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Hat allen Grund zum Strahlen: Hubert von Goisern hat ein wunderbares Album eingespielt.

Interview: „Wunschlosigkeit ist lebensfeindlich“

München - Hubert von Goisern über seine neue Platte „EntwederUndOder“, Wirtshaus-Säle und den Traum, eine Oper zu schreiben.

Drei Jahre nach „S’Nix“ legt Hubert von Goisern jetzt mit „EntwederUndOder“ ein neues Studioalbum vor (Kritik siehe rechts). Wir trafen das 58-jährige musikalische Multitalent zum Gespräch und stellten passend zum Titel der neuen Platte zuerst nur Entweder-oder-Fragen:

Als Kind beim Spielen – waren Sie eher Cowboy oder Indianer?

Eindeutig mehr Indianer. Das waren die Schleicher. Das waren die, die wenig gesagt, aber bedeutungsvolle Blicke über die Landschaft geworfen haben. Cowboys sind eher laut, grob.

Optimist oder Pessimist?

(Denkt nach.) Beides. Das hat mit der Lebenssituation zu tun. Entweder bin ich total überzeugt, dass alles richtig ist, wie es ist, dann kann ich einen unerschütterlichen Optimismus ausleben. Aber ich habe auch schon oft die Erfahrung gemacht, dass Mur-phy’s Law „Whatever can go wrong, will go wrong“ („Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen“, Anm. d. Red.) jederzeit zuschlagen kann.

Klarinette oder Trompete?

Beides. Aber wenn ich einem Instrument den Vorzug geben müsste, dann der Trompete – eigentlich dem Flügelhorn, weil es einen weicheren Klang hat. Ich habe das als Jugendlicher nicht gemocht, wollte etwas Scharfes, Schrilles haben. Aber jetzt bevorzuge ich den lyrischen Ton des Flügelhorns. Die Klarinette? Ja, so langsam finde ich sie gar nicht mehr so übel... (Lacht.)

E-Gitarre oder Akkordeon?

Das ist wirklich ein entweder- UND-oder. Es kommt darauf an: Wenn’s einen Strom gibt, dann E-Gitarre.

Wo treten Sie lieber auf: auf Flüssen wie bei Ihrer „Linz Europa Tour“ oder auf dem Land?

Der Fluss war eine Ausnahme. Ich könnte mir aber vorstellen, das bis zum Abwinken zu machen, weil es einfach so toll ist: nie Ein- und Auspacken müssen, sondern nur das Schiff anhalten, die Bühne ausfahren und spielen. Das hatte etwas ganz Wunderbares. Aber du bist beschränkt auf die Uferlandschaft.

Sind Sie privat lieber auf dem Dorf oder in der Stadt?

Ich brauche das urbane Umfeld, um Ideen zu bekommen, um zu komponieren, um etwas hinzuzufügen zum Mensch-Gemachten. Wenn ich in der Natur bin, merke ich, dass ich da nichts hinzufügen kann. Die Natur ist in sich perfekt, die kann ich nur verschlimmbessern.

Blues oder Jazz?

Eher Blues. Beim Jazz halte ich es mit Frank Zappa: „It’s not dead, but it smells funny.“ („Es ist nicht tot, aber es riecht seltsam“, Anm. d. Red.) Die wirklichen Jazz-Heroen haben in den Fünfzigern, Sechzigern und Siebzigern der Musik ihren Stempel aufgedrückt: Charles Mingus, Miles Davis, Duke Ellington. Das war eine Zeit, in der es toll war. Seither geht’s bergab.

Letzte Entweder-oder-Frage: Hiatamadl oder Alpinkatze?

Das eine bedingt die andere.

Was bedeutet Ihnen Volksmusik?

(Denkt lange nach.) Heute mache ich mir eigentlich keine Gedanken mehr über Begrifflichkeiten. Als ich mich noch damit auseinandergesetzt habe, war für mich schon klar, dass wenn in Österreich mehr Leute Beatles-Songs kennen als ein paar Volkslieder, dann kann man nicht sagen, dass die Beatles keine Volksmusik seien. Volksmusik ist das, was die Leute zu dem ihren machen. Aber wie gesagt: Heute denke ich über Begriffe – etwa auch „Heimat“ – gar nicht mehr nach, weil sie einengen. Traditionen sind dagegen etwas, mit dem ich mich schon sehr gerne und oft auseinandersetze, weil sie alltäglich sind. Volksmusik oder Volkskultur ist etwas, das sich im Dorf abspielt. Traditionen spielen sich immer und überall ab. Wir sprachen über die Tradition des Jazz, es gibt Traditionen in der Malerei, bei der Kleidung. So definiert man Zugehörigkeiten. Das zu brechen oder zu bedienen ist ein alltäglicher Vorgang. Das Positive an Traditionen ist, dass sie ein Erfahrungsschatz sind, der über die Generationen erworben wurde und immer wieder überprüft werden muss, ob er im Hier und Jetzt noch seine Gültigkeit hat. Denn wenn du zu viele Traditionen mit dir herumschleppst, kommst du nicht weit, bleibst im Dorf. Wenn du aus dem Dorf rauswillst, musst du deinen Rucksack schon mal entleeren und auf ein handhabbareres Reisegepäck reduzieren. Und wenn du ganz mutig bist, dann lässt du alles zurück.

