Jäger und Gejagte

München - "Der Chinese", titelgebender Signalbegriff des neuen Romans von Henning Mankell (1948 geboren), erscheint lange, lange nicht in diesem Werk. Schon gar nicht im Zusammenhang mit Tibet oder den Olympischen Spielen, wie wir es erwarten.

Aktueller Historienroman: "Der Chinese", das neue

große Werk des Erfolgsautors Henning Mankell

Nur in einem Tagebuch, das ein Schwede in den Gründertagen der US-amerikanischen Eisenbahn geschrieben und das irgendwie in seine alte Heimat zurückgefunden hatte, werden Chinesen kurz erwähnt -­ abfällig, verächtlich. Und weil das Buch "Der Chinese" heißt, weil der geübte Mankell-Leser auf den kleinsten Hinweis hellhörig reagiert und weil das Tagebuch in einem einsamen, verschneiten Dorf entdeckt wurde, in dem bis auf drei Personen alle anderen hingemetzelt wurden, wird die Spannung besonders groß: Was hat uns der Autor über das gewaltige Land im Osten zu sagen?

Bis jetzt galt Mankells Leidenschaft vor allem seinem zweiten Heimat-Kontinent: Afrika. Genauso wie er dort ­ und in Europa ­ Probleme literarisch einfängt, nämlich in einem Gewebe aus menschlichen Geschichten, großer Geschichte und aktueller Politik, nähert er sich China. Aber der Schriftsteller hat sehr wohl empfunden, dass dort weder "unsere" Mixtur aus freudianischer Psychologie, romantisch-poetisch geprägten Gefühlsäußerungen und liberalem Individualismus noch die afrikanischen Strategien der (Über)Lebens-Energie greifen. So wurde gerade der China-Teil des Romans zu einem Politthriller von jener Art, in der das würgende Gefühl vollkommener Unsicherheit vorherrscht. Der Westler tappt wie blind durch ein undurchschaubares System, das ihn kafkaesk grundlos festhält wie ein klebriges Spinnennetz. Aber auch die Chinesen selbst sind Jäger und Gejagte in einem kommunistisch-kapitalistischen Daseins-Spiel, bei dem keiner weiß, wer im Augenblick wirklich die Regeln bestimmt.

Bevor der Autor jedoch seine Leser in dieses Labyrinth und noch ganz andere Welten entführt, zelebriert er seine Kunst des Roman-Anfangs. Ob Krimi, ob andere Bücher, Mankell baut die jeweilige Eröffungssituation stets als raffinierten Trichter, in den der Leser widerstandslos hineinstürzt, um nur höchst ungern dieses aufregende Universum aus Sätzen und Sinn wieder zu verlassen. "Der Chinese" bietet gleich drei Anfänge auf. Erst folgt man einem Wolf, der leichte Beute entdeckt; dann einem älteren Fotografen, der abgelegene Dörfer dokumentiert und nun eine grauenhafte Entdeckung macht; und schließlich der Polizei. Aufmerksam geworden durch den Herzinfarkt-Tod und die letzten gestammelten Worte des Fotografen, entdeckt sie als dritte "Instanz" ein so grauenhaftes wie unverständliches Verbrechen. Es empfiehlt sich wohl, über die polizeilich korrekte Beschreibung der 19 Toten hinwegzulesen.

Dieses Verfahren des Nach-und-nach-Entdeckens und der Nahführung der Erzählung an eine Person, als würde eine Kamera sie verfolgen, hält Mankell im gesamten Roman durch. Es gibt keinen allwissenden (auktorialen) Erzähler, sondern eine Größe, die ihre Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Figur richtet. Wer gedacht hatte, das wäre die Kriminalpolizistin Vivi Sundberg ­ parallel zum berühmten Wallander sozusagen ­, muss sich umstellen. Kaum hat man sich an Vivi gewöhnt, rückt die Richterin Birgitta Roslin in den Fokus. Und obwohl die Erzählung sie immer wieder radikal aus dem Blickfeld schiebt, bleibt sie doch die Identifikationsfigur für den Leser. Eine ältere Frau mit erwachsenen Kindern, Eheproblemen, Bluthochdruck ­ und einer längst verstorbenen Mutter. Sie wuchs in jenem Dorf als Adoptivkind auf.

Durch diese sehr schwache familiäre Beziehung zu den Toten wird Roslin in die Sphäre des Massenmords hineingezogen. Wie sich herausstellt, wurden alle Mitglieder der Familie Andrén gefoltert und getötet. Nur ein Bub, der zu Gast war, fand einen "gnädigen" Tod. Die Richterin forscht auf eigene Faust nach.

Familie, die im Westen scheinbar nicht mehr viel gilt, ist das starke, ja magische Band, das in dem Roman China und Schweden, 19. und 21. Jahrhundert, Ahne und Nachfahre, letztlich Leben und Tod verknüpft. Familiäre Beziehungen waren in China traditionell ein extrem wichtiges Existenz-Element: Da setzt Henning Mankell mit seiner Rache-Geschichte an. Was 2006 pathologisch gewalttätige Züge annimmt, hat in den Jahren 1863/ 64 seinen erschütternden gesellschaftspolitischen Beweggrund. Um den für die Leser erlebbar zu machen, wird wieder ganz aus der Perspektive der jeweiligen Person erzählt. Man merkt, dass es dem Autor enorm wichtig ist, gerade bei den chinesischen Figuren aus deren Sicht zu berichten ­ deswegen auch eine eher "naive" Einschätzung von Diktator Mugabe ­ und ihnen nicht sozusagen imperialistisch den westlichen Erzählerblick aufzuzwingen. Wang San, Mitte des 19. Jahrhunderts als Sklave aus China entführt, um mit vielen anderen in den USA qualvoll die Eisenbahn durch den Kontinent zu bauen, ist die großartige Leidensgestalt des Buchs.

Familie ist das starke, ja magische Band

Durch ihn wird es zum aktuellen Historienroman. Dass die Geschichte eben nicht vergangen ist, will Mankell beweisen. Persönliche wie politische Unmenschlichkeit gebären das Böse immer weiter fort. Ya Ru, Sans Nachkomme und Großkapitalist von heute, trägt es weiter und wird ungewollt so wie die verhassten Langnasen. Er ist nicht nur Ausbeuter und Kolonisator, sondern zerstört sogar gegen das eherne chinesische Gesetz seine Familie. Henning Mankell wagt in diesem Kapitel außerdem eine Prophezeiung über Chinas Afrikapolitik. Und er spekuliert dabei nicht wild darauf los: Die Milliarden-Nation sichert sich heute schon Macht-Refugien auf dem Schwarzen Kontinent. Sehr bedenkenswert sind die Thesen, allerdings wird der Schriftsteller in diesem Abschnitt ein wenig zu politologisch und moralisch. Das spannende, überraschungsgespickte Finale in Schweden und London zeigt Mankell dann in Bestform: Er bringt die Bedrohlichkeit und das Trostreiche unserer Welt in eine glaubwürdige Einheit. Das macht seinen internationalen Erfolg aus.

Henning Mankell:

"Der Chinese". Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt. Paul Zsolnay Verlag, Wien, 606 Seiten; 24,90 Euro.

Eine gekürzte Version des Romans ist soeben im Hörverlag erschienen ­- gelesen von Axel Milberg.

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