Intime Zaubereien bei Prosecco-Laune

München - Schon möglich, dass da oben "das beste Orchester der Welt" thront, wie es Kulturreferent Hans-Georg Küppers in seiner launigen Rede formulierte. Nützt aber alles nichts, wenn's um 21.15 Uhr die Intonation verhagelt: In den Kopfsatz von Beethovens fünftem Klavierkonzert mischen sich durchdringende Schreie eines Turmfalken-Pärchens, das über der Theatinerkirche kreist.

Im Finale ist das Problem dann behoben, dafür duftet's nach Gebratenem - das kulinarische Ende zweier Störenfriede?

Was überhaupt treibt 8000 Menschen zum Klassik-Open-Air auf den Münchner Odeonsplatz? In vollgepferchte U-Bahnen, auf eine enge Bestuhlung, in eine leidlich akzeptable Akustik und in meilenweite Entfernung von der Bühne?

Nicht nur - das muss das Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks mit Dirigent Christoph Eschenbach schon hinnehmen - die Künstler. Es ist vor allem diese Atmosphäre auf Münchens schönstem Platz, die rot-blau-violett illuminierte Feldherrnhalle als Bühne, die am Samstag irgendwie besonders prachtvoll leuchtende Barockkirche und natürlich diese laue Weißwein-Prosecco-Käsehäppchen-Laune: Italien? Das kriegt München besser hin.

Zumal das Wetter beim BR-Abend passte, das letztjährige Konzert musste bekanntlich im Regenguss abgebrochen werden. Ob Mariss Jansons, wie hinter den Kulissen ironisch geraunt wird, gar Unglück bringe . . .? Kollege Eschenbach gibt Dvoráks Neunter jedenfalls alles, was ein Reißer braucht. Klangsatte, rasante Muskelspiele, aber auch immer wieder intime Zaubereien, in denen sich die bestechenden (Bläser-)Solisten profilieren können.

Zuvor hatte der mutmaßlich beste Beethoven-Interpret seine Stellung untermauert. Kein anderer als Rudolf Buchbinder kann ja auf so unvergleichliche Weise Pranke und strukturelle Übersicht mit Wiener Eleganz mixen. Wie er's herstellt, ist auf der großen, in den vorderen Reihen (dank überambitionierter Bildregie ablenkenden) Leinwand auszumachen. Es wäre daher nicht überraschend, blieben manchem Besucher von der Muster-Deutung zwei Dinge im Gedächtnis: Buchbinders frisch aufgeföhnte Mähne und der meist offene, wie mitmurmelnde Mund.

Erstaunlich übrigens, wie sich die Situation auf dem Platz verändert: weiter vorn guter, etwas unterleibsloser Breitwand-Ton, weiter hinten, wo nur noch Verstärktes und kein direkter Orchesterklang mehr ankommt, lauter, direkter, fast dröhnender Sound, Notenumblättern inklusive. Was alles nichts nützt, wenn Dvoráks Largo-Elegie durch ein fernes Feuerwerk verdorben wird. Da hätte Küppers mit dem Kollegen von der Kreisverwaltung noch gern ein paar Takte verhandeln dürfen...

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