+
Von wegen Geschichtenerzähler mit roter Wollmütze und schlechten Zähnen – in Wahrheit war Jacques-Yves Cousteau ein Frauenheld. Als einen solchen hatte ihn Lambert Wilson, der ihn in der Filmbiografie spielt, vorher nie gesehen. „Aus meiner Kindheit hatte ich ihn als netten Opa aus dem Fernsehen in Erinnerung“, erzählt der Schauspieler im Interview.

Interview zum Filmstart

„Ich bin und bleibe ein Träumer“

Lambert Wilson spielt den Forscher Jacques-Yves Cousteau – und erkennt viele Parallelen zu seinem eigenen Leben. Wir trafen ihn zum Interview.

Geboren wurde er in einem Pariser Vorort als Sohn der französischen Theaterlegende Georges Wilson, studiert hat er jedoch in London, an derselben Schauspielschule wie Colin Firth und Michael Fassbender. Seitdem hat Lambert Wilson mehr als 100 Filme gedreht, darunter neben Werken von Meisterregisseuren wie Claude Chabrol oder Andrzej Wajda auch Schund wie „Sahara“ oder „Babylon A.D.“. Sechs Mal war er für den César nominiert. Ab Donnerstag ist der 58-Jährige in der Rolle des Meeresforschers Jacques-Yves Cousteau in der Filmbiografie „Jacques – Entdecker der Ozeane“ im Kino zu sehen. In unserem Interview beim Zurich Film Festival überrascht der sympathische, oft sehr medienscheue Schauspieler mit erfrischender Offenherzigkeit.

Was hat Sie bei Ihrer Recherche über Cousteau am meisten verblüfft?

Zunächst einmal – ganz profan – die Tatsache, dass er so ein Herzensbrecher war. Aus meiner Kindheit hatte ich ihn als netten Opa aus dem Fernsehen in Erinnerung, als Geschichtenerzähler mit roter Wollmütze und schlechten Zähnen. Aber die Liste der Frauen, mit denen er Affären hatte, darunter auch amerikanische Schauspielerinnen, ist unglaublich. Ansonsten fand ich es faszinierend, dass Cousteau quasi die Entwicklung der Menschheit im 20. Jahrhundert repräsentiert.

Wie meinen Sie das?

In seiner frühen Kindheit gab es in seinem südfranzösischen Heimatdorf noch keinen Strom. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er – ein typisches Kind seiner Zeit – besessen von der Idee, die Natur zu zähmen und ihre Ressourcen auszubeuten. Erst in den Sechzigerjahren erwachte, vor allem dank seines Sohnes Philippe, sein Umweltbewusstsein, und er wandelte sich zu einem erfolgreichen Umweltaktivisten. Ihm ist es etwa gelungen, alle Regierungen davon zu überzeugen, dass die Bodenschätze der Antarktis mindestens bis 2048 nicht angetastet werden dürfen.

Aber der Zustand der Ozeane ist heute schlimmer denn je.

Ja, weil wir Cousteaus Lektionen verlernt haben! Deshalb finde ich es auch so wichtig, mit unserem Film an diesen außergewöhnlichen Mann zu erinnern. Ich engagiere mich seit Jahren für Greenpeace, und die konsumgetriebene junge Generation hätte mich fast dazu gebracht aufzugeben. Doch dank „Jacques“ habe ich gesehen, mit welcher Leidenschaft Cousteau bis ins hohe Alter für die Rettung der Natur kämpfte – und dieses Vorbild hat meine Motivation aufs Neue befeuert.

Im Zentrum des Films steht die konfliktreiche Beziehung des Alphatiers Jacques-Yves Cousteau zu seinem Sohn Philippe. Hatten Sie selbst auch so einen übermächtigen Vater?

