Intimes auf Stein

- An den Vergnügungen und Karrieren des französischen Hochadels, dem Henri de Toulouse-Lautrec (1864-1901) eigentlich entstammte, vermochte er nicht teilzunehmen. Durch zwei schlecht heilende Beinbrüche, die er im Alter von 13 Jahren nacheinander erlitt, war er am weiteren Wachstum gehindert. Früh zeigte sich sein enormes, von der Mutter nachdrücklich gefördertes Zeichentalent. Anzuwenden vermochte er es in der Lithografie, die er gleichwohl erst relativ spät für sich entdeckte. In dem kurzen Zeitraum zwischen 1891 und 1901 entstanden 351 Lithos, darunter 31 Plakate. Toulouse-Lautrec zeichnete mit Kreide oder dem Tuschpinsel, vereinzelt auch mit der Feder, fast immer unmittelbar auf den Stein, nur in Ausnahmefällen auf eigens präparierte Umdruckpapiere.

<P>Gern bediente er sich mit Hilfe von Bürste und Sieb, zumal in der Tönung größerer Flächen, der Spritztechnik. Auch einzelne Höhungen und Lichter charakterisierte er mit Schabern und Nadeln, ebenso die Steine für mehrere Farben. Dann begann der Drucker mit dem Ätzen und Einfärben der Zeichnung. Nur bei den höheren Auflagen der Plakate (bis zu 3000), Programme und Musiktitel wurde meist maschinell gedruckt, sonst von der Handpresse.</P><P>Der Berliner Sammler Otto Gerstenberg (1848-1935) besaß bis auf sechs Blätter, die nur in höchstens zwei Exemplaren bekannt sind, Toulouse-Lautrecs lithografisches Gesamtwerk komplett, darunter zahlreiche Probe-, Zustands- oder Vorzugsdrucke als Unikate sowie Widmungsexemplare und Blätter, die sich bereits in bedeutenden Privatsammlungen befunden hatten.</P><P>In der Tübinger Kunsthalle wird jetzt dieser mit sechs Bibliotheks-Leihgaben komplettierte Gesamtbestand nach 1986 zum zweiten Mal gezeigt. "Nach 16 Jahren ist das jetzt eine andere Generation", sagt Direktor Götz Adriani im Hinblick auf seine Besucher. Sie sind von ihm die ganz großen Namen gewöhnt, zumal unter den Franzosen, im Wechsel mit Gegenwartskunst.<BR>Wie kein anderer wurde Henri Toulouse-Lautrec zum authentischen Zeitzeugen im Paris des Fin de Siè`cle _ auf dem Niveau höchster grafischer Meisterschaft.</P><P>Auf Stein und auf Papier zeichnete er in ganz spontan erscheinender Manier die Sängerinnen, Tänzerinnen und Chansonniers, die Stars des Showgeschäfts und der kleinen Cabarets, Absonderliches und Amüsantes, Intimes in Schlafzimmern und Boudoirs, Eitelkeiten und Genüsslichkeiten, die Komik des Alltäglichen wie des besonderen Auftritts in Vorstadttheatern und Tanzlokalen, in der Manege oder auf dem Rennplatz _ im beständigen, engagierten Interesse des genauen Beobachters an allen Facetten des Menschlichen.</P><P>Mit seinem karikierenden Esprit stand Toulouse-Lautrec in einer großen Tradition. Durch seine Plakate wurde er zum Schöpfer eines neuen Stils der raffinierten Anschnitte und flächigen Farbformen in einer eindringlichen Bildsprache.</P><P>Bis 5. Januar, täglich außer Montag 10-18 Uhr, Dienstag und Freitag bis 20 Uhr. Katalog 16,80 Euro, Tel. 07071/ 969 10)<BR><BR></P>

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