Gärtnerplatz-Premiere im Cuvilliéstheater: „Schon ein komisches Gefühl“

München - Eine Sängerinnen-Legende kehrt als Regisseurin nach München zurück: Brigitte Fassbaender inszeniert „Don Pasquale“

Von viel Nostalgie umrankt ist diese Heimkehr. Jahrzehntelang gehörte sie zu den Sänger-Säulen der Stadt, München war das Basislager von Brigitte Fassbaenders Weltkarriere. Dass die Bayerische Staatsoper einst vom Abschied ihrer Mezzo-Legende kaum Notiz nahm, diese Wunde ist (fast) verheilt. Nun ist die 73-Jährige, die bis vor kurzem das Tiroler Landestheater in Innsbruck geleitet hat, wieder da, als Regisseurin von Donizettis „Don Pasquale“. Die Gärtnerplatz-Produktion hat am morgigen Donnerstag im Cuvilliéstheater Premiere, Chefdirigent Marco Comin steht am Pult, Franz Hawlata singt die Titelrolle.

Giuseppe Verdis „Falstaff“ haben Sie in Ihrer letzten Innsbrucker Saison inszeniert, jetzt kümmern Sie sich schon wieder um einen Schwerenöter. Zufall? Absicht?

Zufall. Mir sind die Werke, die ich nicht auf der Liste habe, ohnehin die liebsten. Ich habe keine Wunschstücke. Als Regisseurin konfrontierte ich mich mit vielem und war dann oft total fasziniert, zum Beispiel in Innsbruck von Berlioz’ „Trojanern“. Donizettis „Don Pasquale“ ist eine schwierige Sache – wie jede Komödie.

Weil heute über andere Dinge gelacht wird als zu Donizettis Zeiten?

Das glaube ich nicht. Komödie muss man einfach sehr ernst nehmen und darf nichts draufsetzen. Das, was Pasquale durchmacht, ist nicht komisch. Ich habe durchaus auch Mitleid mit ihm.

Das Stück könnte also überall und zu jeder Zeit spielen?

Genau. Gut, bei uns ist jetzt nicht alles C&A, sondern eher zeitlos...

Ist Komödie auch für Sänger besonders schwer?

Das finde ich schon, weil die gerne auf die Pauke hauen. Und diese Klischees muss man ihnen austreiben. Das ist übrigens beim Tragischen genauso. Gerade junge Sänger finden beim Liedrepertoire immer gleich die schwärzesten, tiefgründigsten, melancholischsten Brocken toll.

Sind Sie als Regisseurin von den Stücken ausgegangen, in denen Sie selbst auf der Bühne standen?

Nee, gar nicht. Da war ich ja so besetzt mit der Fantasie, da kamen immer die alten Bilder hoch. Ich habe nie „Così fan tutte“ inszeniert, jetzt erst habe ich das Gefühl, dass ich mir daran gern die Zähne ausbeißen würde.

Was war überhaupt Ihr erstes Erlebnis im Cuvilliéstheater?

Das war in Mozarts „Figaro“, ein Kurzauftritt als Mädchen am Ende des dritten Akts. Später kam über Nacht der Cherubino im selben Stück, den hatte ich mitstudiert. Eines Morgens der Anruf: „Frau Töpper ist krank, können Sie abends singen?“ Es folgte die dritte Dame in der „Zauberflöte“ mit Fritz Wunderlich, 1968 mein Durchbruch in Rossinis „Liebesprobe“, Haydns „Pescatrici“, das Schlittschuhmädchen in Strauss’ „Intermezzo“, dann „Così“, die Clairon in Theo Adams „Capriccio“-Inszenierung, natürlich der Sesto in Mozarts „Titus“ mit Ponnelle als Regisseur. Ach, ich habe hier schon einiges auf die Bühne gesetzt.

Wie ist das, wenn Sie diese jetzt in anderer Funktion betreten?

Ganz merkwürdig. Sie merken ja: Das ganze Paket Erinnerungen ist sofort wieder da.

Und wenn Sie an die örtliche Nähe zur Staatsoper denken?

Ein bisschen wehmütig wird man dann. Wenn ich allein bedenke, wo ich früher mein kleines Auto geparkt habe und wo jetzt diese Schickimicki-Geschäfte sind. München ist wie Berlin schon Heimatboden. Lange Jahre war ich nicht im Nationaltheater, jetzt habe ich mir den „Tannhäuser“ angeschaut. Vielleicht gehe ich wieder öfters hin. Ist schon ein komisches Gefühl.

Wie verfolgen Sie eine Vorstellung? Kann man da unbelastet sitzen mit all dem Wissen und der eigenen Erfahrung?

Ich verfolge Vorstellungen schon kritisch. Und sehe manchmal, wie viel Schlamperei auf solchen großen Bühnen herrscht und wie das alles aussieht. Ich merke dann, dass man mal dringend aufs Portal schauen und auf die Beleuchtungseinrichtung achten müsste. Da wird zu hohen Preisen oft Merkwürdiges angeboten. Das hat nichts mit dem Repertoirebetrieb zu tun, sondern mit Nachlässigkeit.

Haben Sie schon losgelassen von Innsbruck?

Ich bin gerade dabei. Es war eben ein wunderbarer Übergang, wenn man nach der Sängerkarriere gleich wieder etwas zu tun bekommt.

Wie stark üben Sie Kontrolle aus?

Na ja, bei der Regie will ich es bei aller Freiheit sehr präzise haben. Ich habe in großen Zügen jede Szene im Kopf und verlasse mich viel auf die Spontaneität der Darsteller. Erst wenn das nicht klappt, greife ich eben ein. Als Intendantin wollte ich in der Funktion der Gesamtverantwortlichen über alles informiert sein. Einzelentscheidungen überließ ich dann den kompetenten Mitarbeitern.

Im Cuvilliéstheater rückt das Publikum den Sängern sehr nahe. Ist Theater hier schwieriger oder leichter?

Ich mag das. Diese Intimität fordert eine große Subtilität. Und darauf lege ich ohnehin immer größten Wert. Viele Sänger sind heutzutage hervorragende Schauspieler, die man nur formen und disziplinieren muss. Dieser Trend entstand vor allem durch die Schauspielregisseure, die zur Oper abgewandert sind.

Haben die Sänger Hemmungen, wenn sie plötzlich mit einer Opernlegende konfrontiert sind?

Gar nicht. Ich spüre Respekt und Freude. Dazu bin ich gottlob als Regisseurin schon etabliert genug. Es gibt andere, die mich von früher kennen. Zum Beispiel unser Beleuchter, der gleich sagte: „Ich hab’ Sie so oft als Sesto gesehen!“ Ähnliches kam vom Werkstättenleiter. Und wenn ich ins Nationaltheater gehe, erkennen mich manche im Publikum. Das zu fühlen, ist schon schön.

Und warum führen nicht mehr Sänger Regie?

Die halten die schlechten Kritiken nicht aus. Sie kennen es nicht, dass sie derart zerpflückt werden. Eigentlich weiß man doch erst nach der fünften Inszenierung, wo’s langgeht. Ich hab’ das alles verkraftet. Weil es fair geschrieben war. Oder ich habe gleich die persönliche Häme gespürt. Dann legt man so etwas ad acta und vertraut seinem Instinkt.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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