Ironischer Unterton

- Viel mussten Borodins "Polowetzer Tänze" ja schon aushalten. Sei es als Filmmusik oder zur Untermalung von Werbespots. Dass dieses Stück trotzdem nicht in allzu großer Wunschkonzert-Seligkeit untergehen muss, demonstrierte nun der Chinese Tan Dun mit den Münchner Philharmonikern (Gasteig).

In seinem Inneren doch eher dirigierender Komponist als komponierender Dirigent, sezierte der Oscar-Prämierte die Partitur mit analytisch scharfem Blick und unterstrich vor allem die rauen Seiten des Werkes. Auch in Schostakowitschs Ouvertüre zum Jubiläum des (nicht ganz so) "freiwilligen Anschlusses" Kirgisiens an Russland trat zwischen den Notenlinien manch ironischer Unterton hervor.

Sind die exotischen Motive in beiden Werken durch den Blick des Außenstehenden gefiltert, erhält Tan Duns eigene Komposition "The Map" ihre Authentizität durch die Zuspielung von kurzen Filmschnipseln, in denen der Komponist die vielfältige musikalische Kultur seiner Heimat Hunan dokumentierte.

Klingende, das westliche Ohr manchmal ein wenig verstörende Zeugnisse einer Tradition, die zunehmend in Vergessenheit gerät. Diese Fragmente, in denen selbst Blätter und Steine zur Klangerzeugung im Einsatz sind, werden dabei vom Komponisten kunstvoll mit dem vertrauten westlichen Orchesterapparat verwoben. Traditionelle Instrumente wie die Mundorgel "Sheng" oder die "Suona", eine Art chinesische Trompete mit durchdringendem Klang, bilden dagegen von den Leinwänden herab einen scharfen Kontrast zum Solo-Cello auf dem Podium, dem Tan Dun hier die Rolle des Vermittlers zwischen den Kulturen zugedacht hat.

Eine Aufgabe, die Cellist Anssi Karttunen mit großer Hingabe erfüllte und nicht einfach nur auf die Tonkonserven reagierte. Auch die vom Komponisten zugestandenen Möglichkeiten zur Improvisation wusste er virtuos zu nutzen und bewegte sich mit sicherem Schritt auf dieser musikalischen Landkarte, mit der Tan Dun eine wichtiger Brückenschlag zwischen alt und neu gelungen ist.

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