Die Jagd nach Liebe

- "Gehen Sie Europens Königen voran", fordert der Marquis von Posa in Schillers dramatischem Gedicht "Don Karlos". Um dann seine Revolution gegen den gefürchteten spanischen König Philipp II. auf die Spitze zu treiben: "Geben Sie Gedankenfreiheit." Glaubens-, Gewissens-, Bekenntnis-, ja Versammlungsfreiheit etwa? Die sind, möchte man meinen, zumindest in der westlichen Welt inzwischen so selbstverständlich, dass sie manchmal gar die lächerlichsten Formen annehmen. "Vielleicht geht es, etwas globaler gesehen, doch immer noch um Gedankenfreiheit, wenn man den Satz in seiner Gänze versteht", sagt Paul Herwig nachdenklich. Er spielt in Sebastian Nüblings Inszenierung, die am Samstag Premiere hat (und heute ihre Voraufführung erlebt), die Titelrolle, den vom Vater zurückgesetzten Kronprinzen Don Karlos.

<P>"Viele Leute in Amerika", fährt Herwig fort, "etwa Susan Sontag, wurden ja in letzter Zeit sehr angegriffen für ihre Haltungen. Und hatten plötzlich viele Nachteile." Der ganze Posa-Monolog, findet der 33-jährige gebürtige Berliner, sei deshalb äußerst spannend. Und auch für diese Inszenierung der Kern. "Was ich bewundere, aber auch als krasse Aufgabe empfinde: Dass Schillers Schreibstil so radikal, chaotisch und anarchistisch ist. Bei ihm muss man viel in die Waagschale werfen, viel geben." <BR><BR>"Bei Schiller muss man viel in die Waagschale werfen, viel geben."<BR>Paul Herwig<BR><BR>Man kennt Paul Herwig, den drahtigen Schauspieler mit der heiser lockenden, unheimlich anheimelnden Stimme, aus einer anderen klassischen Partie. Damals noch Ensemblemitglied des Residenztheaters, spielte er Goethes Clavigo mit wunderbarer ironischer Distanz. Macht er mit einem ähnlichen Ansatz den Karlos zu einem Wahlverwandten? "Er ist in unserer Konzeption ein ungeliebtes Kind, das in der Kälte aufgewachsen ist. Mir fällt da sofort der Romantitel von Pitigrilli ein: ,Ein Mensch jagt nach Liebe. Karlos ist ein Mensch, für den alles Projektion wird. Die Liebe zu Elisabeth, die ihm versprochen war und Frau seines Vaters wird, bleibt ungestillt und findet nur als Fiktion statt, wächst umso mehr und ist völlig übertrieben. Genauso das kalte Verhältnis zum Vater. Die Figur hat wahnhafte bis narzisstische, paranoiahafte Züge. Das Ziel ist, sie nicht mit Ironie in Verbindung zu bringen." <BR><BR>Dass die Prinzessin von Eboli mit Matthias Bundschuh besetzt ist, irritiert allerdings etwas. Wird ihr erotisches Verhältnis zum König eine schwule Angelegenheit? "Eboli soll weder Tunte noch homosexuell sein. Matthias Bundschuh spielt einfach eine Frau, die männlicher wirkt. Es soll mehr Testosteron im Spiel sein. Nübling verspricht sich davon ein größeres Spannungsverhältnis."<BR>Äußerlich hat sich Paul Herwig seit Clavigo-Zeiten sehr verändert. Er sieht härter aus, hat als Kontrast zu den scheuen Rehaugen den Kopf fast kahl rasiert: "Eine Freifläche für die Masken- und Kostümbildner. Für ihre Fantasie gibt es keine Vorgabe. Alles ist möglich." Was seiner Leidenschaft für Perücken offenbar zupass kommt: "Ich glaube, außer Robespierre und diesen Karlos spiele ich alles mit Perücke. Weil ich gerne das Gefühl habe, ein anderer zu sein. Häufig frage ich zu Beginn der Produktion, ob ich eine Perücke bekomme." Dass eine Veränderung auch in seiner Herangehensweise als Schauspieler stattgefunden hat, das hofft Herwig. "Weil man oft unzufrieden ist, etwas ändern muss."<BR><BR>Und was macht Paul Herwig, wenn ihm die Strichfassung gegen den Strich geht? Schließlich kommt man um drastische Kürzungen bei einem Drama von über 5000 Versen nicht herum. "Natürlich können wir während der Probenzeit Vorschläge machen, auch zur Erweiterung. Kann man die Dramaturgie überzeugen, dass es sinnvoll ist, etwas zu streichen, kommt es raus." Schwerpunkte dieser Inszenierung? "Viele der ganz kleinen Rollen existieren bei uns nicht. Die Fassung konzentriert sich auf die Hauptvorgänge. Letztlich erscheint mir ,Don Karlos wie zwei Stücke. Aus Karlos' Perspektive ist es ein Liebesdrama, für Posa ein politisches Stück." <BR><BR>Wenn man Herwig so ganz von Herzen über Theater sprechen hört, dann möchte man nicht glauben, dass es einmal die Entscheidung zwischen Film und Theater gab. Sie muss glücklich gewesen sein. "Ja, weil ich hier spiele. Ich mag die Arbeiten, und selbst wenn eine schwierig war, haben wir innerhalb des Ensembles mit hoher Aufrichtigkeit und Konsequenz zu den Sachen gestanden. Das finde ich toll." <BR></P>

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