Irrungen und Wirrungen

- "Das Leben ist schon eine komplizierte Einrichtung, aber interessant." Was Friedrich Hofreiter, der Wiener Fabrikant und Hauptakteur in Arthur Schnitzlers 1911 uraufgeführtem Stück "Das weite Land" über seine eigenen Irrungen und Wirrungen sagt, gilt in höchstem Maße auch für die Inszenierung von Andrea Breth. Mit der Premiere dieser Wiederaufnahme aus dem letzten Jahr haben die Salzburger Festspiele endlich jene künstlerische Qualität, die erwartet werden darf und muss - wenn man ihren weltweiten Ruf und die weltmeisterlichen Preise bedenkt.

<P>Eine Arbeit wie die der Andrea Breth und ihrer hervorragenden Wiener Burgtheater-Schauspieler weist die vorangegangene, belanglose "Frau vom Meer" gnadenlos in ihre Schranken.</P><P>Hatte es 2002 noch den Anschein, Breth sei mit ihrer bemerkenswerten Schnitzler-Inszenierung nicht richtig fertig geworden, ist jetzt eine meisterlich vollendete Aufführung zu bewundern. Der mit verkarstetem Lavagestein ausgelegte Bühnenboden sowie die durchlässigen Schiebewände (Bühne: Erich Wonder) signalisieren zweierlei: zum einen die erloschene Glut der Liebe einer selbst im Absterben befindlichen, in ihren Konventionen erstickenden Vorkriegsgesellschaft. Zum anderen die Existenz dieser Überdruss-Menschen als eine Art Membran, die die Gleichzeitigkeit und auch Flüchtigkeit der unterschiedlichsten Gefühle und Empfindungen ermöglicht.</P><P>Mittelpunkt des Stücks: Friedrich Hofreiter, glanzvoller Geschäftsmann mit Expansionsplänen nach USA, umschwärmter Liebhaber der weiblichen Wiener Tennis-Schickeria und natürlich treuloser Gatte. Ein Mann Mitte 40, am Wendepunkt seines Lebens, der gleich zu Beginn markiert wird durch den geheimnisvollen Selbstmord eines Freundes. Ein eitler Elegant, der das eigene Altern nicht akzeptiert, der die Jugend in der 20-jährigen Erna sucht und im Rivalen Otto herausfordert, der schließlich mürbe und müde eine Entscheidung über Leben und Tod erzwingt. Dass diese Figur das absolut zeitgenössische Zentrum der Aufführung ist, liegt an dem überragenden Sven-Eric Bechtolf, dessen widerspruchsreiches Spiel von fesselnder Modernität ist.</P><P>Liebe, Wissen und Verzicht</P><P>Einem Psychokrimi ähnlich und hochspannend: die ehelichen Dispute zwischen Hofreiter und seiner Frau Genia. Ein selten gut zusammen passendes Schauspielerpaar. Gegenüber dem Vorjahr hat Corinna Kirchhoff in ihrer Rolle ungemein an Überzeugungskraft gewonnen. Ihre Genia: eine sehr interessante, kluge Frau zwischen Liebe, Wissen und Verzicht, Souveränität und Hilflosigkeit, Fremdheit und Trauer.</P><P>Neu in diesem famosen Ensemble, in dem u. a. Elisabeth Orth in der Rolle der Frau Wahl als ein Relikt aus vergangener Zeit und Birgit Minichmayr als die junge, kompromisslos liebende Erna Glanzpunkte setzen, ist Sunnyi Melles. Sie spielt so komisch wie tragisch akzentuiert die in ihrer Eifersucht und ihrem Liebeskummer lächerliche Exgeliebte Hofreiters und Bankiersfrau Adele.<BR>Insgesamt eine Aufführung, die die Fahrt ins nahe Salzburg lohnt; vorausgesetzt, man erwischt im Landestheater keinen Seitenplatz. Dass man nur aus der Mitte heraus wirklich alles sieht, ist um so ärgerlicher, weil einem gerade in dieser sehenswerten Inszenierung nichts entgehen sollte.</P><P>Weitere Vorstellungen: 30. 7. bis 7. 8. Karten: Tel. 0043/ 662/ 80 45 407.<BR></P>

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