Mit großer Energie und beeindruckender Präsenz spielt Shenja Lacher die Titelfigur in David Böschs „Peer Gynt“-Inszenierung. Doch auch die anderen Rollen sind – wie hier Friederike Ott als Ingrid – überzeugend besetzt. Foto: thomas Dashuber

Premierenkritik

Auf der Jagd nach seinem Selbst

München - David Bösch inszenierte am Münchner Residenztheater Ibsens „Peer Gynt“ mit einem facettenreichen Shenja Lacher. Die Premierenkritik:

Was für eine wunderbare Lüge. Welche Magie entfalten in diesem Moment seine Worte. In prächtigen Bildern schildert Peer Gynt seiner Mutter deren letzte Reise bis vors Himmelstor, ach was, bis vor „Gott Vater!“ – während Aase an seiner Seite in seinem alten, schäbigen Kinderbettchen liegt und einfach verreckt. Ein Zittern, ein Krampfen noch in den Fingern, dann geht ihr Blick starr ins Nirgendwo, der Mund steht offen. Klage? Schmerz? Staunen? Ein Bild des Jammers – und des Trostes: Die letzten Augenblicke ihres Daseins müssen für diese Frau kostbar gewesen sein. Dank der kraftvollen Lüge des Sohnes.

Es ist eine zu Herzen gehende Szene in David Böschs Inszenierung von Henrik Ibsens dramatischem Gedicht „Peer Gynt“ (1867). Und es ist eine Szene, die viel darüber verrät, warum dieser zweieinhalbstündige Abend (eine Pause), der am Freitag im Münchner Residenztheater Premiere feierte, derart geglückt ist. Groß, schillernd und prächtig wie Gynts Lügen sind die Bilder und Schauwerte, die Bösch zusammen mit seinem Bühnenbildner und Videokünstler Falko Herold ins Publikum feuert. Doch vergessen die beiden dabei nie, worum es eigentlich geht: um den Menschen als Sinnsucher, auf der Spur nach sich selbst. Um einen, der wissen will, was ihn im Innersten zusammenhält. Einen, der sich (fast) verloren geht, während er nach dem eigenen Kern forscht und doch – wie bei der Zwiebel, die er zerfleddern und zerbeißen wird – nur Schichten und Schalen findet. Dabei ist sein Wunsch so schlicht wie naheliegend: „Ich will Peer Gynt sein.“ Das Sterben der Mutter ist einer jener Momente, bei denen er ganz bei sich zu sein scheint. Shenja Lacher zeigt hier, wie schmerzhaft diese Lügenfahrt ins Himmelsreich für seine Figur ist, während Sibylle Canonica als Aase ihre letzten Atemzüge tut.

In der vergangenen Spielzeit haben Bösch, sein Hauptdarsteller Lacher sowie der Bühnen- und Filmzauberer Herold eine überzeugende Interpretation von „Orest“ auf die Bühne des Residenztheaters gebracht. Sie haben dazu den antiken Stoff behutsam modernisiert, beschleunigt und wo nötig unter Druck gesetzt. Ähnlich sind sie jetzt an „Peer Gynt“ herangegangen – und haben dabei nochmals die Intensität gesteigert.

Wenn man so will, gründet der Abend auch auf den Münchner Opernfestspielen: Im zurückliegenden Sommer inszenierte Bösch „L’Orfeo“ im Prinzregententheater. Poetische Bilder fanden er und Herold damals für Monteverdis Werk: Blumen wuchsen in den Schnürboden, während Orfeo mit Freunden in einem VW Bus das Leben und die Liebe feierte. Im Residenztheater ragen nun mächtige Baumstämme in den Bühnenhimmel; Peer Gynt und seine Mutter hausen in diesem düsteren, nebeligen Wald in einem schäbigen Wohnwagen. „Denk’ an den Hof und tu’ mal was“, quengelt Aase. Leicht gesagt.

Da wundert es nicht, dass sich ihr Sohn in andere Welten träumt, sich hineinsteigert in Fantastisches, bis hin zum turbokapitalistischen Gangsta-Wahn: „I got money in my pocket“ – und obendrauf ’ne willige Braut. Doch Ausgangspunkt all dessen ist der Wald: Gynt ist bei Bösch ein Outlaw, ein Vogelfreier, den die anderen jagen: „Wanted!“.

Shenja Lacher findet in jedem Augenblick den passenden Zugriff auf seine Figur. Seinem Gynt glücken die schönsten Luftschlösser, die spannendsten Fantastereien, bis er wieder bitter in der Realität aufschlägt. Lacher spielt beeindruckend facettenreich, mit großer Energie und Präsenz, ohne je angestrengt zu wirken. Ein Glücksfall für diesen Abend – wie auch das Ensemble um ihn: Ob Sibylle Canonica als streitbare Mutter; Andrea Wenzl wunderbar gegen den Typ als zarte Solveig besetzt; Götz Schulte als Trollkönig und Mads Moens Vater; Friederike Ott in ihren zahlreichen Rollen oder Arnulf Schumacher als Knopfgießer: Selbst Kurzauftritte werden hier liebevoll zum Funkeln gebracht.

Einem Satz des Trollkönigs kommt in dieser Inszenierung eine besondere Bedeutung zu: „Sei dir selber – genug!“, fordert er Gynt auf. Als der schließlich, zurück im Wald, schon auf dem Rand seines Sargs sitzt, erkennt er, dass Solveig noch immer zu ihm hält, obwohl er auf ihre Zuneigung stets mit allergischem Niesen reagiert hat. In diesem Moment scheint dieser gejagte Jagende zum ersten Mal zu spüren, dass auch er um seiner selbst geliebt werden kann. Behutsam legt Solveig ihre Hand auf die seine. Starkes Schlussbild einer starken Inszenierung.

Langer Jubel.

Michael Schleicher

Nächste Vorstellungen

am 18. und 22. November sowie am 12., 16. und 25. Dezember; Telefon 089/ 2185-1940.

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