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„Dort wird auch meine eigene Geschichte erzählt“: Isabella Fehle vor ihrer neuen Wirkungsstätte.

Was Isabella Fehle als  neue Direktorin des Münchner Stadtmuseums, plant

München - Das Münchner Stadtmuseum in der Hand einer Frau: Isabella Fehle ist ab morgen die neue Direktorin der Institution mit ihren vielen exzellenten Sammlungen.

Es gibt am St.-Jakobs-Platz Schätze von Fotografie bis Mode, von Grafik bis zu historischen Instrumenten, von Volkskunst bis Puppentheater. Darüber hinaus wurden stadthistorische Panoramen eingerichtet wie „Typisch München!“ und „Nationalsozialismus in München“.

-Sie kennen das Münchner Stadtmuseum seit Kindertagen. Was ist Ihre stärkste Erinnerung daran?

Wir sind im Geschichtsunterricht ans Stadtmodell gegangen. Das war ein Erlebnis, weil man so eine Stadt aus einer ganz anderen Perspektive wahrnehmen konnte: von der Zeitstellung her – das muss man als Kind auch erst einmal begreifen – und dann aus der Vogelperspektive. Für uns Kinder war das interessant, man ist ja noch nicht so viel geflogen wie heute.

-Jetzt als Stadtmuseums-Chefin – was liegt Ihnen besonders am Herzen?

Ich denke, dass das Museum tolle Chancen hat. Gerade durch die zentrale Lage. Dann sind es – wenn man neu an ein Haus kommt – die wunderbaren Sammlungen, die einen faszinieren. Die Vielfalt der Sammlungen in ihrer kulturgeschichtlichen Breite und auf der anderen Seite auch in dieser Qualität. Die haben internationalen Anspruch. Sie haben eine besondere Eigenwertigkeit. Das ist ein ganz, ganz hohes Potenzial. Und wenn wir damit gemeinsam in den nächsten Jahren etwas Gutes schaffen, dann können wir uns hervorragend positionieren.

-Wie soll der Weg dorthin ausschauen?

Das Museum heute stelle ich mir als offen vor, als einladend, als erlebnisreich. Wenn man versucht, in diese Richtung zu marschieren, gibt es unterschiedliche Ansatzpunkte. So wie ich es sehe, muss man die Besucherorientierung sehr stark in den Vordergrund rücken. Die Bestände sind fantastisch, man hat ungeahnte Möglichkeiten, aber man kann sie anders präsentieren und aufbereiten, sodass man es dem Besucher einfach leichter macht.

-Sie treten Ihr Amt in einer Umbauphase an.

Das ist doch großartig!

-Haben Sie noch Einflussmöglichkeiten auf die Planung?

Ich hoffe darauf. Ich habe im Laufe meiner Berufstätigkeit an zwei Häusern Umbauten durchgeführt. Man hat seine Vorstellungen, wie die Objekte präsentiert werden sollen. Bloß denke ich, wir müssen zuerst im Team ein besucherorientiertes Konzept entwickeln. Ein Raum zum Beispiel für Möbel ist konservatorisch sinnvoll, aber die Besucherorientierung hat nochmal andere Anforderungen. Das muss ansprechend sein. Und dazu braucht man bauliche Maßnahmen – etwa eine Signalwirkung außen. Ich könnte mir vorstellen, dass man Fronten öffnet. Zum Rosental hin, das ist geplant. Man will sogar den Eingang dorthin verlegen. Wesentlich ist, dass der Publikumsfluss funktioniert. Ich sehe auch große Möglichkeiten für den Innenhof. Egal, ob man da Modenschauen oder Tagungen macht oder ob da Schulen ihre Visionen der Stadt präsentieren. Das müsste ein lebendiges Forum werden. Das Museum als Ort der Begegnung ist heute elementar – gerade in einer so großen, multikulturell gestalteten Stadt. Zur Besucherorientierung gehört noch vieles andere: die Kinder- und Familienfreundlichkeit. Das geht von Aktionsräumen bis zu Räumen mit Wickeltischen. Die Aktionsräume müssen strategisch positioniert sein, damit die Familien wissen, dass sie willkommen sind. Das Angebot muss auch für mehrere Generationen gegeben sein. Ich erlebe das immer wieder: Väter am Sonntag allein mit ihrem Kind oder Großeltern, die ihre Enkel zu museumspädagogischen Veranstaltungen bringen. Im Museum kommen also alle gut ins Gespräch, schauen sich gemeinsam etwas an, reden darüber, spielen zusammen, lassen sich kreativ anregen.

