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Bösartig knurrender Frontmann: Bruce Dickinson.

Iron Maiden in der Münchner Olympiahalle

München - Iron Maiden zu Gast in der ausverkauften Olympiahalle: Die Fans bekommen zwei Stunden Energie, drei Zugaben und ein Klirren im Innenohr. Hier die Kritik:

Im Vergleich zu jenen Freiluft-Arenen, die Iron Maiden sonst beschallen, vermittelt die ausverkaufte Münchner Olympiahalle fast die Intimität eines Clubkonzerts. Kein Wunder, dass der Begeisterungs-Pegel der vollzählig versammelten Metal-Gemeinde, die ihren Idolen endlich mal ohne matschverklebte Klamotten ganz nahe sein darf, schon vor dem ersten Ton dauerhaft im roten Bereich verharrt. Ein minutenlanger Urknall leitet das Stück „Satellite 15... The Final Frontier“ vom aktuellen Album ein, dann katapultiert sich Frontmann Bruce Dickinson mit seinem berühmten Spagatsprung auf die Bühne und schraubt die frappierend klare Stimme in schwindelnde Höhen, während seine fünf Kumpane einen kosmischen Sturm entfesseln, die „allerletzte Grenze“ im Visier.

Iron Maiden passen nur bedingt in die Kategorie „Heavy-Metal“, wo Stimmakrobaten, eingeschweißt in Lederhäute, ihre Egos pflegen, während um sie herum ein brutaler Wettstreit zwischen Schlagzeuger, Gitarristen und Keyboardern tobt. Das liegt vor allem an Steve Harris, dem Kopf der Band, der sich nicht in die traditionelle Nebenrolle des Bassgitarristen fügt, sondern als Rock-Alphatier ein Vehikel für seine Ideen suchte. Er hält Iron Maiden quicklebendig und verhindert eine alles überstrahlende Rolle des Sängers – obwohl die Band mit Bruce Dickinson über einen der besten Vokalisten der Rockmusik verfügt. Als zweite Besonderheit leisten sich Iron Maiden drei Gitarristen, was Egoismen erschwert und einen höchst ökonomischen Stil zur Folge hat.

„Dance of Death“ ist so ein typisches Maiden-Epos. Nach einer verhaltenen Akustikpassage nimmt das Stück bedrohlich Fahrt auf, bis es abrupt in einen keltisch angehauchten Reigen übergeht, dem sich ein einfacher Refrain anschließt – eine unwiderstehliche Aufforderung zum Mitsingen. Viele Maiden-Klassiker funktionieren nach diesem Muster, etwa „Fear of the Dark“ mit einem bösartig knurrenden Dickinson oder „The Wicker Man“, bei dem tausende in die Prophezeiung „Your Time will come“ einstimmen.

Zuchtmeister Harris entlockt dem Bass Stakkato-Lawinen und Powerchords und rezitiert jeden Songtext zähnefletschend. Der blondsträhnige Janick Gers spielt den Akrobaten, der sein Instrument in den unmöglichsten Lagen bearbeitet, Adrian Smith legt sein Gesicht in gequälte Falten, als würde er Zementsäcke stemmen, während Dave Murray den Kumpeltypen gibt, der sich bei jedem Solo mit offenem Mund zu fragen scheint, ob er auch einen sicheren Landeplatz finden wird, während im Hintergrund Nicko McBrain seine Trommel-Arsenale mit einer Verve bedient, als wollte er Kometen schreddern. Und über diesen soliden Soundteppich ohne ektronischen Firlefanz tobt ein entfesselter Bruce Dickinson, im Nebenberuf Charter-Pilot, was seine Fitness und den adretten Kurzhaarschnitt erklärt.

Die Energie, mit der diese Truppe zu Werke geht – alle sind immerhin in den Fünfzigern – ist jedenfalls ebenso bemerkenswert wie ihre Spielfreude. Keinen Klassiker bleiben sie schuldig; das abgefeimte „Number oft he Beast“ ebenso wenig wie den dramatischen „Trooper“ oder das großartige „Hallowed be Thy Name“. Als sich die Musiker, überragt von Eddie, dem Maskottchen-Monster, nach über zwei Stunden und drei Zugaben verabschieden, hinterlassen sie ein glückliches Publikum – und ein paar typische Symptome: ein leises Klirren im Innenohr und das Gefühl, statt Knochen gekochte Nudeln im Leib zu haben.

Von Lorenz von Stackelberg

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