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„Es ist eine Beziehung auf Zeit“: Iveta Apkalna an der Orgel der Luxemburger Philharmonie, begleitet vom BR-Symphonieorchester unter  Mariss Jansons. 

REISEBERICHT

Mariss Jansons, Iveta Apkalna und das BR-Symphonieorchester auf Tournee: Rendezvous an der Orgel

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Manchmal hasst sie ihren Beruf. Wann das passiert, erzählt Iveta Apkalna auf der Europatournee mit dem BR-Symphonieorchester.

Budapest/ Luxemburg - Was sie am konzertfreien Tag denn gemacht habe? Ohnehin gibt es bei Iveta Apkalna kein langes Nachdenken, bevor sie lossprudelt. Doch dieses Mal muss besonders viel in der Antwort untergebracht werden: Flug in aller Früh von Budapest nach Paris, dort die Orgel einregistrieren, dann Weiterflug nach Saarbrücken, Abholung mit dem Auto, Fahrt nach Luxemburg zur nächsten Orgel, Anspielprobe mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Jetzt steht sie hinter der Bühne der dortigen Philharmonie. Noch eine halbe Stunde bis zum Konzert. „Und hatten Sie einen schönen Tag?“, kommt die Gegenfrage. Nun ja, er war anders.

Einfach die Geige anlegen und die Saiten nachstimmen, davon kann die Lettin nur träumen. „Ich hasse es!“, gibt sie zu – und meint damit nicht die umjubelten Konzerte, sondern den schlafarmen Stress im Vorfeld. In Wien zum Beispiel, wo unter anderem die Philharmoniker tagsüber den Musikverein blockieren, kann sie manchmal nur ab Mitternacht ans Instrument. Dabei hat die 42-Jährige schon wesentlich wildere Tourneen erlebt, an wesentlich mehr Orten. Die Serie Wien-Budapest-Luxemburg-Amsterdam-Paris mit Mariss Jansons und den Münchnern ist der Normalfall.

Die Orgelmusik aus dem Weihrauchdunst geholt

Künstlerische Heimat von Iveta Apkalna ist die Hamburger Elbphilharmonie, als Titularorganistin. Ob das dortige Instrument auch ihr Baby ist? „Ich habe Kirchenmusik-Kollegen nie verstanden, die von ,ihrer‘ Orgel sprechen.“ Schließlich habe man das Instrument doch nicht selbst finanziert oder gebaut. „Es ist eine Beziehung auf Zeit, es ist unser Rendezvous. Und für diese Zeit sind wir beide, die Orgel und ich, mit uns allein.“

Auch Iveta Apkalna ist dafür verantwortlich, dass die Orgelmusik aus dem Weihrauchdunst geholt und säkularisiert wurde. Drei, vier Solisten vielleicht, mehr nicht, machen als Konzertorganisten Karriere. Cameron Carpenter zum Beispiel mit seinen wilden, extravaganten Auftritten.

Doch auch seine Kollegin weiß, wie sie sich in Szene setzt. Beim Wiener Abend der BR-Tournee thront sie kerzengerade in einem schwarzen figurbetonten Kurz-Frack auf der Orgelbank. In Budapest und Luxemburg trägt sie ein ähnliches Modell, diesmal in Silber. Man denkt an einen erwachsenen Amor, womöglich an einen Engel. Manchmal wird sie für diese Auftritte kritisiert, das weiß Iveta Apkalna. Purismus kontra Popularität: Es ist eben eine schwierige Sache mit den Organisten. Viele lieben ihr abgeschiedenes Virtuosenleben auf der Kirchenempore. Fürs Konzert ist jedoch ein anderes Selbstbewusstsein und -verständnis gefragt.

Dem BR-Orchester und den Zuhörern auf der Europatournee beschert Iveta Apkalna derzeit solche „Oh!“-Momente. Und ein ungewöhnliches Programm. Poulencs Orgelkonzert, diese sinnenfrohe, swingende Religiosität, kennt ein Musiker eher als „Werk fürs Jugendorchester“. Und bei der „Orgelsymphonie“ von Camille Saint-Saëns rufen Germanozentristen und Bach-Jünger seit der Uraufführung 1886 traditionell nach dem Exorzisten.

Atmosphärenzauber und Standing Ovations

Dabei muss man das Stück nur richtig spielen. In Wien ist noch Verkrampfung bei Jansons zu spüren. Das Musikmekka bedeutet für ihn immer Ausnahmezustand, die Nervosität ist groß. In Budapest tags darauf, am Rande des Zentrums, im Saal des „Müpa“ mit dem martialisch glänzenden Orgelprospekt, wird die Sache entspannter, obgleich die Intonation des Instruments eine enervierende Spur danebenliegt. Auch ist die Akustik des 2005 eröffneten Kulturzentrums so lala: trennscharf – doch der Hörer wird in den Klang nicht hineingeholt. In der Luxemburger Philharmonie glückt dem BR-Symphonieorchester, Apkalna und Jansons dann die mit Abstand beste Deutung von Saint-Saëns’ dritter Symphonie. Der langsame Satz ist reinster Atmosphärenzauber, die Duftnoten des Klangparfüms entfalten sich nie aufdringlich. Man begreift, dass der Vierzigminüter eben nicht nur Effekte, Opernhaftes, sondern auch Raffinesse bietet. Das Finale ist majestätische, selbstgewisse Größe. Das Publikum der Finanzmetropole jubelt. Viele erheben sich nach der zweiten Zugabe: Das Finale aus Ligetis „Concert Românesc“ dampft archaisch durch den 1500-Plätze-Saal. Als sich Jansons und die Musiker zu den Zuhörern auf der hinteren Tribüne umdrehen, fordert er diese zum Aufstehen auf. Ein Dirigent organisiert seine Standing Ovations.

Auch danach ist der Chef hinter der Bühne bester Laune. Je länger die Tournee dauert, desto befreiter wirkt er – obwohl Säle wie der Amsterdamer Concertgebouw (wo er bis 2015 Chef war) und die Pariser Philharmonie noch warten. Und vielleicht gibt es ja eine erneute künstlerische Begegnung mit Iveta Apkalna. Das ist nicht aus der Luft gegriffen: Die Lettin hat einige neue Konzertsaal-Instrumente betreut und mitkonzipiert. Auch im Werksviertel am Ostbahnhof soll schließlich eine Orgel eingebaut werden. Aber welche?

Eine Diskussion ist das, die in München bislang noch nicht öffentlich geführt wurde. Apkalna plädiert für die Bonner Renommier-Firma Klais, die unter anderem für das Gasteig-Instrument verantwortlich ist. Aus dem Orchester gibt es Stimmen für die Firma Rieger aus dem österreichischen Schwarzach. Den weichen, noblen Klang habe man schließlich gerade im Musikverein erlebt. Eine Glaubensfrage, die zum Schisma führen kann – wie so vieles beim Konzerthaus.

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