+
Hier dröhnt selbst das Schweigen: Aurel Manthei (Philoktet, re.) und Shenja Lacher (Odysseus) liefern im Cuvilliéstheater eine eindrucksvolle Demonstration von Sprachmacht.

Premierenkritik

"Philoktet" in München: Allein das Wort ist Waffe

  • schließen

München - Ivan Panteleev inszenierte Heiner Müllers „Philoktet“ für das Münchner Residenztheater. Unsere Premierenkritik. 

Der Himmel ist leer. Wüst und öd wie diese verdammte Insel, auf der seine griechischen Waffenbrüder den Versehrten vor zehn Jahren ausgesetzt und dem Schicksal überlassen haben. So wutentbrannt wie vergeblich schleudert Philoktet, der ewig Verwundete und zugleich die nichtschließende Wunde im Gedächtnis der Griechen, seine Anklage nach oben: „Der mich gebaut hat, hat mich halb gebaut.“ Doch da ist keiner, der ihn hört.

Aurel Manthei, der der Titelfigur an diesem Theaterabend eine beeindruckende Präsenz gibt, hebt vergeblich Blick und Arm. Die Götter – wenngleich oft beschworen in dieser Tragödie – gibt es nicht. „Kahl ist mein Erdkreis und so will ich euren/ Ein Etwas, zwischen nichts und nichts gespannt/ Von arbeitslosen Göttern ohne Grund“ wird Philoktet seinem Widersacher Odysseus später an den Kopf knallen.

Bei Müller siegt der Tod

Die Abwesenheit der Götter unterscheidet deutlich Heiner Müllers zwischen 1958 und 1964 entstandenes Drama „Philoktet“ von Sophokles’ gleichnamiger Tragödie (409 v. Chr.). Beim griechischen Autor, dessen Rahmenhandlung der Ost-Berliner Schriftsteller (1929–1995) übernommen hat, löst am Ende ein Götterspruch eine eigentlich ausweglose Situation. Herakles erscheint dem zürnenden Philoktet und befiehlt ihm, den verhassten Odysseus und Neoptolemos in die Schlacht um Troja zu begleiten. Bei Müller dagegen siegt der Tod: Neoptolemos ersticht Philoktet, als dieser Odysseus angreifen will.

Im Jahr 1968 wurde das Stück von Hans Lietzau am Münchner Residenztheater uraufgeführt. Jetzt hat Ivan Panteleev „Philoktet“ erneut fürs Staatsschauspiel inszeniert, am Samstag hatte sein knapp zweistündiger, pausenloser Abend im Cuvilliéstheater Premiere.

Der Regisseur und sein Ausstatter Johannes Schütz haben Müller klug weitergedacht. Requisiten, vor allem der unfehlbare Herakles-Bogen des Philoktet, den die Griechen so dringend im Krieg um Troja brauchen, gibt es bei ihnen nicht mehr: Allein das Wort ist Waffe. Manthei in der Titelrolle sowie Shenja Lacher (Odysseus) und Franz Pätzold (Neoptolemos) liefern eine intensive, spannende und eindrucksvolle Demonstration von Sprachmacht. Ja, hier dröhnt selbst das Schweigen. Auf der mit Federn bedeckten Spielfläche – Reste der Geier, die Philoktet im Lauf der Jahre schoss, um sich zu ernähren, bevor er eines Tages selbst Nahrung der Raubvögel werden wird – umkreist, belauert, becirct, belügt, beschimpft und bedroht dieses Trio sich bis kurz vor Schluss ohne Körperkontakt, was die Spannung nochmals erhöht.

Die Schauspieler zeigen ihre Figuren facettenreich

Da sitzt jeder Vers, stimmt jede Betonung, erzählen selbst Pausen von der Geschichte: von Philoktet, den die Griechen ausgesetzt haben, weil sie seinen Wundgestank und seine Schmerzensschreie nicht mehr ertrugen. Nun aber brauchen sie den Verstoßenen als Befreier. Von Odysseus, der einst Philoktet auf der Einöde Lemnos zurückließ und seitdem seine Rache fürchtet. Und von Neoptolemos, den Odysseus als Lockmittel nutzt. Der junge Krieger nimmt diese Rolle widerwillig an und befreit sich schließlich von ihr, indem er Philoktet tötet. In Odysseus’ Reaktion darauf vollendet Müller dessen Entwicklung zum politischen Tier: „Wenn uns der Fisch lebendig nicht ins Netz ging/ Mag uns zum Köder brauchbar sein der tote.“ Denn orchestriert durch Propaganda wird der Leichnam die griechischen Truppen vor Troja mobilisieren.

Die drei Schauspieler zeigen ihre Figuren nie einseitig, lassen sie vielmehr facettenreich schillern. Später verschränken sie die jeweiligen Standpunkte in rascher Wechselrede dialektisch miteinander, um schließlich im chorischen Sprechen zu enden: Jeder könnte hier jeder sein. Gleich einem großen, in sich stabilen Mobile schweben Philoktets Behausung und ein Leuchtballon über der Bühne, beides fast permanent in Bewegung wie die Akteure. Ansonsten hat Johannes Schütz den Raum weit nach hinten und oben aufgerissen. So wird das Theater zum Resonanzkörper der Vergangenheit – und der Gegenwart: Hier hallen die Sätze lange nach, um letztlich unter dem erbarmungslosen Licht des Ballons auf die Menschlein selbst zurückgeworfen zu werden. Denn außer ihnen ist da keiner. Langer Jubel.

Karten unter Telefon 089/ 2185-1940.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Zum Tod von Jerry Lewis: Amerikas trauriger Clown
Zeit seines Lebens hat Jerry Lewis die Menschen zum Lachen gebracht. Diese Fähigkeit schien ihm angeboren zu sein. Dabei durchlebt auch der Komiker schwarze Stunden.
Zum Tod von Jerry Lewis: Amerikas trauriger Clown
Albträume im La-Le-Lulu-Land
Die griechische Filmemacherin Athina Rachel Tsangari hat zum ersten Mal am Theater gearbeitet und für die Salzburger Festspiele in Hallein Frank Wedekinds „Lulu“ …
Albträume im La-Le-Lulu-Land
Arena di Verona: Auferstehen aus Ruinen
Die Arena di Verona kämpft mit Affären und Finanznot. Hilfe verspricht man sich von einem Sanierungsplan - und einer Uralt-„Aida“.
Arena di Verona: Auferstehen aus Ruinen
„Ein Hoch auf uns – Warum?“
Er ist Kapitän der Rockband Eisbrecher, deren neues Album „Sturmfahrt“ jetzt erscheint. Wir sprachen mit Alexander Wesselsky über die neue Platte, billiges Fleisch und …
„Ein Hoch auf uns – Warum?“

Kommentare