Ebenfalls Tradition hat das Wirtshaus als sozialer Ort. Sie haben gerade in einigen Wirtshäusern gespielt. Muss man so weit gereist sein wie Sie, um den Wirtshaus-Saal als Auftrittsort wieder schätzen zu lernen?

Für mich war es wichtig, dass ich viele meiner Träume befriedigt habe. Gerade nach einer Reise wie der „Linz Europa Tour“, die eine epische Reise durch epische Landschaften war, bei der wir notgedrungen eine große Distanz zum Publikum hatten, empfand ich es als Notwendigkeit, das Pendel wieder in die andere Richtung schwingen zu lassen, intimer zu werden. Das ist in der neuen Musik gelungen. Bereits beim Komponieren kam bei mir der Wunsch, das in Wirtshäusern zu spielen. Mein Umfeld hat zunächst den Kopf geschüttelt und gemeint, das sei Blödsinn. In Wirtshaus-Sälen zu spielen war eine Therapie – gedacht für meine Mitmusiker. Doch dann hat es sich herausgestellt, dass es für mich die viel heftigere Therapie gewesen ist. (Lacht.)

Inwiefern?

Ich habe über die Jahre eine sehr große Scheu zum Publikum aufgebaut. Als es in die Tausende ging, waren es zu viele, um noch persönlichen Kontakt haben zu können. In den Anfangsphasen des großen Erfolgs habe ich das noch nicht realisiert und habe den Leuten erlaubt, mir sehr nahe zu kommen. Bis ich gemerkt habe, dass die, die mir sehr nahe kommen, die Distanzlosen sind. Die große Mehrheit hat ein Gefühl für Nähe und Distanz. Aber dann gibt es auch die Patienten... Man nimmt sich vor, distanzlose Situationen zu vermeiden und so entsteht über die Jahre Scheu vor dem Publikum, bis hin zu ein bisschen Angst, dass einer dabei sein könnte, der (Pause.) ein therapeutisches Gespräch braucht. In den Wirtshäusern konnte ich diese Scheu abbauen. Hier funktioniert das Regulativ der Gruppe noch. Diese Normalität war eine wunderbare Erfahrung.

Keine Ihrer Platten wurzelt so tief in Blues und Country wie „EntwederUndOder“...

Diese Platte speist sich aus der Energie, die aus Country und Blues kommt. Mit Blues bin ich aufgewachsen. Country ist mir so nah und gleichzeitig so suspekt wie die Volksmusik. Da gibt es viel Licht und Schatten. Wenn du dir die Country-Szene anschaust, da steht manches dem „Musikantenstadl“ in nichts nach. Aber natürlich gibt es auch sehr viele tolle Leute, die versuchen, da etwas aufzubrechen. Ich wollte eine Musik machen – so reduziert wie es Johnny Cash auf „American Recordings“ gelungen ist.

Zum Abschluss: Sie träumen davon, einmal eine Oper zu komponieren oder einen Roman zu schreiben. Wie ist der Stand der Dinge?

Keine Ahnung (Lacht.). Als ich 1994 die Alpinkatzen aufgelöst und mir eine zweijährige Auszeit verordnet habe, aus der dann sieben Jahre wurden, habe ich versucht, ein wunschloses Glück zu leben. Denn ich hatte viel mehr erreicht, als ich je erträumt hatte. Es hat drei, vier Jahre gedauert, bis ich gemerkt hab’, dass es mir mit dieser Situation gar nicht gutgeht. Es muss Träume und Wünsche geben. Wunschlos zu sein geht für den Augenblick. Es ist wunderbar, dass es diese Momente gibt, in denen wir wunschlos sind. Aber auf Dauer ist Wunschlosigkeit lebensfeindlich. Darum bin ich froh, dass es diese großen Wünsche und Träume bei mir noch gibt.

Das Gespräch führte Michael Schleicher.

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