"Ist das Buffet heute zu?"

- Am Anfang ist es ein bisschen wie zur Saisoneröffnung der Mailänder Scala. Viel Polizei, noch mehr Kamerateams, ein roter Teppich, Prominente vor Mikrofonen und dank eines Häufchens Demonstranten gar ein wenig Happening-Stimmung. Statt wie in Italien Pelzgegner und Globalisierungskritiker in Schach zu halten, muss die Polizei an diesem Abend in der Deutschen Oper Berlin die westliche Kultur vor der islamistischen Bedrohung retten.

Das Haus nimmt Wolfgang Amadeus Mozarts "Idomeneo" in der Inszenierung von Hans Neuenfels wieder in den Spielplan auf -­ jene Inszenierung, die das Landeskriminalamt im Herbst wegen ihrer inzwischen berüchtigten Schlussszene als unkalkulierbares Sicherheitsrisiko beurteilt hatte, worauf Opernchefin Kirsten Harms das Stück kurzerhand absetzte. Der Aufruhr danach war groß.

Umso größer die Genugtuung, dass die Inszenierung nun wieder präsentiert wird. Nachdem sich in der islamischen Welt fast niemand dafür interessierte, dass irgendwo in einem Opernhaus ein abgeschlagenes Haupt von Mohammed gezeigt wird, hat niemand mehr Angst vor fanatisierten Schläfern. Ein bisschen demonstriert wird aber doch. Ein älterer Herr hält stolz sein Plakat in die Kameras: "Kunstfreiheit oder Jesus Christus?" Ein weiteres Banner ermahnt zu "Respekt, Achtung vor der Würde, vor dem Glauben des Menschen". Das freut die zu dem Weltereignis der "Idomeneo"-Aufführung herbeigeeilten Kameraleute, Fotografen und die ihre dramatischen Aufsager sprechenden Fernsehjournalisten. Als wär‘s ein Stück von Peter Sellars.

Da Terroristen sich nicht brav in die Kälte stellen, sondern eher der alten Boulez-Forderung nachkommen würden, die Opernhäuser in die Luft zu sprengen, müssen die Vorstellungsbesucher umfangreiche Einlasskontrollen über sich ergehen lassen. Angestammte Gäste finden sich im Haus nicht mehr zurecht. Die Deutsche Oper sieht aus wie ein Landtag am Wahlabend: Kabel, Scheinwerfer, Mikrofone, Schminktische; überall Reporter mit Mikro und Schreibblock, im Parkettfoyer gar ein ganzes Fernsehstudio. "Ist halt ein klassischer Medienhype", meint ein Mann trocken. Eine Abonnentin fragt aufgeregt: "Ist das Buffet heute zu?" Offenbar haben viele schon vergessen, um was es an diesem Abend geht.

Man begreift es wieder, wenn man einen Blick in die VIP-Lounge wirft. Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner im Gespräch mit Opernchefin Kirsten Harms; die Bundespolitik vertreten Innenminister Wolfgang Schäuble und Grünen-Fraktionschefin Renate Künast, außerdem zugegen: Bürgermeister und Kultursenator Klaus Wowereit. Nicht ganz die Crème de la crème, aber für eine eigentlich stinknormale Repertoire-Aufführung ein wahrer Aufgalopp. Und das Haus ist voll, keine Selbstverständlichkeit in der von Misserfolgen gebeutelten und von Fusionsängsten geplagten Deutschen Oper.

Bei der Wiederbegegnung mit der Inszenierung drei Jahre nach der Premiere zeigt sich: Die Aufführung hat zwar keine großen Durchhänger, aber spannend ist sie auch nicht ­- kein Vergleich etwa zur fulminant frischen Neuenfels‘schen "Zauberflöte" (Komische Oper). Und dann kommt jene Szene: Noch bevor irgendwas geschieht, schallt es vom Rang: "Aufhören!" Einige schreien Bravo, manche Buh. Idomeneo-Sänger Raúl Giménez packt aus seinem blutigen weißen Sack die abgeschlagenen Häupter von Buddha, Mohammed und Jesus ­- als Zeichen seines Triumphes über die göttliche Opferpolitik. Einer ruft: "Gut gemacht". Daraufhin Protest.

Also alles so wie immer ­- für Berliner Verhältnisse gehören diese Bravo/ Buh-Gefechte dazu. Auch draußen in den Wandelgängen ein geteiltes Meinungsbild, die Kommentare pendeln zwischen "Hab‘ schon Schlimmeres gesehen" und "Reine Provokation".

Es schlägt wieder die Stunde der Reporter. Schäuble beschwört die Toleranz. Es sei gut für die Integration, wenn Muslime und Nichtmuslime gemeinsam in die Oper gingen. Allerdings kann man die Muslime, die an diesem Abend da sind, an einer Hand abzählen. Aber gut, dass wir mal drüber gesprochen haben.

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