+
Wenn der Vater mit der Tochter: Raimund und Silke Thomas – in der Galerie vor einem Gemälde von Fernando Botero – sind schon längst ein eingespieltes Team und leiten die Galerien Thomas und Thomas Modern.

Kunden, Künstler, Klassiker

50 Jahre Galerie Thomas - eine Kunst-Geschichte

München - Kunden, Künstler, Klassiker: Raimund Thomas und seine Tochter Silke feiern das 50-Jahre-Jubiläum der Galerie Thomas.

Mit dem Start in die Ausstellungssaison 2014/15 ab 12. September, traditionell eröffnet mit der Open Art der Galerien (s. Kasten), feiert eine Münchner Institution ein ganz besonderes Jubiläum. Die Galerie Thomas, heute sowohl an der Maximilianstraße 25 als auch an der Türkenstraße 16 (als Galerie Thomas Modern) beheimatet, wird ein halbes Jahrhundert alt. Raimund Thomas (Jahrgang 1938) und seit 1996 seine Tochter Silke (Jahrgang 1966) bieten zusammen mit zwei Direktoren Hochkaräter wie Klassische Moderne, Expressionisten und Nachkriegs-Könner à la Tom Wesselmann oder Anselm Kiefer, aber auch „Ausreißer“ wie junge Kunst.

-Mit „50 Jahre Durchblick“ wird die Ausstellung angekündigt, die ab Mitte September besucht werden kann. Wie viel Durchblick hatte der junge Hupfer Raimund Thomas damals in München?

Die Galerie Thomas an der Maximilianstraße 25 in der Gründerphase, den Sechzigerjahren.

Raimund Thomas: „50 Jahre Leben mit der Kunst“ meint das eigentlich. Der Durchblick hat sich immer wieder auf verschiedene Perspektiven gerichtet – und geändert. Wenn man eine Galerie gründet, stellt sich zuerst die Frage: Wie macht man das? Es gab damals noch keinen Ausbildungsweg; heute dürfen Galeristen von der Handelskammer her ausbilden. Um einen Aus- und Überblick zu bekommen, habe ich mir ein halbes Jahr London verschrieben, bin durch sämtliche Räumlichkeiten, die sich Galerie nannten, getigert. Ich habe mich da schlau gemacht, was wer wie tut, welche Künstler gezeigt werden, was sie kosten. Ähnliches habe ich für zwei Monate in New York durchgezogen und in Paris; mit meiner Frau bin ich im Wohnwagen nach Versailles gezogen und von da aus täglich nach Paris reingefahren. In Italien, Deutschland und der Schweiz war ich ebenso unterwegs. Dann war’s soweit. Ich wusste einiges – und habe angefangen, Räume in München zu suchen. Die sollten nach Möglichkeit nicht bescheiden in einem Schwabinger Keller liegen, sondern dort, wo sich vermutlich die Kundschaft aufhält: Das war von Anfang an die Maximilianstraße 25.

-Wenn man als Galerie-Kind aufwächst, Frau Thomas, will man da nicht nur noch weg von der Kunst?

Silke Thomas: Die Phase hat man ausgiebig und ausgiebig genossen. (Lacht.) In frühen Jahren war die Galerie noch relativ präsent bei uns. In der Zeitspanne meiner Kindheit, die ich bewusster erlebt habe, hat die Galerie keine Rolle gespielt – weder zuhause, noch beim Großwerden... höchstens unbewusst. Ich wollte gar nicht in die Kunst-Richtung gehen. Das hat sich erst später im Alter von 20 herauskristallisiert, als ich hier in der Galerie einen Ferienjob hatte, um meine Fernreisen zu verdienen. Da lehnte ein großes Lyonel-Feininger-Bild an der Wand – dieses Werk schlug aus mir den Funken der Begeisterung. Ich ging den Weg anfangs nur über die Kunstgeschichte, überhaupt nicht in der Absicht, je in der Galerie aktiv zu werden. Nachdem ich aber kein reiner Theoretiker bin, hat es mir immer viel Spaß gemacht, in der Galerie mitzumachen. So habe ich als Werkstudent alles von der Pike auf gelernt. Der nächste Schritt, ganz in der Galerie zu arbeiten, war nur folgerichtig.

-München in den frühen Sechzigerjahren – wie war die Stimmung? Mit was fing man das Publikum?

