"Ist das nicht herrlich?" - Mit Mariss Jansons, Chef des BR-Symphonieorchesters, in seiner Heimat St. Petersburg

St. Petersburg - Es gibt sie noch, die alten "Lada"-Autos aus der Sowjetzeit. Einst knatterten sie durch Leningrad, heute machen sie die Straßen von St. Petersburg unsicher: So heißt die Stadt an der Newa seit 1991 wieder. Herausgeputzt präsentiert sich das "Venedig des Nordens" zumindest von vorne.

Denn hinter mancher aufpolierter Fassade hausen noch immer mehrere Familien in ehemals sowjetischen "Kommunalwohnungen" unter einem Dach.

Mariss Jansons ärgert sich über solche Missstände. Dennoch bleibt der 65-Jährige St. Petersburg treu. Obwohl er derzeit als Chefdirigent des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks und des Amsterdamer Concertgebouw-Orchesters wirkt, würde er seine Wohnung und die Datscha auf dem Land nie aufgeben. Für ein BR-Fernsehporträt, das im Herbst ausgestrahlt wird, führte Jansons nun durch sein St. Petersburg. Von Ort zu Ort, von Erinnerung zu Erinnerung.

Eine Art Refugium ist Jansons' Wohnung, wo er mit seiner zweiten Frau Irina lebt. Auf einem Strand in Jalta am Schwarzen Meer haben sie sich kennengelernt, 1985 war das. "Es war Liebe auf dem ersten Blick", erinnert sich Irina Jansons. "Ich wusste nicht, dass er ein Dirigent war. Er hat mir einfach gefallen." Ihre Tätigkeit als Ärztin hat sie aufgeben: "An seiner Seite gibt es immer viel Arbeit. Wissen Sie, ich bin etwas eifersüchtig auf seine Disziplin", schmunzelt sie. "Ich wäre gerne mehr mit ihm zusammen."

Es ist das reiche kulturelle Erbe, das Jansons an St. Petersburg liebt. Über seinem Schreibtisch thront ein Schostakowitsch-Porträt des Malers Gabriel Glikman. Von 1982 bis zu einem Tod 2003 lebte Glikman in München, er war mit Jansons befreundet. Auf dem Bild sind Schostakowitschs Schultern verkrampft hochgezogen, die Hände ineinander gepresst. "Er war wirklich so - sehr angespannt und nervös", erinnert sich der Dirigent.

Ob man die Politik und die Geschichte von den Partituren des in der UdSSR angeprangerten und zugleich gefeierten Komponisten trennen kann? "Die Politik ja, die Geschichte nein. Man muss Assoziationen wecken." Einige Male hat Jansons Schostakowitsch erlebt. Auch in der Petersburger Philharmonie, wo zahlreiche Werke des Meisters uraufgeführt wurden, befindet sich eine Schostakowitsch-Arbeit von Glikman.

"Ist das nicht herrlich?", schwärmt Jansons, womit er allerdings die prächtigen Dirigenten- und Solistenzimmer meint. "Vergleichen Sie das mal mit dem Münchner Herkulessaal!" In der geschichtsträchtigen Philharmonie begann die Petersburger "Jansons-Dynastie".

Rückblick, Riga 1943: In einem Versteck im jüdischen Getto der lettischen Stadt wird Jansons geboren, er redet nicht gerne darüber. Nachdem Jansons' Vater bei den Leningrader Philharmonikern Assistent des Dirigenten Jewgeni Mrawinski wurde, zieht die ganze Familie 1956 an die Newa. Wie sein Vater wurde Jansons 1971 Mitarbeiter von Mrawinski und schließlich zwei Jahre später stellvertretender Dirigent der Leningrader Philharmoniker.

In einem Saal der Philharmonie hängen Porträts von Jansons' Vater und Mrawinski. "Sehen Sie nur, was für eine Autorität!" Jansons betrachtet das Mrawinski-Bild. "Viele hatten Angst vor ihm." Selbst Berühmtheiten wie David Oistrach, Mstislaw Rostropowitsch oder Swiatoslaw Richter sollen verstummt sein, wenn Mrawinski den Raum betrat. Dass Jansons seinem Vater nachfolgte, war keineswegs ein Vorteil - vielmehr erhöhte es den Druck. Am Anfang war die Höhere Musikschule des Konservatoriums, die Jansons bis 1962 besuchte und auf das eigentlich Konservatorium vorbereitete. Auch andere berühmte Persönlichkeiten haben hier die Schulbank gedrückt, darunter der Cellist Mischa Maisky. War Jansons ein Wunderkind?

"Er hat fleißig gearbeitet, war diszipliniert und zielstrebig", berichtet seine Mitschülerin und heutige Vize-Schuldirektorin Natalia Uschakowa. "Und er war ein sehr guter Basketballer." Schließlich durfte Jansons einen Lehrer für Gehörbildung vertreten. "Ich bin dieser Schule sehr dankbar. Sie hat aus mir das gemacht, was ich heute bin." Umso schmerzlicher ist für Jansons ihr unübersehbar schlechter Zustand: Die Schule muss dringend renoviert werden, zudem beträgt das Monatsgehalt eines Lehrers umgerechnet 95 Euro. Schon wird über Lehrer- und Schülerschwund getuschelt. "Wir sind sehr dankbar, dass uns Jansons bereits Preisgelder gestiftet hat", so Schuldirektorin Valentina Fedosseeva. Jüngst waren es 10 000 Dollar, womit auch die Teilnahme an internationalen Wettbewerben ermöglicht werden soll. Demnächst wird ein zwölfjähriger Geiger nach München reisen.

Darüber hinaus unterstützt Jansons das Konservatorium und leitet Mitte April eine "Carmen"-Aufführung mit Studenten und Profis. "Für uns ist das sehr wichtig", so Rektor Alexander Tschaikowski. "Einige sagen: Jetzt wissen wir, warum wir hier studieren." Da ist er wieder, der krasse Petersburger Widerspruch.

Während nämlich einerseits Missstände klaffen, fließt an anderer Stelle großzügig Geld. So ist für 2010/ 11 die Eröffnung einer zweiten Bühne des Marinski-Theaters geplant. Bereits im November 2006 wurde ein neuer Konzertsaal mit exzellenter Akustik eröffnet, den Valery Gergiev für das Marinski-Theater initiiert hat und der von Sponsoren finanziert wurde.

"Das scheint paradox", räumt Jansons ein. "Aber ist es nicht auch paradox, dass St. Petersburg mit der Philharmonie und der neuen Konzerthalle zwei akustisch hervorragende Säle hat, während ein solcher in der reichen Musikstadt München fehlt?" Doch bleibt ein schaler Nachgeschmack, denn hervorragende Säle wollen schließlich mit hervorragender Musik gefüllt sein.

Es ist nämlich ein offenes Geheimnis, dass die ehemals Leningrader Philharmoniker heute nicht mehr den guten Ruf wie früher genießen. Ein bekannter Petersburger Musikkritiker formuliert es so: "Niemand möchte die Diktatur zurück, aber es wurden nicht nur Fehler gemacht. Die Kulturförderung war früher besser - auch weil es für die sowjetischen Machthaber eine Frage des Prestiges gegenüber dem Westen war."

So empfinden einige in dieser Stadt, andere beziehen dies zuweilen ebenso auf weitere Bereiche der Gesellschaft. Vielleicht gurken auch deswegen immer noch alte "Ladas" aus der Sowjetzeit durch St. Petersburg. Draußen, vor der Tür.

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