25 Jahre Literaturhandlung: Mahnmal für die ermordeten Münchner

München - Rachel Salamanders Literaturhandlung in der Fürstenstraße 11 ist längst schon eine Münchner Institution. Die "Große Jüdische Buchhandlung für alle", wie sie sich einladend nennt feiert jetzt ihren 25. Geburtstag mit einer Lesereihe und einem Fest am 30. September im Jüdischen Museum.

Rachel Salamander wurde 1949 in einem Lager für Displaced Persons nahe Deggendorf als Kind einer Familie geboren, die die Schoah überlebte. Nach Studium und Promotion gründete die Germanistin 1982 die erste jüdische Fachbuchhandlung.

Ein Vierteljahrhundert Literaturhandlung: Ist sie so etwas wie das Mahnmal für die ermordeten jüdischen Münchner, das nie errichtet wurde?

In gewisser Hinsicht mit Sicherheit. Zumal ich versucht habe, mit der Literaturhandlung zu rekonstruieren, was das jüdische Leben vor der Vernichtung gewesen ist. Was wir als zweite Generation nach der Shoah vorgefunden haben, war die absolute Leere.

Es existierten weder jüdische Einrichtungen, noch lebten die früheren jüdischen Münchner. Kurz, alle sichtbaren Zeichen der jüdischen Existenz waren verschwunden. Die Literaturhandlung hatte von Anfang an die Aufgabe, die Verbrannten, Ermordeten, Verjagten in Form ihrer Schriften, ihrer Worte wiedereinzubürgern. Wir spürten alles an Literatur auf, was sich zum europäischen Judentum finden ließ. Natürlich habe ich sämtliche greifbare Veröffentlichungen über das einstige jüdische München angeboten. In dieser Stadt habe ich dem Jüdischen eine Art Präsenz erst verschafft.

"Rekonstruktion" heißt aber nicht "Denkmalschutz".

Im Gegenteil. Rekonstruktion deswegen, weil ich, als ich anfing, zuerst über ein Jahr recherchieren musste, um zu sehen, was überhaupt in Schriftform zum Judentum existierte. Und das sollte zum Leben erweckt werden. Deshalb gehörte es von Beginn an zur Konzeption der Literaturhandlung, Veranstaltungen auszurichten. Der Name Literaturhandlung ist programmatisch, besagt eben, dass sich um die Literatur Handlung entwickeln soll. Menschen sollten miteinander sprechen, angesichts des Geschehenen miteinander um die Geschichte ringen, damit das Vergangene nicht unbearbeitet stehen bleibt, damit ein gemeinsames Weitergehen möglich wird.

Erinnern Sie sich noch an Ihre Gefühle bei der Gründung vor 25 Jahren?

Das Thema Judentum kam damals im öffentlichen Bewusstsein so gut wie gar nicht vor. Heute weiß ich, dass ich mit dem Thema eine Art Trendsetterin für den Buchmarkt und bei den Veranstaltungen gewesen bin. Ich fühlte mich 1982 mit meiner Idee der Gründung einer Fachbuchhandlung für Literatur zum Judentum gut aufgefangen, denn die elf Gesellschafter, die mich heute noch begleiten, sind ideell und finanziell mit dem Projekt mitgegangen.

Die Atmosphäre seinerzeit war äußerst dicht und konzentriert. Für alle Beteiligten, die Kunden und das Publikum, aber auch für mich stellte sich die Arbeit als etwas ganz Besonderes dar, jede Lesung war eine Kostbarkeit. Da kamen Emigranten nach Jahrzehnten erstmals wieder nach Deutschland, und junge jüdische Autoren meldeten sich wieder in deutscher Sprache zu Wort. Vor 25 Jahren gab es kaum ein offenes Forum, bei dem Juden und Nichtjuden über die Vergangenheit ins Gespräch kamen.

Wir sind hier im Jüdischen Museum, wo Sie auch einen Buchladen führen - wie in anderen jüdischen Museen. Was kann das visuelle Element einer Ausstellung leisten, was Bücher nicht können und umgekehrt?

Unsere Erfahrung aus Wien, wo wir 1993 im Jüdischen Museum die Literaturhandlung aufgebaut haben, hat uns gezeigt, dass Ausstellungsbesucher unbedingt eine Nachbereitung des Gesehenen brauchen. Das bestätigt sich bis heute. Durch die Ausstellungen bleibt vieles offen. Da kommt einer Fachbuchhandlung eine wichtige Funktion zu. Sie kann Fragen beantworten und mit weiterführender Literatur beraten. Umgekehrt kann die Literatur unsere visuelle Begierde nicht sättigen. Beides sind Realitätsausschnitte, die sich ergänzen.

Ihre Muttersprache ist Jiddisch, eine alte, zum Teil deutsche Sprache. Sind Sie deswegen besonders sensibel für das Deutsch unserer Zeit?

Sie haben recht. Ich wuchs ein halbe Stunde von München entfernt im Displaced- Person-Lager Föhrenwald auf. Mit sieben Jahren kam ich nach München und sprach kein Wort Deutsch. Ich musste mir die Sprache erkämpfen, die von den Überlebenden nicht sehr geliebte Sprache und deswegen auch gegen ihre Widerstände. Und wenn man sich etwas erkämpfen muss, ist die Wertschätzung noch größer.

Was hat das Kind Rachel dazu getrieben zu kämpfen?

Meine Kindheit verbrachte ich unter schlechten Bedingungen, in materieller Not, mit Hunger und mit Menschen, die vom unsäglichen Leid gezeichnet waren. Andererseits kam den Kindern all ihre Liebe zu, schließlich waren wir der Weg in die Zukunft. Ich hatte schon früh das Gefühl, dass ich das Negative überwinden muss. Ich wollte raus aus der Leere, aus der unglaublichen Trauer, weil immer der Toten gedacht wurde. Ich wollte das Negative ins Positive wenden.

Sind Sie manchmal müde oder wütend, wenn es nach so viel Engagement für Aufklärung immer noch Antisemitismus gibt?

Nach 60 Jahren und mit diesem Kriegsausgang hätte ich mir nicht vorstellen können, dass Antisemitismus und Rassismus fortbestehen würden. Aber auch hier gilt mein Motto: das Positive stärken, sich zum Beispiel für die Demokratie einsetzen, gegen Vorurteile kämpfen, Fremdheitsgefühle abbauen helfen, um eine Basis für Gemeinsames zu schaffen. Aktiv sein bedeutet, Negatives hinter sich zu lassen und Konstruktives zu schaffen, ohne dass man Träumer ist.

Im Dreieck Judentum, Christentum und Islam wird momentan der Islam missbraucht, Gewalttaten zu rechtfertigen.

Es schafft immer Probleme, wenn Religionen, von wem auch immer, politisiert werden. Das Judentum könnte da durchaus eine Vorbildfunktion haben. Denn die jüdische Integration ist trotz aller Vorbehalte von Juden und Nichtjuden in Deutschland ein gelungenes Modell der Integration, das zeigt, wie man sich mit eigener Identität trotzdem in eine fremde Gesellschaft einfügen kann.

Das Gespräch führte Simone Dattenberger.

@ www.literaturhandlung.com

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