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„Was seid ihr, Frauen oder Männer?“: Jana Schulz, eine faszinierende Darstellerin des Macbeth

Irrsinn und Weitermorden

München - Überzeugend, aber rätselhaft: Karin Henkel inszenierte „Macbeth“ an den Münchner Kammerspielen. Lesen Sie hier die Premierenkritik:

„Das Leben ist nur ein Schatten, der verschwindet. Wie ein armer Spieler, der sein Stündchen auf der Bühne hampelt und strampelt, und dann wird es dunkel. Es ist ein Märchen, erzählt von einem Idioten. Voll mit Lärm und Wut. Und es bedeutet nichts.“

Bei Karin Henkels Inszenierung an den Münchner Kammerspielen rackern sich die Spieler zweieinviertel Stündchen ab, sind durchaus nicht arm, und das Märchen wird nicht von Idioten erzählt. Henkels Konzept zu William Shakespeares Drama „Macbeth“ kann überzeugen, obwohl sie den Text, und zwar die Übersetzung von Thomas Brasch, heftig gekürzt, Figuren getilgt und mit Dramaturg Jeroen Versteele zum Teil umgebaut hat. Am Samstagabend hatte diese Produktion mit lediglich fünf Schauspielern Premiere. Für diese freundlicher Applaus, für das Regieteam auch kräftige Buhs.

Henkel geht für ihren „Macbeth“ von obigem Zitat aus, das er nach dem Tod seiner Frau und kurz vor der Erkenntnis seines Untergangs sagt. Dann passiert das Unglaubliche: Der Wald von Brinam bewegt sich auf ihn zu. Die Weissagung, Macbeth sei unantastbar, bis sich der Wald in Marsch setze, gab nur trügerische Sicherheit.

Bäumchen auf Bäumchen fliegen durchs große Rückfenster in das schwarze Haus auf der Bühne (Muriel Gerstner), bis Macbeth und Banquos Geist bedeckt sind. Die Hexen erscheinen wieder in ihren kitschigen Petticoatkleidern, als müssten sie gleich zu einem Tanz-Wettstreit (Kostüme: Tina Kloempken). Diese „Schicksalsschwestern“, diese Strippenzieherinnen (Kate Strong, Stefan Merki, Katja Bürkle) packen sich am Anfang des Abends Macbeth und Banquo (Jana Schulz, Benny Claessens) als hampelmannartige Tanzpartner, beschmieren sie mit Blut. Bei Henkel sprechen die schottischen Krieger zum Teil deren Text. Die Hexen inszenieren das Schicksalsdrama, inklusive Requisiten, Maske und Handscheinwerfer. Nahtlos gleiten sie danach in die anderen Figuren hinüber, besonders sinnfällig bei Katja Bürkle, die die Lady Macbeth gibt. Denn diese peitscht ihren Mann rhetorisch in den Königsmord an Duncan. Das Hin- und Herschlüpfen in verschiedene Personen macht es allerdings denjenigen im Publikum schwer, die die „Macbeth“-Handlung nicht kennen. Die haben im Schauspielhaus schon einen argen Rätsel-Thriller vor sich.

Karin Henkel hält noch mit anderen Mitteln an ihrer Theater-Metapher fest. Sogar die gute alte Brecht’sche Verfremdung mit der groß hergezeigten Szenenanweisung begegnet uns da. Und sie nutzt Kate Strong, die als Englisch-Muttersprachlerin den Shakespeare-Klang einbringen kann. In einem Sprech-Kanon mit Bürkle deutet sich zumindest an, welch ein Füllhorn an poetischer Rede der Elisabethaner (1564-1616) über sein Publikum ausgießen könnte, wenn es die Inszenierung zuließe.

Die Regisseurin versucht, dieses Manko auszugleichen, indem sie uns mit einem faden Männerstück samt Frauenstaffage verschont. Ihre Setzung verankert sie in dem Vers am Stückanfang, den sie Banquo und die Hexen wechselweise einander fragen lässt: „Was seid ihr, Frauen oder Männer?“ Das Androgyne, der Geschlechtertausch ist ohnehin eine Lieblingsfeld von Shakespeare. Obendrein hat Henkel in Jana Schulz, die vom Schauspielhaus Hamburg kommt, eine faszinierende Darstellerin des Edelmanns.

Schulz schildert ihren Macbeth, siegreich heimgekehrt aus der Schlacht gegen Rebellen, als Hamlets Bruder im Geiste. Er will die Krone, will über Leichen gehen - und fiebert doch vor Angst und Ungewissheit. Mit Katja Bürkles Lady verschmilzt sie/er in einer wundererotischen Umarmung zu einer mörderisch harmonischen Person. Aber schnell spaltet sie sich wieder, und jeder für sich wird von Ehrgeiz, Gewissen, Zweifeln und Angst zerfressen. Ergebnis: Irrsinn und Weitermorden.

Für den Wahnsinn der Lady haben Henkel und Bürkle nur die recht abgestandene Form der Zwangswiederholung gefunden. Bei Jana Schulz aber ist es die Hatz. Beim Königsmord, da lässt sie mit nervenflatterndem Spiel ihren Macbeth sich selbst in die Schlitzer-Tat hetzen. Danach ist er der hilflos gehetzte seiner Angst. Als Banquos Geist bleibt sie - gut Idee der Inszenierung - bis zuletzt an seiner Seite. Den fiesen Bluthund Macbeth nehmen die Damen doch sehr in Schutz...

Simone Dattenberger

Nächste Vorstellungen

19., 23. und 29. Juni,

Telefon 089/ 23 39 66 00.

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