Jäger des Silberschatzes

München - Rüdiger Schöttle umtänzelt verbal die Frage nach seinem ­- unbestreitbaren ­- Einfluss auf die Münchner Museumsszene, bis der Gesprächspartner nicht mehr nachhakt. Und man versteht, warum dieser Mann, der seinem Gegenüber einen schelmischen Blick zuwirft, seit 40 Jahren als Galerist sehr erfolgreich ist. Er macht, was er für richtig hält. Bleibt dabei geschickt in Deckung. Ist aus Klugheit bescheiden. Und behält stets die Fäden in der Hand.

Jubiläum: Rüdiger Schöttle über 40 Jahre Galerie-Arbeit und Münchens Geschichtsvergessenheit

So verrät er natürlich auch nicht, wie es jemand fertigbringt, immer wieder Künstler zu präsentieren ­ meist als Erster ­, die Stars werden, wie man heute so schön sagt. "Das sind Erfahrungswerte", erklärt der gebürtige Stuttgarter und hängt die Sache niedrig, um dann zu lächeln: "Das ist eben das Geheimnis der Zahlenschloss-Kombination ­ zum Silberschatz."

Heuer also feiert die Galerie Rüdiger Schöttle, beheimatet im idyllischen Hinterhof der Amalienstraße 41, mit einer Ausstellungs-Serie (monatlicher Wechsel) ihr 40-jähriges Bestehen. Mittlerweile ist sie die sozusagen dienstälteste Galerie Münchens, wenn man von der Van-de-Loo-Nachfolgerin absieht. Und: Schöttle hat so viele Namen auf dem schwierigen Münchner Pflaster bekannt und berühmt gemacht wie keiner sonst. Von Dan Graham bis Thomas Schütte, von Jeff Wall bis Florian Süssmayr, von On Kawara bis James Coleman. Alles Künstler, die ­ natürlich, möchte man sagen ­ dann auch zu Museums-Ehren kamen.

Wie aber fing alles im berühmten 68er-Jahr an? Wie war die Stimmung in München? "Damals gab es ganz wenige Galerien", erzählt Autodidakt Schöttle, "und dementsprechend wenige Interessierte. Meine Galerie war in der Prinzregentenstraße 65 gegenüber der Stuck-Villa untergebracht. Dort saß das Modern Art Museum von Gunther Sachs und Gabriele Henckel. Dann gab es noch Heiner Friedrich, der bemerkenswerte Ausstellungen machte, und den Aktionsraum 1. Die Präsentation aktueller Kunst ging von einigen wenigen Menschen aus." Schöttle, der in einer ersten Schau konstruktivistische Zeichnungen angeboten hatte, fühlte sich zu dem "kleinen Kreis" dazugehörig und begann, sich für österreichische Künstler wie Hermann Nitsch zu engagieren.

Bewegend und bedeutend in der Erinnerung des Galeristen ist aber vor allem die Münchner Filmszene. Rainer Werner Fassbinder, Wim Wenders, Alexander Kluge, Jean-Marie Straub und andere prägten das Kunst(er-)leben in der Stadt. Und Schöttle war ein Teil davon, zumal "meine damalige Lebensgefährtin als Statistin bei Fassbinder engagiert war". Man war einfach dabei.

Die Situation heute sieht er kritisch: "München ist kein Infospot mehr. Die Stadt ist nicht gerade ein Sackbahnhof, aber die kulturellen Flüsse strömen hier nicht so. Da muss man schon auf Reisen gehen." Was ihn darüber hinaus stört: dass in München spannende kunsthistorische Entwicklungen wohl "gesehen werden, aber gleich wieder vergessen sind": Ob nun die Galerie van de Loo einst die Cobra-Gruppe vorstellte oder er selbst seinen international viel gelobten "Theatergarten Bestiarium", der die 80er-Jahre reflektierte. Dergleichen erfahre im Bewusstsein der kulturell Interessierten "keine geschichtliche Einschreibung", grollt Schöttle. Und die junge Generation nehme auch keinen Bezug darauf. Die Ereignisse verpuffen in München.

Damit ist klar, dass Rüdiger Schöttle auf geschichtliches Denken höchsten Wert legt. Ob nun "seine" Künstler wie in den 1970er-Jahren aus dem Wiener Kreis stammten oder wie in den 80/90ern Konzeptkunst machten ­ zwischen Joseph Kosuth und Candida Höfer, vom Gemälde bis zur Videoinstallation ­ "geschichtliches Verständnis sollen sie schon aufbringen, verbunden mit einem phänomenologischen Aspekt". Wer so spricht, liebt das philosophische Denken und stellt Ansprüche an Künstler wie ans Publikum. "Was wir machen ist ein Angebot", konstatiert Schöttle. Didaktisch wolle man nicht sein. Allerdings sei es für seine international gesehen mittelgroße Galerie schon wichtig, auf sich aufmerksam zu machen.

Beim Jubiläums-Zyklus beschreitet die Galerie deshalb den Mittelweg. Unbekannte wie Slawomir Elsner oder Mária Bartuszová werden vorgestellt, aber auch weltweit angesehene Künstler.

Schöttle führt seinen alten Weggefährten Dan Graham (Jahrgang 1942) und Jeppe Hein (1974) zu einer gemeinsamen Präsentation zusammen. Der Jüngere, den wir von seinem interaktiven Spritzbrunnen am Museumsplatz her kennen, hat es schwer, mit dem Altmeister mitzuhalten. Wobei Heins Spiegelobjekt "360° Illusion 1" noch gut zu Graham passt, während die Arbeit aus Leuchtstoffröhren-Wörtern "schwächelt". Grahams Pavillons aus Glas, Spiegelglas, Gittern, Wasserspiegeln, die Räume umspielen, zergliedern, vortäuschen, öffnen und verschließen, auffalten und verdrehen, faszinieren viel mehr. Mit ihnen beweist Rüdiger Schöttle, dass hinter all der Theorie der Genuss der Sinne steht. Deswegen ist seine Bilanz trotz allem positiv: Er sucht in der Kunst "den Horizont, der immer zu überschreiten ist. Die Kunst ist der Seefahrer, der nach Westindien aufbricht und in Amerika landet. Das hat was Wahnsinniges. Ohne das Wahnsinnige gibt es keine Kultur. Und ohne die, meiner Meinung nach, keinen Homo sapiens."

Aktuelle Schau bis 2. August,

Tel. 089/ 33 36 86.

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