Räumung am Hauptbahnhof - das war der Grund

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Jagdszenen in Oberbayern: Premiere von Ludwig Thomas "Magdalena"

Garmisch- Partenkirchen - Ist sie dumm, schlecht oder gar beides? Oder ist sie bloß jung, die schöne Leni, und zu naiv, die unberechenbare Welt mit dem nötigen Ernst zu betrachten?

Sie wird es bis zum tragischen Ende ihres kurzen Lebens nicht begriffen haben, und auch Ludwig Thoma hatte 1912 in seinem einzigen sogenannten "Volksstück" "Magdalena" keine eindeutige Schuldzuweisung parat. Einzig fehlende Zivilcourage und Moral klagte er unmissverständlich an.

Man möchte sie wach rütteln, diese Leni: Ihre Mutter ist vor Gram über sie gestorben, und sie macht sich für die Beerdigung schön, um den Männern zu gefallen. Ihr Vater, ein ehrbarer Bauer, wird um ihretwillen aufgefordert, seinen Hof zu verkaufen, doch Leni versteht sein Klagen nicht und provoziert weiter. Das ganze Dorf beginnt eine verlogene, scheinmoralische Hetzjagd, die das Mädchen erst erkennt, als es schon zu spät ist.

Trotzdem empfindet der Zuschauer im Partenkirchener Gasthof zum Rassen in erster Linie Mitleid mit dem putzigen Trotzkopf, den die junge Maria Weidner ihrer Magdalena aufsetzt. Darf ein hübsches Mädchen denn nicht mal mehr einen Knecht anhimmeln, ohne dass dieser sich gleich belästigt fühlt und kündigt? Aber das Gerücht von der hurenden Magdalena zieht seine Runden, bis es alle Bewohner in seinen Vorurteilen eingefangen hat.

Mitleid hat man aber auch mit dem armen Vater des Mädchens, das in der Stadt auf die schiefe Bahn geraten ist und nun in seinem Elternhaus wieder zu Verstand kommen soll. Gerd Lohmeyer gibt ihn als zu Recht grantigen, verstörten, aber zähen Alten, einen guten Nathan, der verbissen und vergeblich um Recht und Würde ringt, eingeschlossen in der Zwickmühle zwischen dem Wunsch, sein eigenes Leben in Ruhe weiterzuführen, und dem Versprechen, dem Mädchen ein guter Vater zu sein.

Wunderbar hat Markus Völlenklee diesen starken Kleinen auch optisch in ein Ensemble von scheinstarken Hochgewachsenen inszeniert. Und im Einheitsbühnenbild von Karl-Heinz Steck, das ein großer Ofen mit Sitzbank dominiert, wirken Letztere wie schwerfällige Goliathe fehl am Platz. Deutlich erscheinen sie als steife, riesenhafte, aber trotzdem nicht karikaturistische Eindringlinge in der lebendigen Stube der armen Familie.

Schon allein aus solchen körperlichen Konfrontationen heraus entsteht auf der gedrungenen, schiefen Bauerntheaterbühne ein packender, dichter, echter Abend, den die ausgezeichneten Darsteller immer wieder nach bester oberbayerischer Volksstück-Art von der Leutseligkeit in die Schadenfreude und vom Galgenhumor ins grausame Elend fallen lassen.

Und die Fallhöhe ist nicht gerade klein: Für die lustigsten Momente inmitten dieser herben Menschenhatz sorgt Angela Hundsdorfer als neugierige, geschwätzige Taglöhnerin Barbara. Ein leidenschaftlicher Auftakt für den Garmisch-Partenkirchener KULTurSOMMER.

Weitere Vorstellungen:

Am 29. August und 2., 14., 15., 19., 22., 23. September, 20 Uhr; Info: 08821/  73 01 995, www.kultursommer-gap.de.

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