175 Jahre Alte Pinakothek: „Vermeer in München"

München - Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen feiern das ganze Jahr ihre berühmteste und wichtigste Schatztruhe: die Alte Pinakothek. Am 16. Oktober 1836, vor 175 Jahren, wurde das Museum eröffnet.

Aus diesem Anlass gibt es eine Reihe von Ausstellungen - obwohl der bayerische Staat dieses Museum wie die anderen auch ausbluten lässt. Für einen neuen Konzertsaal scheint seltsamerweise Geld vorhanden zu sein. Die erste Präsentation und damit ein erster Höhepunkt, ist: „Vermeer in München - König Max I. Joseph von Bayern als Sammler Alter Meister“.

Johannes Vermeers „Frau mit Waage“ (um 1664) ist als Leihgabe von der National Gallery of Art in Washington nach München zurückgekommen. Foto: Museum

Dieser Herrscher (1756 bis 1825) ist im Vergleich zu seinem Sohn Ludwig I. nicht gerade als kunstsinnig in die Annalen eingegangen. Diesen Eindruck räumt die Schau aus - auch wenn sie noch gar nicht schildert, wie sehr Max I. Joseph die bayerische Landschaftsmalerei unterstützt und ihr damit zum Durchbruch verholfen hat. Sie erzählt vielmehr von einem Privatmann, der nicht staatstragend sammelte, sondern für seine eigenen Sinne und seine Seele. Das waren zum einen die Künstler seiner Zeit und zum anderen die alten Niederländer; und da insbesondere Landschaftsmaler wie etwa Jacob van Ruisdael (1628/29 bis 1682) oder Philips Wouwerman (1619 bis 1668). Die Bilder ließ der König kunstvoll in seinen Privatappartements in der Münchner Residenz auf den Wänden arrangieren. Die anderen Werke kamen in sein Tegernseer Lustschloss im ehemaligen Kloster, wie der Kurator Marcus Dekiert berichtet. Da die Majestät ein großes Seestück ihrem Bett gegenüber platziert hatte, begrüßt jetzt passend Ludolf Bakhuizens „Seehafen von Antwerpen“ die Besucher der Ausstellung in der Alten Pinakothek.

Die sind natürlich vor allem auf den einen neugierig, auf Johannes Vermeer (1632 bis 1675). Sein zutiefst bewunderungswürdiges - übrigens recht kleines - Gemälde „Frau mit Waage“ ist der Super-Edelstein der Schau und wird daher in ihrem „Herzen“ präsentiert. Max I. Joseph hatte nämlich neben den genannten Sujets und den verzwickten Architektur-Gemälden auch Genreszenen erworben. Da ist die intime Situation mit Mutter und Baby in der Korbwiege - und da ist eben die junge, reich gekleidete Frau mit der feinen Waage; vor ihr auf dem Tisch Schmuck und Münzen, hinter ihr an der Wand ein Gemälde mit dem Jüngsten Gericht. Hinweis darauf, dass die Waage nicht nur zum Handel gehört, sondern auch Symbol der Gerechtigkeit ist. Das Bild ist mit seiner raffinierten Lichtführung - die weißen Gewandteile und das Antlitz der Frau, Reflex auf den Perlen, Tageslicht am Fenster, Christus in der Aureole - einmalig schön. Daher kann man kaum glauben, dass dieses Werk nach dem Tod von Max I. Joseph weggegeben wurde: Ludwig und sein Bruder Karl wollten das Erbe nicht antreten, weil es mit Schulden hoch belastet war. Bei der Versteigerung der Bilder wurden jedoch wenige verkauft, der Rest blieb bei den Brüdern. Ludwigs Anteil kam in die Alte Pinakothek, die damit qualitätsvolle Niederländer aus der Goldenen Zeit besitzt. Sie umrahmen nun den Vermeer.

Er wurde damals, vom Pinakotheks-Direktor Johann Georg von Dillis völlig unterschätzt, billig veräußert und kam auf französischen Umwegen in die USA. Die National Gallery of Art in Washington hat das Meisterwerk uns nun freundlicherweise ausgeliehen. Der Verlust wurde im frühen 19. Jahrhundert gar nicht wahrgenommen, Vermeer war kein Begriff. Man schrieb sogar das Gemälde einem anderen zu, um es besser an den Mann bringen zu können. Erst in den 1860er-Jahren wurde Vermeer wiederentdeckt, wie Kunsthistoriker Dekiert anmerkt. So hat München seinen Vermeer verloren.

Simone Dattenberger

Bis 19. Juni, täglich außer Mo. 10-18 Uhr; Katalog: 26,90 Euro.

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