-Stichwort Bildung.

Das Museum müsste heute auch ein Ort des lebenslangen Lernens sein. Der Bildungsauftrag ist immer wichtiger geworden, gerade wenn man sieht, was sich an den Schulen tut. Hier sorgt das Museum für Kreativität, Bildung und Fortbildung, auch für Ermunterung zum Engagement. Man muss sich den Zielgruppen widmen. Da müssen wir massiv einsteigen und überlegen, was unsere bevorzugten Zielgruppen sind. Ich stelle mir vor, das sind vor allem Kinder und Jugendliche, Senioren und, was mir sehr am Herzen liegt, Menschen mit Migrationshintergrund. Letztere müssen sich in der Präsentation wiederfinden. Die müssen sehen: Aha, dort wird auch meine eigene Geschichte erzählt...

-Stichwort Münchner Museumslandschaft.

Sie ist sehr stark kunstorientiert. Das Kunstareal um die Pinakotheken ist dermaßen attraktiv, dass man sich schon überlegen muss, wo man als Stadtmuseum steht. Aber: Das Museum hat einen identitätsstiftenden Charakter, davon bin ich voll und ganz überzeugt. Also habe ich mir gedacht, dass wir mit unserem breiteren kulturgeschichtlichen Ansatz ein schönes Veranstaltungsprogramm aufbauen können. Deswegen muss im Verbund der Themen die Stadtgeschichte einen deutlichen Schwerpunkt haben. Damit will ich die Schüler aus Neuperlach hierher bringen genauso wie die vielen italienischen Touristen.

-Es gibt einige Dauerausstellungen im Haus. Wollen Sie Änderungen angehen?

Im Zuge des Umbaus geschieht einiges ohnehin. „Nationalsozialismus in München“ ist in dem Trakt, der umgebaut wird. Das NS-Dokumentationszentrum wird geplant: Ich sehe das Stadtmuseum nicht singulär, wir wollen keine Insel sein – das heißt, wir überlegen mit dem Zentrum, wie wir Schwerpunkte setzen. Dann hätte man auch mehr Platz für das Thema. Außerdem haben sich die Kollegen im Haus Gedanken gemacht, wie die einzelnen Sammlungen besser verzahnt werden können. Es gibt bereits Konzeptpapiere von den Kollegen.

-Zum 200-Jahre-Jubiläum des Oktoberfestes ist eine Ausstellung geplant. Gibt es für Sie noch die Chance „mitzuspielen“?

Nein, da bin ich ganz gespannt, was mir die Kollegen erzählen, die das vorbereiten. Ein fantastisches Thema auf 2000 Quadratmetern über zwei Stockwerke. Und es wird auf der Wiesn selbst einen kleinen „Ableger“ geben.

-Welche Ausstellungen oder Themen reizen Sie?

Ich habe mir zwei, drei Ausstellungen überlegt, aber die will ich erst mit den Kollegen besprechen. Vielleicht gibt es ja während des Baus eine Situation, wo alles entkernt ist, dann könnte man dort etwas Gigantisches machen – mit Medien, mit Licht, etwas, was dem Umbruchcharakter entspricht. Aber im Grunde müsste das eigentliche Ergebnis der nächsten Jahre sein, dass das Museum ein offenes Haus ist, von dem die Menschen sagen, da gehe ich gern hin, mit Spaß, mit Freude. „Museotainment“ – das finde ich gar nicht schlecht.

Das Gespräch führte Simone Dattenberger.

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