Zamoniens größter Dichter: Der träge Lindwurm Hildegunst von Mythenmetz muss zurück nach Buchhaim. foto: moers

Die Jagd nach dem Schattenkönig

München - Drei Romane über die wundersame Welt des fabelhaften Zamonien hat Walter Moers mit großem Erfolg veröffentlicht. Nun ist ein weiterer erschienen: „Das Labyrinth der Träumenden Bücher“.

„Lesen, lesen, immer nur lesen und darüber die eigene erbärmliche Existenz vergessen.“ Das Pathos dieses Mythenmetz-Zitats mal beiseite: Das ist es doch, was die Zamonien-Fangemeinde will. Eintauchen in einen Strudel aus Absurditäten und Abenteuern. In diesen Kosmos, in dem ein Drache, pardon: ein Lindwurm den romantischen Wanderer gibt und Literatur schreibt. Und in dem nur ein Gesetz gilt: das der Fantasie.

Walter Moers’ Fortsetzung „Das Labyrinth der Träumenden Bücher“ weckt erneut die Sehnsucht nach ungestrafter Realitätsverweigerung. Die Geschichte klingt ja auch verheißungsvoll: Seit seinem ersten Aufenthalt in Buchhaim sind 200 Jahre vergangen. Hildegunst von Mythenmetz ist unterdessen Zamoniens größter Dichter geworden. Träge, satt, hypochondrisch und vom „Orm“ (der Muse) verlassen, suhlt sich der übergewichtige Lindwurm in seinem Erfolg. Bis ihn ein Brief aus Buchhaim erreicht. Darin die Behauptung, der Schattenkönig sei zurückgekehrt. Darunter: Mythenmetz’ Unterschrift. Unmöglich! Oder?

Der Dichter-Fürst macht sich ein zweites Mal auf den Weg, der Stadt der Träumenden Bücher ihr Geheimnis zu entlocken - und sein Schriftsteller-Ich neu zu entdecken. Wieder ist es ein Schriftstück, das Mythenmetz ins Mekka aller Literaturschaffenden treibt. Und wie im ersten Buch sieht er sich dort mit Unglaublichem konfrontiert.

Doch etwas ist anders. Buchhaim hat sich von der mittelalterlichen Alchimisten-, nein: Buchimisten-Hochburg zur aufgeklärten Metropole entwickelt. Bücherjäger heißen jetzt Librinauten und plagen sich eher mit ethischen Standards denn mit der Jagd auf alte Schinken. Das todbringende Labyrinth ist nun auch für Touristen zugänglich. Der schillernde Jahrmarkt Buchhaim wurde radikal entzaubert.

Doch das ist für diese Geschichte ein Problem. Mythenmetz stolpert nicht mehr von Rätsel zu Rätsel, sondern von einer Geschichtsstunde in die nächste. Was passierte während und nach der Feuer-Revolution? Warum gibt es wieder Bücherjäger? Alte Bekannte wie der Dichter Ovidios und die Schreckse Inazea helfen dem Lindwurm auf die Sprünge, ändern aber nichts daran, dass man sich dringend den Funken des alten verwunschenen Buchhaim zurückwünscht. Und nicht Altes nochmals erzählt bekommt.

Doch derart Ideenloses passiert in Walter Moers’ neuem Buch. Beim Besuch im „Theater der Träumenden Puppen“ erlebt Mythenmetz zum Beispiel gute 70 Seiten lang seine ersten Buchhaim-Abenteuer erneut. Ein Stück im Stück. Dass er da als Marionette auf der Bühne steht, kann er kaum glauben. Der Leser auch nicht.

Gut, könnte man sagen, das ist eben Moers. Aber richtig abenteuerlich ist das nicht. So wie Mythenmetz über 400 Buchseiten an der Oberfläche Buchhaims bleibt und das Labyrinth meidet, so kratzt auch Moers nur an der Oberfläche dieser Stadt. Ihr ehemals so drängender Puls bleibt im Niedrigfrequenzbereich. Und mit steigender Seitenzahl werden selbst die geistreichen Anagramme wie Dölerich Fiedler (für Hölderlin) oder Evubeth van Goldwein (für Beethoven) zur durchschaubaren Masche.

Es gibt auch helle Stellen. Etwa Mythenmetz’ Buchwein-Rausch nach dem Besuch im „Qualmoir“, der zamonischen Raucherkneipe. Aber das Gros der Geschichte wirkt wie ein ewig langer Auftakt zum eigentlichen Stück. Die gute Nachricht: Genau so ist es. Diese Buchhaim-Saga ist Ouvertüre zu einem weiteren Werk. „Die wirkliche Geschichte fängt hier in der Tat erst an“, schreibt Moers beinahe entschuldigend im Nachwort. Und doch gilt: Wer für den dritten Teil Hoffnung schöpft, kommt am „Labyrinth der Träumenden Bücher“ nicht vorbei. Also Augen zu und das lange Vorspiel standhaft überstehen.

Walter Moers: „Das Labyrinth der Träumenden Bücher“. Knaus Verlag, München, 432 Seiten; 24,99 Euro.

Von Marcus Mäckler

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