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Christian Springer im Wochenend-Interview: „Ich hab noch kein Jahr erlebt, wo nicht über den Bierpreis gemeckert wurde.“

„Keiner wird gezwungen, hinzugehen“

Ist die Wiesn-Mass zu teuer? Ein Münchner Kabarettist klärt auf

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In einem Interview am Münchner Viktualienmarkt reden wir mit Christian Springer über die Bierpreisentwicklung auf der Wiesn. Ein Gespräch über das bekannteste Volksfest der Welt.

Derzeit ist der Münchner Kabarettist Christian Springer (53) mit seiner Vor-Premiere in Bayerns Städten unterwegs. Alle machen. Keiner tut was! heißt das neue Solo, mit dem er am 7. Juni im Lustspielhaus sein offizielles Debüt hat. Alle machen. Keiner tut was – passt zur Debatte um den Wiesn-Bierpreis, der über elf Euro liegen wird und vielen den Schaum vor den Mund treibt. Der Ex-Fonsi, Löwenbräu-Starkbierredner mit Sauber-einschenk-Lizenz, hat da eine Meinung, die vielleicht nicht jedem schmeckt. 

Herr Springer, die Mass wird über elf Euro kosten. Da fragen sich viele: Geht’s noch?!

Christian Springer: Doch, das geht. Das Oktoberfest war noch nie eine soziale Veranstaltung. Halt, stimmt nicht: Im Jahr 1866 hat die Stadt beschlossen, „in Anbetracht der Zeitverhältnisse und dem Mangel an Bargeld, ein Oktoberfest nicht abzuhalten“. Die Stadt hat damals soziale Verantwortung übernommen. Heute tut sie das wieder, sagt sie.

Und wie?

Springer: Indem sie die Sicherheitsvorkehrungen erhöht. Das bezahlen dann wir mit jeder Mass.

Halten Sie das für sinnvoll – oder ist das eine reine Gefühlssache mit der Angst vor Anschlägen?

Springer: Ich bin mir nicht sicher, ob sich jemand sicherer fühlt. Ein Anschlag ist dadurch nicht verhinderbar. Und der erste Zaun um die Wiesn wurde nicht wegen der Terroristen aufgebaut, sondern weil irgendein Idiot vom Radl gestürzt war, als die Wiesn grad aufgebaut wurde. Das war für die Münchner ein Schock.

Zurück zum Bierpreis: Ist mit elf Euro keine Schmerzgrenze erreicht?

Springer: Ich hab noch kein Jahr erlebt, wo nicht über den Bierpreis gemeckert wurde. Sogar in den seltenen Ausnahmen nicht, wo er gar nicht erhöht wurde. Ich muss da leider auf die Grantler schimpfen. Die Wiesn ist eine Veranstaltung der Wirte und der Stadt. Keiner wird gezwungen, da hinzugehen. In München haben parallel über 10.000 Lokalitäten während dieser Zeit geöffnet, wo es auch Bier gibt.

Hat schon mal jemand über die Preise bei Helene Fischer gejammert?

Da ist’s auch nicht billiger.

Springer: Doch, es gibt schon noch ein paar billigere Orte.

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Aber heißt es nicht jedes Jahr wieder: Willkommen auf dem „größten Volksfest der ganzen Welt“? Stimmt das nicht?

Springer: Ja, so heißt es – aber das ist nur die Überschrift. In Wahrheit ist es das bayerische Mega-Event, das der Freistaat aufbietet. Bei allen anderen Events gibt es aber über Geld keine Diskussion. Oder hat schon mal jemand über die Preise bei Helene Fischer gejammert?

Sie sind ja eine echte Grantel-Spaßbremse…

Springer (grinst): Tut mir leid. Um ein Gscheidhaferl zu sein – Thomas Mann hat mal gesagt: „Ich musste erleben, dass man München eine dumme, eigentlich die dümmste Stadt nannte.“ Es sei der „Ort aller Verstocktheit“.

Bewährtes Bild: Christian Springer hält traditionell die Starkbierrede im Löwenbräu-keller.

Jetzt sagen Sie nicht, dass er den Bierpreis gemeint hat...

Springer: Nein, das war 1926. Er hatte das auf die Nazis bezogen. Schade eigentlich.

Gehört der Wiesn-Bierpreis Ihrer Meinung nach zur urmünchnerischen Grant-Tradition?

Springer: Definitiv. Ich bin ein Münchner Kindl und grantel auch gerne. Zum Beispiel darüber, dass alle so viel granteln. Und am meisten darüber, dass die Bierpreis-Grantler dann doch jedes Jahr auf die Wiesn gehen.

Sie können leicht granteln, Sie werden als Prominenter doch garantiert seit vielen Jahren keine einzige Mass selber zahlen…

Springer: Von wegen! Ich reserviere beim Wiggerl Hagn einen Wiesn-Tisch und lade meine Familie ein. Da gibt’s a Rechnung. Und die zahl ich. Wer mich kennt, weiß, dass ich keine Freibierlätschn bin. Es gibt an München so viel zu kritisieren, aber der Wiesn-Bierpreis geht in die falsche Richtung.

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Was wäre die richtige?

Springer: Zum Beispiel könnte man der Frage nachgehen, warum sich die minderjährigen Kinder der Großkopferten mit 15 Mass volllaufen lassen können und der Rentner nebenan froh ist, wenn er sich eine und eine Brezn leisten kann.

Ihr Gegenvorschlag?

Springer: Noch mehr soziale Aktivität auf der Wiesn. Wir haben ein Italiener-Wochenende, wir haben einen Familientag – dann verträgt die Wiesn auch noch einen sozialen Montag.

Und wie könnte der dann Ihrer Meinung nach ausschauen?

Springer: An diesem Tag stellt die Bedienung die Mass vor dem Gast hin und sagt: „Zahl, was sie dir wert ist.“ So sehr würden die Bedienungen nie mehr geliebt wie an diesem Tag. Und mehr Trinkgeld als an diesem Tag würden sie wahrscheinlich auch nie mehr bekommen...

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