Isabellas Familientreffen

- Keine emporgerissenen oder stürzenden Leiber, die beim Jüngsten Gericht aufsteigen oder in die Hölle gezogen werden. Keine üppigen, nackten Frauen, die sich aus dem Griff der Entführer herauszuwinden versuchen. Keine Löwen, die ihre Pranken in das zitternde Fleisch ihrer Opfer schlagen. Nein, ein trautes Paar, edel gewandet, verweilt - er eher leger mit übergeschlagenen Beinen, sie sittsam _ im Garten, hinterfangen von fröhlich wuchernden Ranken.

<P>"Rubens mit Isabella Brant in der Geißblattlaube" ist ein so intimes wie selbstbewusstes Gemälde - eines der berühmtesten des Flamen und der Alten Pinakothek München. Um dieses Juwel herauszustellen und damit sich die Besucher "darauf einlassen und konzentrieren" können, wie es sich Reinhold Baumstark, Generaldirektor der Staatsgemäldesammlungen, wünscht, hat man um die weibliche Hauptfigur eine kleine, jedoch äußerst erlesene Ausstellung arrangiert.</P><P>"Isabella Rubens" umfasst neben dem Doppelporträt, das Peter Paul Rubens kurz nach der Hochzeit 1609 gemalt hat, und dem Bildnis seines Schwiegervaters Jan Brant aus dem Besitz der Alten Pinakothek mehrere hochkarätige Leihgaben unter anderem aus den Florentiner Uffizien, der Wiener Albertina und der National Gallery of Art in Washington. Rubens zeigt in der Geißblattlaube sich und seine junge Frau als gut situiertes Paar; man ist sich über die eigene Stellung klar, sieht dem Betrachter aufmerksam entgegen - als würde man ihn als Bild anschauen. Rubens bleibt im Rahmen des gesellschaftlichen Systems, erweitert diesen aber malerisch, da er sich mit seiner Frau darstellt, was damals ungewöhnlich war. Ins Zentrum der Komposition positioniert er seine und ihre rechte Hand. Er reicht ihr seine mit nach oben leicht geöffneter Handfläche, sie legt ihre zart auf sein Handgelenk. </P><P>Kein plumpes Händeschütteln oder gar Klammern, sondern eine feine Geste des Schutzes, Vertrauens, der Zuneigung, kurz: des Zusammengehörens. Der Blick der beiden sagt denn auch, seht her, wir sind ein Paar. Knapp 20 Jahre später musste Rubens seine Isabella aus dem Gedächtnis und nach Zeichnungen malen. 1626 war sie an der Pest gestorben. Er zeigt dennoch eine lebensvolle Frau, wenn auch Kleinigkeiten wie das Gebetbüchlein in ihrem Schoß, in das sie den Finger als Einmerkerl gezwickt hat, aufs Jenseits verweisen. Ihre Züge sind freundlich, aber angespannt. Ein Merkmal, das auch Anthonis van Dyck in seinem hochherrschaftlichen Bildnis Isabellas vor dem antikisierten Portikus des Rubens-Anwesens (1621) dokumentiert hat.</P><P>Die Reverenz für die erste Ehefrau (die zweite: Hé´lè`ne Fourment) wäre unvollständig, wenn man ihre Kinder vergäße: Clara Serena, Taufkind der Infantin, Nikolaus und Albert. "Die Werke sind das Kostbarste, was wir in dem Bereich kennen", erklärt Baumstark. Und so schmelzen die Herzen der Besucher bei Clara, die der Papa etwa im Alter von drei, vier Jahren malte; unfertig das Bild bis auf das Wichtigste, das Gesichtchen. Rubens' ganze Kunst und Liebe flossen in den perlzarten Schimmer der Haut, in die Apfelbäckchen, die energiegeladenen Augen, den entschlossenen Mund, die sehr an die Mutter erinnern. Später wird er die 12-Jährige zeichnen - sie starb mit 13 -, schon eine junge Dame und schon in höfischem Gewand. Der Künstler spürte auch bei seinen Söhnen dem Kleinkind nach genauso wie dem Heranwachsenden. So ein Racker war überdies Neffe Philipp. Als blond gelockter Wonneproppen, der einen Vogel tratzt, wurde er vom Onkel verewigt. Philipp schrieb übrigens die erste Rubens-Biografie.</P><P>Bis 18. Januar '04. Tel. 089/ 23 80 52 16.<BR></P>

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