81 Jahre Farben

- Nicht alle von uns werden Tobias Rehbergers Projekt in seiner ganzen Fülle genießen können: 81 Jahre braucht man, um die gesamte Farbskala seiner Videoprojektion genießen zu können. Am 17. August 2042 vollendet sich bei diesem Langzeit-Spektakel erst die "Preview", weswegen der an der Arbeit beteiligte Laptop auch grantig vor sich hingrummelt - aber eigentlich "This is the Day" von The The, auf 24 Stunden ausgewalzt, von sich gibt. Elf Minuten und 50 Sekunden ist eine Farbe jeweils zu sehen, während ein Pixel der folgenden Nuance durch die Fläche wandert und sie hauchfein wandelt (Farbe, Sättigungsgrad, Helligkeit).

<P>Die Ausstellung "Soziale Fassaden u. a. - Farbe und Oberfläche in der Gegenwartskunst" im Münchner Lenbachhaus signalisiert also schon mit dem ersten Raum, dass Farbe heute nicht mehr nur mit Malerei zu tun hat. Zum Beispiel weist die aktuell gezeigte, riesige Farblicht-Installation im Kunstbau von Olafur Eliasson ebenfalls in diese Richtung. Wie viele Kunstwerke der ständigen Sammlung auch. </P><P>Für Kuratorin Susanne Gaensheimer ein guter Ansatz, dieser Entwicklung nachzuspüren. Sie geht von der Malerei aus, die ihre ureigensten Elemente erforscht: Malgrund, Farbbehandlung und Farbe. Am eindeutigsten repräsentiert Marcia Hafif mit ihrer "Radikalen Malerei", Anfang der 70er-Jahre postuliert, diese Richtung. Das Quadrat ist ihr Bezugspunkt, der Bildträger kein flacher, sondern ein kräftiger Körper, der als "Fassade" einen glatt aufgetragenen, monochromen Ton aufweist. In der - übrigens pfiffig gehängten - Schau werden diese so genannten minimalistischen Möglichkeiten maximalistisch üppig variiert, etwa von Frederic Matys Thursz, Rudolf de Crignis oder der ausgeklügelt operierenden Inge Dick, die sogar Weiß oder Polaroids spannend werden lässt. Sie beweisen, wie Farbe zum Astralleib werden kann oder ganz im Gegenteil zum durchbluteten Organismus.<BR><BR>Astralleib und Bastel-Glück</P><P>Ob ältere, ob jüngere Generation: Farbe und Oberfläche werden zum Erlebnis. Wobei all das nichts mit Oberflächlichkeit zu tun hat. Auch wenn Isa Genzken (Trägerin des Kunstpreises 2004 der Münchner Stadtsparkasse) das mit ihrem Werktitel "Soziale Fassade" im wahrsten Sinne des Wortes reflektiert. Aber nicht auf eine simple Alles-ist-ja-doch-nur-Fassade-Tour, sondern vielfältig gebrochen. Wie es eben ihren Bildern aus Spiegelfolie, klein gewürfelt oder längs gestreift, entspricht. </P><P>Das Material aus dem Baumarkt, bewusst locker verarbeitet, spielt mit Bastel-Glück und Heimwerker-Wut. Ironisiert zugleich Designer-Schick und Architektur-Pathos (wie Genzkens Haus-"Modelle" auch). Diese Bilder, die sich bescheiden geben, spiegeln aber auch ganz real: Betrachter, Umfeld, Licht, Farben. Die Werke sind ästhetisch äußerst reizvoll und steigern diesen Reiz durch die Wandelbarkeit der Reflexion. Ein einziges Bild "enthält" potenziell unendlich viele Bilder.<BR><BR>In der Ausstellung heißt das, Genzken integriert und verfremdet die Arbeiten ihres jeweiligen Partners, in München die großen, selbstbewussten Farbkombinationen von Thomas Bechinger. Er und Genzken bieten in diesem relativ kleinen Lenbachhaus-Raum das Drama eines ungleichen Paars, das jedoch beim Betrachter verblüffende Erkenntnisse auslöst.<BR><BR>Eingreifen ist auch die Devise von Liam Gillick. Das Tafelbild hat sich selbstständig gemacht und zu Raumteiler oder Decken-Verkleidung transformiert. Plexiglas, bunt oder uni, in Aluminiumrahmen: Diese "Skulpturen" setzt Gillick, der zu ihnen sogar Geschichten erfindet, behutsam auf die Grenze zwischen interessanter Kunst und abgedroschenem Alltagsdesign - alles Fassaden?</P><P>7. Juni bis 17. August, Tel. 089/ 233 320 00; Katalog erscheint Mitte Juli.<BR></P>

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