgestellt, und so machen wir’s uns unheimlich gemütlich für eine Woche. Das mache ich jedes Jahr. Darauf freue ich mich wahnsinnig. Auf diese tiefe Stille vor dem prasselnden Kaminfeuer wie vor Hunderten Jahren.

Und da kann jemand wie Sie dann auch mal richtig ruhig sein?

Ja, wenn man den Rausch ausgeschlafen hat... (Lacht.) Da kann man so schön spazieren gehen. Da bin ich dem lieben Gott schon dankbar, dass er Weihnachten kreiert hat. Und dem Jesus, dass er geboren wurde. (Lacht.)

Das Gespräch führte Katja Kraft.

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