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Kein einfacher Zeitgenosse - und ein wahrer Künstler: Bernardo Bertolucci.

Zum Tod des italienischen Filmemachers Bernardo Bertolucci (1941-2018)

Bernardo Bertolucci – der schwierige Kaiser

Mit dem Film „Der letzte Tango in Paris“ löste Bernardo Bertolucci 1972 eine heftige Kontroverse aus. Jetzt ist der italienische Filmemacher im Alter von 77 Jahren gestorben. 

In einer der schönsten Szenen des Meisterwerks „Der letzte Kaiser“ erklärt Peter O’Toole als Lehrer dem chinesischen Herrscher, welche Bedeutung Worte haben. „Wenn man nicht ausspricht, was man denkt, meint man nicht, was man sagt.“ Für Bernardo Bertolucci, den Mann, der das Drehbuch geschrieben und den Film inszeniert hat, war das ein Glaubensbekenntnis.

Film ist für den Italiener immer mehr gewesen, als Geschichten in Bildern zu erzählen – obwohl er sich dagegen wehrte, in seinem Werk nach Botschaften zu forschen. Aber es ist offenkundig, wie sehr Bertoluccis Filme immer auch Essays über das Wesen der Freiheit sind. Der Regisseur, der einst vielversprechend als Literat begonnen hat, legte nicht nur Wert auf die Bildsprache, sondern auch darauf, was er seine Figuren sagen lässt.

Bertolucci 1987 hinter der Kamera beim Dreh zu „Der letzte Kaiser“.

„Der letzte Kaiser“ ist sein größter Triumph, mit neun Oscars ausgezeichnet. Gleichzeitig ist der Film ein Paradebeispiel, wie Bertolucci Kino einsetzt, um klar zu machen, was er meint: etwa dass absolute Macht verheerend ist. Dass jeder Mensch eine Aufgabe braucht. „Was ist so schlimm daran, von Nutzen zu sein?“, wird der Kaiser von China gefragt, als er mit dem Schicksal hadert. Der Film von 1987 ist zudem ein Loblied auf Demut, Erziehung – und den Kommunismus.

Bertolucci, 1941 in der seit jeher tiefroten Provinz Emilia-Romagna geboren, ist zeitlebens glühender Kommunist. Er stammt zwar aus einem gutbürgerlichen Haus, wächst aber unter Bauern auf und schlägt sich instinktiv auf die Seite der Schwachen. Das ist im Italien der Nachkriegszeit unter Intellektuellen nicht ungewöhnlich, nur ist bei Bertolucci bemerkenswert, wie sehr er der Ideologie verhaftet bleibt, ohne sich in dogmatischer Spinnerei zu verheddern. Ungerechtigkeit, Unterdrückung, der Kampf um Teilhabe sind Themen, die er immer verfolgt – Agitprop dreht er aber nie.

Bernardo Bertolucci (li.) im Gespräch mit seinen Hauptdarstellern Marlon Brando und Maria Schneider beim Dreh zu „Der letzte Tango in Paris“ 1972.

Als Assistent von Pier Paolo Pasolini fängt er an, macht sich in den Sechzigern einen Namen und feiert 1972 mit dem kontrovers diskutierten „Der letzte Tango in Paris“ seinen ersten weltweiten Triumph. Die Geschichte um einen abgewrackten Mann, der dem Abgrund entgegen taumelt und sich mit exzessivem Sex am Leben halten will, sorgt wegen expliziter Szenen für wilde Diskussionen. Bis heute, denn Maria Schneider berichtet später, dass sie in der berüchtigten Sequenz, in der Marlon Brando sie mit Gewalt von hinten nimmt, tatsächlich vergewaltigt fühlte. Bertolucci hat ohnehin nicht viel Empathie für weibliche Figuren. Avantgardistische Weltrevolution hin oder her, für ihn sind nur Männer denkende Wesen. In dieser Hinsicht wird er Provinz-Macho bleiben, bei aller künstlerischen Brillanz.

Auch im Spätwerk „Die Träumer“ (2003), in dem es um die Aufbruchstimmung von 1968 geht, sind Frauen Objekte der Begierde. Zudem muss man vermuten, dass er „Gefühl und Verführung“ (1996) nur gedreht hat, um der damals blutjungen Liv Tyler mit der Kamera auf die Pelle zu rücken. Das immerhin beherrscht Bertolucci atemberaubend gut.

Bertolucci 2013 mit seinem Hollywood-Stern.

Er ist einer der wenigen Filmemacher, die tatsächlich jeden Bildausschnitt, jede Szene akribisch selbst setzen – dem Kameramann bleibt nicht viel mehr, als das Licht einzurichten. Das Ergebnis sind phänomenale Bilderstürme, die hypnotisieren können. Am grandiosesten vielleicht in „1900“ (1976), dem heimlichen Hauptwerk und der Liebeserklärung an seine Heimat. In dem Epos um zwei gegensätzliche Freunde steckt im Grunde alles, was den Mann umtreibt: die Abscheu vor dem Faschismus, die Ungerechtigkeit der Verhältnisse, die fatale Neigung des Menschen, sich selbst ein furchtbares Schicksal zu bereiten, der naive Glaube an eine bessere Zukunft und die Enttäuschung, dass diese Zukunft nie anfängt, weil wir zu sehr in der Vergangenheit leben. Am Ende hat er dieses Rezept noch einmal für „Der letzte Kaiser“ übernommen und danach sehr geschickt sein Erbe verwaltet, ohne große kreative Impulse zu setzen. Aber was heißt das schon bei einem derartigen Œuvre.

Die letzten Jahre widmet Bertolucci, wegen eines Rückenleidens an den Rollstuhl gefesselt, leidenschaftlich dem Kampf für Barrierefreiheit in Rom und dem Beklagen des kulturellen Verfalls Italiens. Nun ist der Mann, der gleichermaßen im Gestern und Morgen verhaftet war, in Rom gestorben. Ein schwieriger Typ aus vielen Gründen. Und ein wahrer Künstler.

Zoran Gojic

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