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Werner Wölbern musste sich Goethes Klassiker erst erobern. Das sagt er im Interview mit dem Münchner Merkur. Am Donnerstag feiert er am Residenztheater in der Titelrolle Premiere.

Interview mit Werner Wölbern

"Wir sind alle Faust"

München - Werner Wölbern musste sich Goethes Klassiker erst erobern. Das sagt er im Interview mit dem Münchner Merkur. Am Donnerstag feiert er am Residenztheater in der Titelrolle Premiere.  

Die jüngste Münchner Inszenierung stammt von 2008 und läuft noch immer im Volkstheater. Am Max-Joseph-Platz dagegen war Goethes „Faust“, Inbegriff des deutschen Dramas, seit über 30 Jahren nicht zu sehen. Heute Abend setzt Residenztheater-Intendant Martin Ku(s)ej dieser „Faust“-Pause ein Ende. Die Titelrolle spielt Werner Wölbern, ein langjähriger Weggefährte des Regisseurs.

Die meisten Deutschen begegnen „Faust“ das erste Mal in der Schule. Sie auch?

Komischerweise nicht. Wohl ein Versäumnis meines Lehrers. Die erste Begegnung war 1983 bei der Aufnahmeprüfung zur Schauspielschule. Da dachte ich, ich müsste Faust vorsprechen, habe mich aber von guten Freunden überreden lassen, es nicht zu tun. Die Komplexität der Figur ist mit 20 einfach nicht zu bewältigen. Natürlich hatte ich mich damals zunächst auch für Mephisto interessiert. Den hab’ ich dann auch vorgesprochen – war aber ebenfalls keine gute Idee.

Hätten Sie auch jetzt lieber den Mephisto gespielt?

Nein. Aber einige sagten zu mir: „Was? Du spielst Faust? Das ist ja schade, Mephisto ist ja eigentlich viel toller.“ Ich habe die Diskussion nicht geführt. Man sollte nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Ich finde die Figur Faust so interessant und so vielschichtig, dass ich nicht eine Sekunde gedacht habe: Wie schade, dass ich nicht Mephisto bin!

Haben Sie zur Vorbereitung Parallelen zwischen Faust und sich selbst gesucht?

So einfach ist die Sache nicht. Man denkt, dass Schauspieler tief in sich graben – und dann finden sie etwas. Oft ist da aber leider gar nicht so viel, wie man glaubt. Man muss Fantasien zur Figur entwickeln, recherchieren, lesen. Natürlich spielen auch eigene Erlebnisse eine Rolle. Doch es wäre vermessen zu behaupten, man besäße die komplexe Erfahrung, die Goethe dem Faust zuschreibt.

Bibiana Beglau spielt nun den Mephisto. Bringt der Umstand, dass der Teufel von einer Frau dargestellt wird, für Sie eine neue Dimension ins Stück?

Zu Beginn hat es für mich keinen großen Unterschied gemacht. Mephisto ist für mich kein Geschlechtswesen, sondern ein Wesen an sich. Ähnlich wie Puck im „Sommernachtstraum“. Im Lauf der Proben stellte sich dann aber heraus, dass über die Mann-Frau-Geschichte eine subtile Erotik mit hineinkam. Sie ist nicht vordergründig, wir gehen uns da nicht an die Wäsche. Ebenso wenig war sie geplant, vielmehr entstand sie im Spiel. Wobei ich natürlich keinen Vergleich habe, wie die Szenen mit einem Mann geworden wären.

Was macht „Faust“ noch immer aktuell für Sie?

Ich denke, dass Faust eine Jedermannsfigur ist. Ich bin Faust. Sie sind Faust. Wir sind alle Faust. Das klingt blöd – aber Faust sagt doch: „Ich hab alles erreicht. Was soll ich noch? Kann ich glücklich werden? Ich brauch’ neue Dinge, ich muss mich spüren, ich brauch’ Input!“ Das alles sind Themen, die wir kennen. Man gerät an einen Punkt, an dem man sagt: „Was soll jetzt noch kommen?“ Freilich geht das in Richtung Lebensekel und Depression.

Ist Ihnen ein Klassiker wie „Faust“ lieber als modernes Theater?

Beides ist gut. Schwierig ist es für mich nur, mit modernen Texten zu arbeiten, die eine gewisse Qualitätsmarke nicht überspringen. Wenn ich wählen könnte, würde ich ein bisschen zur Klassik tendieren. Ich mag Kleist sehr, ich finde Schiller wunderbar. Goethe musste ich mir erst erobern.

Warum?

Ich hoffe, Goethes Erben schlagen mich jetzt nicht: Aber ich finde, verglichen mit Kleist und speziell mit Schiller, ist er nicht unbedingt der bessere Bühnenautor. Oft liegt er in seiner Sprache einen Tick drüber, sodass man denkt: „Hör auf herumzuschwurbeln!“ Schiller, Kleist und Büchner sind da viel schärfer. Aber gerade das ist dann auch die Herausforderung; es ist eine tolle, großartige Aufgabe, sich Goethes Sprache zu erobern.

Das Gespräch führte Katrin Hildebrand.

Termine:

am 5., 8., 22. Juni, 6., 10., 26., 28., 29. Juli im Münchner Residenztheater. Karten unter Telefon 089/ 21 85 19 40.

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