Jagd auf den Leser

- Harry Potter sei Dank: Der junge Magier hat es tatsächlich geschafft, der seit längerem darbenden Buchbranche neues Leben einzuhauchen. Der Anfang November auf den Markt gekommene fünfte Potter-Band wurde zum schnellsten Bestseller aller Zeiten in Deutschland. An den ersten beiden Verkaufstagen wurden 1,1 Millionen Exemplare abgesetzt, inzwischen hat die Buchbranche laut Carlsen Verlag knapp drei Millionen Exemplare geordert. Im Sog von Potter lief das Weihnachtsgeschäft für den Handel nach einer Umfrage der Fachzeitschrift "Buchreport" gut an. Doch trotz des Schluss-Spurts hat die Branche nach Ansicht der Experten wenig Chancen, das Jahr mit einer schwarzen Null zu beenden.

<P>Der im Oktober auf der Frankfurter Buchmesse viel beschworene Aufschwung scheint die Branche nur ansatzweise erreicht zu haben. Dabei wurde auf der weltgrößten Bücherschau in Frankfurt viel Optimismus verbreitet. Mit groß inszenierten "Events" vom stummen Auftritt Muhammad Alis bis zur denkwürdigen Pressekonferenz von Dieter Bohlen, die ohne Bücher stattfand, wurde zugleich fleißig die PR-Trommel gerührt.</P><P>Doch die glitzernde Fassade der Branche verdeckt, dass sich 2003 der Konkurrenzkampf um ein weiteres Stück verschärft hat. Die Konzentration auf die verkaufsträchtigen Titel nimmt zu. Große Buchhandlungen machen inzwischen mit wenigen Titeln fast die Hälfte ihres Umsatzes. Kaufhauskonzerne wie Karstadt - immerhin viertgrößter Buchhändler - reagieren auf diese Entwicklung mit einer Reduzierung des Angebots. Zugleich wachsen neue Konkurrenten heran: "Harry Potter und der Orden des Phönix" wird zum Verdruss der klassischen Buchhändler derzeit auch in Tankstellen oder Baumärkten verkauft.</P><P>Machtkämpfe, Prozesse und Verbote</P><P>Die immer verbissener geführte Jagd auf den Leser führte im Oktober zur offenen Auseinandersetzung zwischen dem Börsenverein, dem Dachverband der Buchbranche, und dem Club Bertelsmann. Zeitgleich zur Einführung im Handel bot der Club das neue Bohlen-Buch seinen Mitgliedern verbilligt an. Nach einer vom Börsenverein erwirkten Einstweiligen Verfügung wollen nun beide Seiten den seit langem schwelenden Konflikt um die Parallel-Einführung von verbilligten Club-Ausgaben außergerichtlich lösen.<BR>Die Gerichte hatten mit Büchern wohl noch nie so viel zu tun wie in diesem Jahr. Mit der Flut von Promi-Erinnerungen hat der Boulevard die Buchwelt endgültig erobert. Doch der zwischen zwei Buchdeckeln verewigte Klatsch ließ Betroffene nicht ruhen - und Einstweilige Verfügungen erwirken. Das von den Gerichten verfügte Schwärzen von Seiten kann allerdings auch medienwirksam als "Zensur" dargestellt werden, wie Branchenführer Random House (Bertelsmann) im Fall Bohlen auf der Buchmesse bewies.</P><P>Für die fiktionale Literatur hatten im uralten Konflikt zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit zwei Urteile noch gravierendere Folgen: Sowohl Maxim Billers Roman "Esra" als auch Alban Nikolai Herbsts "Meere" wurden von Gerichten verboten. Die beiden Autoren hatten in ihren Romanen erotische Details beschrieben. Zwei frühere Lebensgefährtinnen der Autoren erkannten sich darin wieder und klagten mit Erfolg. "Schlüsselfiguren hat es in der Literatur immer gegeben", geißelte der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki die Verbote.</P><P>Die Unklarheit, was in Büchern derzeit (noch) geschrieben werden darf, scheint größer denn je. Dagegen hat sich die durch Fusionspläne verunsicherte deutsche Verlagslandschaft wieder beruhigt. Monatelang hatte die Absicht Bertelsmanns, die Verlagsgruppe Ullstein Heyne List zu kaufen, für Verunsicherung gesorgt. Das Bundeskartellamt gab im November schließlich seinen Segen für die "kleine Lösung": Der Heyne Verlag gehört nun zu Random House (Bertelsmann). Die schwedische Bonnier-Gruppe (u. a. Carlsen) erwarb Econ-Ullstein-List und einige kleinere Verlage.</P><P>Mit internen Auseinandersetzungen sorgten die Frankfurter Verlage Eichborn und Suhrkamp für Schlagzeilen. Bei Eichborn musste wenige Tage vor Weihnachten Geschäftsführer Peter Wilfert den Schreibtisch räumen. Nicht einmal ein Jahr war Wilfert, früher bei Rowohlt und S. Fischer, im Amt. Den Machtkampf bei Suhrkamp entschied Ulla Berké´wicz im Alleingang. Im Oktober übernahm die Witwe des vor einem Jahr gestorbenen großen Verlegers Siegfried Unseld die Geschäftsführung und entmachtete damit den von Unseld noch selbst als Geschäftsführer auserkorenen Günter Berg. Da war schon fast vergessen, dass Suhrkamp ein zum 40-jährigen Bestehen seiner Taschenbuch-Reihe veröffentlichtes Traktat des Philosophen Ted Honderich zurückgezogen hatte, nachdem es unter Antisemitismus-Verdacht geraten war. Kurz vor Weihnachten erschien es in neuer Übersetzung schließlich im Melzer Verlag (Neu-Isenburg).</P>

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