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Heimat für den Jazz: Siegfried Loch gründete das Label ACT vor zwanzig Jahren in Hamburg. Nach einer Zwischenstation in Feldafing ist ACT inzwischen in München zuhause.

20 Jahre ACT: Siegfried Loch, der Herr der Töne

München - Siegfried Loch, Chef des Jazzlabels ACT, spricht im Merkur-Interview über Stars, sein Bauchgefühl und bei wem Udo Lindenberg abgeschrieben hat.

Jazz ist die große Leidenschaft Siegfried Lochs. Der 71-Jährige ist einer der wichtigsten Musikmanager und Produzenten der Republik sowie Gründer und Chef des Münchner Top-Jazzlabels ACT, das in diesem Jahr sein 20-jähriges Bestehen feiert – unter anderem mit einem wunderbaren Doppelalbum. Ohne Siegfried Loch wären Klaus Doldinger, Katja Ebstein, Marius Müller-Westernhagen oder Heinz Rudolf Kunze nicht da, wo sie heute sind oder lange Zeit waren: ganz oben. Und die neue Generation steht schon in den Startlöchern: Einer der jungen ACT-Stars ist Pianist Michael Wollny, Jahrgang 1978. Wir sprachen mit Siegfried Loch über das Musikgeschäft und die Suche nach jungen Talenten.

Wie machen Sie Stars?

Ich habe offensichtlich ein Bauchgefühl dafür, Talente zu entdecken. Das ist mein Job. Und, ganz wichtig: Wenn man überzeugt von einem Künstler ist, muss man bedingungslos seiner Eingebung folgen, gegen alle Widerstände alles versuchen, um sich durchzusetzen. Aber: Einen Star kann man nicht machen. Ein Star wird nur, wer neben Talent und Charisma auch in der Lage ist, die Menschen im tiefsten Inneren zu erreichen.

Wer beurteilt, ob dies einem Künstler gelingt?

Diese innere Wahrheit spüren die Menschen sofort: Sie merken sehr schnell, wenn jemand einem was vormacht. Siehe „DSDS“. Hier wird über Marketing ein schnelles Feuer entfacht, aber das ist nicht nachhaltig. Außerdem wichtig: Qualität bringt nichts, wenn der Wille fehlt. Im Englischen gibt es dazu einen Spruch: „You can take a horse to the water, but you can’t make it drink.“ Also: Du kannst ein Pferd zum Wasser führen, aber nicht zum Trinken zwingen.

Kommt es vor, dass ein potenzieller Star nicht trinken will?

Ja. Zum Beispiel gab es in den Sechzigern einen hochtalentierten jungen Mann, den Saxofonisten Olaf Kübler. Den Sprung zum Weltstar hat er nie geschafft, da half alles nichts. Udo Lindenberg hat sich als junger Mann viel in München von ihm abgeschaut und bei Küblers Auftritten fleißig dessen Sprüche notiert. Viele Textzeilen wie „Alles klar auf der Andrea Doria“ sind von Kübler, nicht von Udo.

Schmerzt es Sie, wenn es solche Talente nicht bis an die Spitze schaffen?

Es kommt ja darauf an, ob der Künstler mit seinem Leben zufrieden ist. Siehe Hardy Hepp (Schweizer Musiker, Komponist und Maler, der 1968 die Rockband Krokodil mitbegründete, Anm. d. Red.). Bei ihm habe ich alles versucht, ihn in den Sechzigern zum Weltstar zu machen. Heute lebt er glücklich in den Schweizer Bergen und genießt es, dass die Damen ihm nach wie vor zugetan sind.

Woher kommt Ihre Liebe zum Jazz.

Ich bin ein Kriegskind, 1940 in Pommern geboren, nach 1945 lebten wir bei Berlin auf dem Lande, später in Wittenberg, bevor wir 1951 – wie sagte man so schön? – rübergemacht hatten in den Westen. Wir haben wieder bei null angefangen, und ich wollte immer raus aus dem Ghetto, ich suchte Anerkennung.

Etwa mit einer Seifenkiste…

Richtig. 1954 stürzte ich bei einem Seifenkistenrennen am Lindener Berg und kam auf die Titelseite der „Hannoverschen Presse“. Aber zum Thema: Jazz ist für mich der Inbegriff von Freiheit. Wie man sich als Individuum innerhalb einer Gruppe behauptet, ist dem Jazz zutiefst zueigen. Ich glaube, das hatte einen großen Einfluss im Nachkriegs-Deutschland auf die Demokratisierung. Jeder Jazzmusiker muss sich jeden Tag neu erfinden, weil er nie gleich spielt. So ist auch mein Leben, so arbeite ich, seit ich 20 bin.

Das Gespräch führte Matthias Bieber.

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