Die Parallelen zu meinem eigenen Leben sind wirklich frappant. Mein Vater war so berühmt, dass er sogar im Lexikon stand. Natürlich hat das in meiner Kindheit etwas mit mir gemacht. Zudem war mein Vater, was seine Persönlichkeit betrifft, fast ein Abbild von Jacques-Yves Cousteau: ebenso ein extrem exzentrischer, charismatischer Kerl, der seine Frau nach Strich und Faden betrog, von seiner Arbeit besessen war und so gut wie nie Zeit hatte, sich um seine beiden Söhne zu kümmern. Aber in unseren raren Gesprächen hat er mir seine Philosophie vermittelt: ein Bohème-Leben in Freiheit und Schönheit, fernab vom Gewöhnlichen. Er hat mich damit angesteckt wie mit einem Virus – ich wollte auch so werden wie er. Und das war das Problem.

Inwiefern?

Ich habe meinem Vater nachgeeifert und ebenfalls die Schauspieler-Laufbahn eingeschlagen, weil ich dachte, das würde ihn glücklich machen – doch das Gegenteil war der Fall. Denn plötzlich war ich auf beruflichem Terrain sein Rivale, und es begann ein erbitterter Hahnenkampf, ganz ähnlich wie im Film zwischen Vater und Sohn Cousteau. Deshalb lag mir „Jacques“ auch so am Herzen.

Glauben Sie, dass Sie auch Charaktereigenschaften von Ihrem Vater geerbt haben?

Ja, zum Beispiel seine Unruhe, seine Unsicherheit, seine Existenzängste. Meine Eltern kamen beide aus bettelarmen Familien, aus Verhältnissen, wie sie einst von Charles Dickens beschrieben wurden. Und er lebte in ständiger Furcht, dass der berufliche Erfolg plötzlich wieder ausbleiben könnte und dass er dann wieder hungern müsste. Diese Angst hat er mir vererbt: Anstatt mir Zeit zu lassen und meine Filmprojekte sorgfältig auszuwählen, habe ich viele Jahre lang wahllos jedes Jobangebot angenommen. Und wenn ich selbst einmal Zweifel hatte, weil mir der Film gar zu dämlich erschien, dann hat mich mein Vater dazu gedrängt, das Geld zu nehmen – nach dem Motto: „Wer weiß, wie lange das noch gut geht?“

Cousteau hat sich auf Deals mit Ölkonzernen und TV-Stationen eingelassen, um seine Expeditionen zu finanzieren. Kennen Sie selbst auch den Zwang, berufliche Kompromisse einzugehen?

O ja! Man kann im Filmbusiness nicht überleben, ohne sich anzupassen und diplomatisch zu agieren. Doch damit Sie Kompromisse vor sich selbst rechtfertigen können, müssen Sie bestimmte Dinge unbedingt wollen – und ich war nicht so ein Getriebener wie Cousteau. Er hätte an meiner Stelle sicher versucht, eine große Karriere in Hollywood zu forcieren. Ich hingegen bin von Natur aus extrem schüchtern und wollte nie ein berühmter Star werden. Es reicht mir völlig, zu Hause meine Blumen zu pflanzen und den Wolken zuzusehen. Ich bin und bleibe eben ein Träumer! (Lacht.)

Das Gespräch führte Marco Schmidt

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Mega-Cooler Kultseniorenabend! Neil Diamond in der Oly-Halle
Kontrastprogramm zur Wiesn: Am Donnerstagabend hat Neil Diamond die Olympiahalle mit seiner Coolness beehrt. Eine Kritik.
Mega-Cooler Kultseniorenabend! Neil Diamond in der Oly-Halle
Der Mut-Lacher
Mit „Monsieur Claude und seine Töchter“ gelang Philippe de Chauveron ein Riesenerfolg. Nun setzt de Chauveron einen drauf: In „Hereinspaziert!“ übernimmt Christian …
Der Mut-Lacher
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Sting hat in seinem Musikerleben Songs geschrieben, die heute noch so gut funktionieren wie 1983 oder 1995. Davon macht er in der Olympiahalle Gebrauch - und seine Fans …
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Im Lenbachhaus geht der Punk ab
Das Münchner Lenbachhaus zeigt in der Ausstellung „Normalzustand“ deutsche Undergroundfilme, die zwischen 1979 und den frühen Neunzigerjahren entstanden sind. 
Im Lenbachhaus geht der Punk ab

Kommentare