Italiens Medien wittern "Verrat" am heimischen Kino

- Der britische Regisseur Mike Leigh hat beim Filmfestival in Venedig überraschend den Goldenen Löwen gewonnen. Der 61-Jährige erhielt den Preis für seinen Streifen "Vera Drake" über das Arbeiter- und Arme-Leute-Milieu im London der 50er-Jahre. Eine strahlend-schöne Sophia Loren überreichte die Auszeichnung bei einer Gala am Samstagabend im prunkvollen Teatro La Fenice in Venedig. Enttäuschung dagegen für die Deutschen: Wim Wenders und sein Beitrag "Land of Plenty" gingen leer aus.

<P>Die britische Schauspielerin Imelda Staunton (48) bekam für ihre Hauptrolle in "Vera Drake" den Preis als beste weibliche Darstellerin. Sie spielt darin eine Frau, die als "Engelmacherin" jungen Mädchen bei Abtreibungen hilft. Der spanische Schauspieler Javier Bardem (35) wurde für seinen Part in "Mar adentro" zum besten männlichen Darsteller gekürt. In dem Film gibt er einen Querschnittsgelähmten, der Hilfe sucht, um aus dem Leben zu scheiden. Die deutsche Hospiz-Stiftung hatte diesen Beitrag des Spaniers Alejandro Amenábar, der auch den großen Preis der Jury erhielt, als Propaganda für Sterbehilfe kritisiert. Insgesamt liefen bei der Biennale 22 Filme im Wettbewerb.</P><P>"Schön, dass in dieser zynischen und kommerziellen Welt ein unabhängiger europäischer Film mit kleinem Budget gewinnen kann", sagte der als Sozialkritiker bekannte Leigh ("Lügen und Geheimnisse") bei der Preisverleihung. Italienische Kritiker und Medien reagierten dagegen mit Empörung. "Verrat" am italienischen Kino, titelte etwa der Mailänder "Corriere della Sera" am Sonntag: Die einheimischen Cineasten waren sich nämlich schon vor dem Festival einig, dass diesmal eine italienische Produktion den Löwen bekommen müsse. Insider am Lido ließen durchblicken, es habe in der Jury unter Vorsitz des britischen Regisseurs John Boorman bei der Preisverleihung offene Auseinandersetzungen gegeben.</P><P>Einen Goldenen Löwen für sein Lebenswerk erhielt der 80-jährige US-Regisseur Stanley Donen, zu dessen zahlreichen Werken "Indiskret" von 1958 mit Ingrid Bergman und Cary Grant gehören. Der 95-jährige portugiesische Regisseur Manoel de Oliveira ("Reise zum Anfang der Welt") hatte bereits zuvor ebenfalls einen Ehrenlöwen bekommen. Der Spezialpreis für die beste Regie ging an den Koreaner Kim Ku-Duk für seine verschlungene Liebesgeschichte "Binjip".</P><P>Alles in allem wohl eine eher gemischte Bilanz für den neuen Festivaldirektor Marco Müller: Wie seit längerem am Lido konnte auch diesmal keiner der Wettbewerbsfilme die Kritiker durchgehend begeistern; daher gab es auch keinen echten Favoriten vor der Preisvergabe. Dagegen gelang es Müller, viele Hollywood-Stars anzulocken, wie Steven Spielberg, Denzel Washington und Meryl Streep - aber auch deren Streifen überzeugten längst nicht immer und liefen außer Konkurrenz.</P>

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