Raimund Thomas: Damals gab es noch wenige Galerien. Die großen Vorbilder waren Otto Stangl, Günter Franke oder Otto van de Loo. Die Szene war begrenzt. Es entwickelte sich aber ein breiteres Interesse des Publikums nach dem Krieg. Da war eine Euphorie in den Sechzigerjahren, sich mit dem zu beschäftigen, was seit Kriegsende an Kunst entstanden war! Denn das waren herausragende und richtungsweisende Entwicklungen, die in den Fünfzigerjahren begannen. Ich wollte mein Galerist-Sein ursprünglich mit Norbert Kricke starten, das war jedoch schon der erste Misserfolg: Er wollte seine Arbeiten nicht einem unbekannten Galeristen anvertrauen und hat mich gebeten, mit seinem Schüler Paul Isenrath Kontakt aufzunehmen. Er war der Erste. Danach gab es schnell wichtige Namen wie Beuys, Gruppe Spur, Hajek, Jaenisch, Heiliger, aber gleichzeitig habe ich stark die École de Paris gezeigt. Und auch schon Nolde.

Die Besucher- und Käuferschicht ging damals vom Studenten bis zur führenden Persönlichkeit. Mancher musste sich sehr wohl überlegen, wie viel er sich abzwacken konnte, um etwas zu kaufen. Das war – familiär ist vielleicht zu stark –, eine gemeinschaftliche Situation. Alle waren neugierig auf das Neue und nahmen es mit positiver Akzeptanz wahr. So ging das bis in die späten Siebziger. Danach wurde der Kreis größer, weniger dicht in der Atmosphäre, es wurde internationaler; es entstanden andere Strukturen. Das hing mit der Entwicklung der Messen zusammen. Aber die erste Zeit war schon sehr animierend! Und ich wurde von Anfang an angenommen.

-München in den Zweitausendzehnerjahren – wie muss man da aufs Publikum zugehen?

Silke Thomas: Vieles hat sich verlagert. Wir sind angehalten, ein gutes Galerie-Programm zu gestalten und uns gleichzeitig aushäusig auf den Messen darzustellen, um Kontakte zu knüpfen und neue Sammler zu finden. Das funktioniert bestens. Ich bin oft überrascht, was für spezialisierte Sammler es gibt, die man kennenlernt. Der Kreis hat sich eben sehr erweitert und internationalisiert. Insgesamt gesehen ist wichtig, dass wir bei der heutigen schnellen Kommunikation immer wieder innehalten: Denn wir müssen sorgfältig, genau und auf das Kunstwerk bezogen arbeiten. Und auf die Person bezogen, denn unsere Kunden stammen aus verschiedenen Kulturkreisen; da gibt es unterschiedliche Anforderungen an die Kommunikation, etwa in Dauer und Tiefe. Darauf muss man sich einstellen. Durch die Menge an Sammlern, Aktivitäten, Künstlern und Messen sowie Auktionshäusern ist man schwer beschäftigt, den Überblick zu bewahren. Man kann nur einen Teil davon wahrnehmen. Die persönliche Begegnung ist umso bedeutender, je weniger sie sonst gepflegt wird auf Grund der raschen Kommunikation heutzutage. Wir versuchen, den individuellen Austausch zu forcieren: So gibt es neben uns zwei Direktoren, die wiederum spezielle Verbindungen haben zu ihren Kunden.

-Herr Thomas, Sie haben Architektur studiert. Wie kam’s zum Schwenk auf die Bildende Kunst?

Die Galerie Thomas Modern an der Türkenstraße 16 wurde 2009 mit Werken von Beuys, Kiefer, Twombly eröffnet.

Raimund Thomas: Ich hatte in Krefeld ein Elternhaus, das allgemein der Kunst gegenüber offen war. Das Haus meiner Patentante Esters – heute das Museum Haus Esters – war gespickt mit der damals modernsten Kunst; davon haben wir alle profitiert. Vor diesem Hintergrund hat sich mein Vater stets für Ausstellungen interessiert. Ende der Fünfzigerjahre kam er nach München, wo ich studierte, und hat mich aufgefordert, ihn durch die Münchner Galerien zu begleiten. Da habe ich bei den Besuchen der vier Galerien, die’s gab, Feuer gefangen. Das interessierte mich mehr als die statisch-mathematisch ausgerichtete Hochschule und ich erklärte: „Das will ich probieren.“ Die Eltern waren tapfer, meinten nur, ich solle mein Vordiplom abschließen – und dann in England studieren.

-Ihre Basis war zunächst die Sprache, Frau Thomas. Was verbindet die Übersetzerin ins Englische mit der Kunstliebhaberin?

Silke Thomas: Es hilft vor allem bei der Kommunikation mit Kunden, weil man reden kann, ohne über die Fremdsprache nachdenken zu müssen. Mehr nützt mir das Kunstgeschichtsstudium. Als Galerist ist das nicht zwingend erforderlich, denn wir in unserem Haus haben es mit der kurzen Zeitspanne von rund 100 Jahren zu tun. Aber ich genieße, dass ich die Zusammenhänge mit der Kunsthistorie herstellen oder Vorbilder erkennen kann. Das hilft bei der eigenen Wahrnehmung und im Gespräch.

