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Saoirse Ronan wurde für ihre Leistung in „Brooklyn“ für den Oscar nominiert.

Interview

Saoirse Ronan drehte am Ort ihrer Kindheit

London - Die irische Schauspielerin Saoirse Ronan über ihren neuen Film „Brooklyn“, Auswanderer und Heimweh.

Ihr Vorname spricht sich „Siersche“: Die irische Schauspielerin Saoirse Ronan bekam schon mit 13 Jahren ihre erste Oscar-Nominierung – für ihre Leistung im Drama „Abbitte“. Nachdem sie seitdem unter anderem als Vergewaltigungsopfer in „In meinem Himmel“ und als Profikillerin in „Wer ist Hanna?“ zu sehen war, wurde sie nun für ihre Hauptrolle in dem Auswandererdrama „Brooklyn“ zum zweiten Mal für den Oscar nominiert. Auf der Leinwand wirkt sie oft wie ein ätherischer Stummfilmstar, doch in unserem Interview beim London Film Festival begegnet uns eine erfrischend bodenständige 21-Jährige: ungeschminkt und ungekünstelt, mit herzlichem Lachen und breitem irischen Akzent.

Eilis, Ihre Filmfigur in „Brooklyn“, wird als irische Immigrantin in New York von Heimweh geplagt. Kennen Sie das Gefühl?

O ja, und wie! Kurz vor den Dreharbeiten habe ich selbst mein Elternhaus in Irland verlassen, bin nach London umgezogen – und litt dort entsetzlich unter Heimweh. Wie Eilis im Film saß auch ich oft traurig auf dem Bett und habe am Telefon meiner Mama die Hucke vollgeheult. Normalerweise spiele ich Figuren, die völlig anders sind als ich, doch Eilis durchlebt im Film ganz ähnliche Emotionen wie ich damals. Deshalb konnte ich zum ersten Mal vor der Kamera meine Gefühle kaum mehr kontrollieren.

Ihre Eltern sind ja selbst in die USA ausgewandert.

Ja, und das ist die zweite verblüffende Parallele zu „Brooklyn“: Der Film erzählt ein Stück weit auch deren Geschichte. Meine Eltern haben Mitte der Achtzigerjahre Irland verlassen, weil es dort keine Jobs gab; sie kamen als illegale Einwanderer nach New York, wo sie sich zwölf Jahre lang durchschlugen. Sie brachten mich da zur Welt, um mir später eine leichte Einreise in die USA zu ermöglichen, doch als ich drei Jahre alt war, gingen sie wieder zurück nach Irland, weil sie mich dort großziehen wollten.

Wo genau sind Sie aufgewachsen?

Im Südosten, mitten in der Pampa, weit außerhalb des nächsten Dorfes und rund 20 Minuten entfernt von Enniscorthy, einem kleinen Städtchen, wo ich oft im Kino war. Und nun stellen Sie sich vor: Ausgerechnet in diesem Ort, das noch nie zuvor ein Kamerateam gesehen hatte, haben wir die Irland-Szenen für „Brooklyn“ gedreht! Für mich war  es  geradezu surreal, nach all den Globetrotter-Jahren mit Dreharbeiten auf der ganzen Welt plötzlich an diesen Ort meiner Kindheit zurückzukehren. Ich traf meinen geliebten Grundschullehrer wieder und entdeckte unter den kostümierten Komparsen ehemalige Schulkameraden, mit denen ich einst Basketball gespielt hatte. All das führte dazu, dass ich den fertigen Film gar nicht sehen wollte.

Warum nicht?

Es war einfach alles zu viel: diese  überwältigende Flut von Emotionen, diese immense Verantwortung, den richtigen Ton zu treffen... Wir erzählen ja eine exemplarische Auswanderergeschichte, und ich hatte wahnsinnig Schiss, die ganze irische Gemeinde zu enttäuschen – sowohl die Leute in meiner alten Heimat als auch die Immigranten in den USA. Ich dachte: Wenn ich mir „Brooklyn“ anschaue, muss ich erkennen, dass ich es versaut habe.

Haben Sie den Film denn inzwischen gesehen?

Ja, und ich bin froh, es hinter mir zu haben. Ich konnte meinen Anblick auf der Leinwand ohnehin noch nie genießen. Es fällt mir auch schwer, zu beurteilen, ob etwas gut oder schlecht ist. Ich vertraue da ausschließlich auf das Urteil meiner Mama. Und sie meinte, „Brooklyn“ hätte ihre eigenen Gefühle während ihrer Emigration genau auf den Punkt gebracht. Ein schöneres Kompliment hätte sie mir gar nicht machen können!

Sie haben seit Ihrem zehnten Lebensjahr fast ununterbrochen gedreht, wirken aber im Gegensatz zu anderen Kinderstars völlig unverdorben. Wie kommt das?

Das verdanke ich meiner Mama. Sie war für mich die perfekte Anstandsdame, denn sie hat mich während meiner Kindheit und Jugend stets zu den Dreharbeiten begleitet, mich beschützt und dafür gesorgt, dass ich glücklich war. All das tat sie, ohne die Filmteams zu nerven – im Gegenteil: Jeder hat sie geliebt. Und sie selbst ist auch ganz unverdorben geblieben. Ruhm interessiert sie überhaupt nicht, und von Glamour oder Promi-Hype hat sie sich nie beeindrucken lassen. Außer von John Travolta. (Lacht.)

Wie hat sich diese Travolta-Begeisterung geäußert?

Dazu müssen Sie wissen, dass meine Mutter „Saturday Night Fever“ 27 Mal im Kino gesehen hat. Als ich mit 13 mit meinen Eltern zur Oscar-Verleihung ging, kamen wir uns völlig verloren vor: Es war unsere allererste Preisverleihung, und wir kannten keine Menschenseele. Doch just in dem Moment, als wir das Theater betraten, tauchte vor uns John Travolta auf – und meine Mama ist einfach total ausgeflippt. Ich glaube, ich habe ihr damit den Höhepunkt ihres Lebens beschert! (Lacht.)

Das Gespräch führte Marco Schmidt.

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