Irrsinns-Spirale

- Sergei Nakariakov muss ein Fisch sein, muss durch Kiemen atmen. Woher sonst nimmt er die Luft zu dem endlosen Trompeten-"Geflatter", das Jörg Widmann für ihn maßgeschneidert hat. "Ad absurdum" heißt das Konzertstück für Trompete und kleines Orchester des Münchner Komponisten, das im 4. Abo-Konzert des Münchener Kammerorchesters am Donnerstagabend im Prinzregententheater für Hochstimmung sorgte.

Ein witziges, 2002 geschriebenes Werk, in dem dunkles Holz, Streicher-Geräusche und kurze, markante Schlagzeug-Akzente eine aparte Mischung erzeugen. Getoppt wird die aberwitzige Virtuosität der Musiker nur noch von einer Drehorgel, die mechanisch ihren Part herunterrattert.

Widmann gelingt es, dank seines Musterinterpreten Nakariakov, vorzüglich, den Stillstand in der Irrsinns-Spirale zu demonstrieren. Ähnlich führte Vinko Globokar schon vor 30 Jahren den Virtuosen-Wettbewerb ad absurdum und ließ seinen Posaunisten gleich tot umfallen. Widmann lässt den Trompeter (über-)leben und mit ein paar knarzenden Tönen dem Spuk ein Ende setzen. Großer Beifall für den Komponisten und seine von Christoph Poppen souverän betreuten Interpreten.

Dem Griechenland-Motto dieser Saison waren die übrigen Werke des Abends verpflichtet: John Foulds "Hellas", eine 1932 orchestrierte Suite für doppeltes Streichorchester, Harfe und Schlagzeug, die im Gewand der antiken Modi (lydisch, phrygisch, ionisch, dorisch, äolisch) auftritt und mit einem naturtrüben Klang aufwartet. Ein interessanter, nicht spektakulärer Einstieg.

Für Spannung sorgte dann wieder die Komponistin Konstantia Gourzi. Durchaus eigenwillig durchkreuzte sie Beethovens Ballett "Die Geschöpfe des Prometheus", konfrontierte vier seiner Sätze mit ihren Gedichten. Poppen konnte sich auf das an diesem Abend mit adäquaten Bläsern und Peter Sadlo am Schlagwerk bestens ausstaffierte Kammerorchester verlassen.

Nahtlos wechselte es von der klassisch-beschwingten Transparenz (Nr. 3) oder dem dramatischen Auffahren (Nr. 9) zu der düsteren (Klarinetten-)Klage (Gedicht 2) oder dem exotisch-folkloristisch wirkenden Ausklang mit den in der Stille auspendelnden Glocken (Gedicht 4). Auch am Ende viel Applaus.

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