-In der Münchner Galerie-Szene besetzen Sie das Leuchtfeuer der Klassischen Moderne. Wie schwer ist es, da noch qualitätsvolle Werke zu bekommen?

Silke und Raimund Thomas, hier mit Kulturredakteurin Simone Dattenberger (r.), freuen sich, dass sie Künstlerin Rebekka Horn neu für die Galerie gewinnen konnten.

Raimund Thomas: Das sind eigentlich zwei Fragen: Wie kriegt man qualitätsvolle Arbeiten, und wie kriegt man qualitätsvolle Künstler? Werke sind nur noch im „secondary market“ zu finden, was die Expressionisten angeht. Ich habe den großen Vorteil, dass ich schon so lange im Geschäft bin, dass ich dafür bekannt bin. Daher kommt manches, was ich vor Jahren vermittelt habe, zu mir zurück. Das ist ein Vorsprung. Es kommt was auf den Markt, weil sich Erben von Sammlungen trennen – oder einer baut weiter auf. Natürlich ist das Material weniger geworden. Vieles mit hoher Qualität hängt mittlerweile im Museum. Was vorhanden ist, besitzt nicht immer hohes Niveau. Und die Seite der Künstler: Welche haben Renommee, und wie können wir sie an uns binden? Da sind Grenzen gesetzt durch andere Galeristen und Verpflichtungen. All das sollte sich außerdem in den roten Faden der Galerie einflechten. Wir möchten, dass man weiß, welche Künstler in den Stall gehören. Exklusive Vertretungen von Künstlern müssen heute nicht mehr sein. Außerdem versuchen wir, keine reinen Verkaufsausstellungen, sondern museale Präsentationen zu bieten, etwa mit Maler-Konfrontationen. Das kommt bei Sammlern, Leihgebern, Publikum, Verkäufern und der Presse sehr gut an.

-Hat Sie manchmal etwas am Konzept Ihres Vaters gestört?

Silke Thomas: Wir vertragen uns sehr gut; bisweilen gibt’s über einzelne Punkte unterschiedliche Meinungen.

Raimund Thomas: Es entstehen schon Situationen, in denen einer sein Herzblut an etwas verliert; er will das unbedingt verwirklichen – und der andere sagt: „Hast Du Dir das gut überlegt? Lass Vernunft einziehen!“ Da sitzt man in der Zwickmühle.

Silke Thomas: Das Konzept verändert sich ja auch in längeren Zeiträumen, passt sich den Gegebenheiten an.

-Was war das Wichtigste in diesen 50 Jahren?

Raimund Thomas: Das Wichtigste ist, der eigenen Triebkraft, der eigenen schöpferischen Ader zu gehorchen, sich ihnen anzuvertrauen. Und zu fühlen, dass das, was man tut, seine Richtigkeit hat. Wichtig ist die Stabilität in der Aktivität, in der Auswahl und im Vertrauen darauf, dass das seine Stimmigkeit für mich hat – und damit auch für die anderen. Außerdem ist mir eine gewisse Vielfalt wichtig. Ich mag Fülle, ich mag Unterschiedlichkeit. Das Leben, die Natur sind so vielfältig: Daher war es für mich nicht richtig, mich auf eine Kunstrichtung zu beschränken. Die Vielfalt war für mich gut, und sie war für die wirtschaftliche Situation gut.

Das Gespräch führte Simone Dattenberger.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Die Fantastischen Vier in der Oly-Halle: Mit fantastischen Grüßen
München - Wer das Wort „fantastisch“ im Namen führt und auszieht, sein Best-of unters Volk zu bringen, der hängt die Messlatte hoch. Die Fantastischen Vier erfüllen den …
Die Fantastischen Vier in der Oly-Halle: Mit fantastischen Grüßen
Im Reich von Mode und Magie
Zürich - Spätestens seit dem Terroristen-Epos „Carlos“ ist der französische Filmemacher Olivier Assayas auch deutschen Kinofans ein Begriff. Sein preisgekröntes Drama …
Im Reich von Mode und Magie
Mordmotor mit Unwucht
Andreas Kriegenburg inszenierte William Shakespeares „Macbeth“ fürs Münchner Residenztheater
Mordmotor mit Unwucht
Hansi Kraus im Interview: „Wurde von meiner Familie betrogen“
München - Hansi Kraus ist der ewige Lausbub - auch, weil er diesen in Ludwig Thomas Lausbubengeschichten verkörpert. Im Interview spricht Kraus auch über die …
Hansi Kraus im Interview: „Wurde von meiner Familie betrogen“

Kommentare