850 Jahre München: Mönche, Musen und Moneten

München - Das Stadtmuseum eröffnet nach einer ersten Umbauphase die neue Dauerausstellung "Typisch München!"

Endlich kann der Besucher das Stadtmuseum am St. Jakobs-Platz wieder durch den Innenhof mit dem Gartencafé betreten. Rechts leuchtet blau der Eingang zum neuen Museumsladen. Geradeaus geht's, wie früher auch, durch die schwere Tür ins Foyer. Nur sollte man jetzt nicht mehr die Treppe hinaufstürmen, sondern links in den Saal des einstigen Zeughauses gehen.

Dort beginnt Kurator Thomas Weidner seinen Spaziergang durch die urbane Geschichte anhand von Münchens Eigenheiten - und exzellenten Objekten aus allen Sammlungen des Museums. Erster Eindruck: Architektonisch missglückt sind die Podeste und Treppen, die in den Saal mit seinen markanten Spitzbögen und Säulen eingebaut wurden. Der Raum ist empfindlich gestört. Zum Glück entschädigen die Exponate - zu allererst die Morisken von Erasmus Grasser. Diese so schwungvollen wie verschmitzten Grotesktänzer aus der Nähe anzuschauen, ist ein Erlebnis.

Natürlich wird in der Abteilung "Altes München" über den urkundlichen Gründungstag von "Munichen", den 16. Juni 1158, informiert. Neben einem Salzbrocken schaut trutzig Heinrich der Löwe - er setzte den Salzhandel-Aufstieg Münchens gegen die bischöfliche Stadt Freising durch - in die Runde. Die wiederum ist geschmückt mit Gemälden von der kleinen Stadt an der Isar: Man schaut als Ankommender auf das Leben vor den Toren und die Gebäudesilhouette mit - typisch München - Frauen- und Peterskirche. Da Mönche wohl zuerst das Fleckchen Erde besiedelten, das später München hieß, sind sie in Verzierungen allgegenwärtig wie die Verehrung Marias auch. Sie gab Halt in Zeiten des Kriegs, der Pest und Reformation. Eine "Kapelle" in ihrer Volksfrömmigkeit und die Putten der Mariensäule (Ferdinand Murmann), die alles Unheil niederringen, zeigen dies. Dass in München viel gehandelt und gewerkelt wurde, schildern nicht nur Markt- und Zunftdarstellungen - zum Exempel: die Schäffler -, sondern auch ein echter Ziegelstein mit dem stadttypischen Maß eines "Werkschuhs" (33 Zentimeter).

Über die extra geöffnete, halbe Wendeltreppe aus den 20er-Jahren, in der eine Klangcollage mit Schlagzeilen Münchner Zeitungen zu hören ist, gelangt man ins erste Obergeschoss und damit in "Das Neue München", also vom "deutschen Rom" in Ludwigs I. "Isarathen". Wunderschöne Stadtansichten sind hier zu genießen, angefangen mit dem München-Bild der Schedelschen Weltchronik von 1493. Danach tut sich ein Panorama von Künstlern, Wissenschaftlern, Bürgern, Wirtschaftsgrößen und Herrschern auf, aber auch von Bier und ersten Schulen (1802), Frauentracht und erster Industrie (Erzgießerei), Schutzvorrichtungen gegen Stadtbrände (Pyroskop) und Essen. In einer grünen Küche - neben dem Biedermeier-Salon - fährt ein "Sushi"-Band vom sauern Lüngerl über die Leberkäs-Semmel bis zur Prinzregententorte mit ihren Schichten (die Stämme Bayerns) typisch münchnerische Genüsse auf. Schon in dieser Abteilung wird klar: Die Stadt hat sich immer mehr vom Hof emanzipiert. Nun prägt der Bürger sein "Typisch München".

So wird die "Geburt der Monachia" mit Insignien des Stadt-Stolzes vom Münchner Kindl bis zum Malerfürsten - oft auch selbstironisch - gefeiert. Historismus und Jugendstil sind in eindrucksvollen Möbel-Ensembles präsent. Plakate für Lichtspiele, Immobilien oder den Blauen Reiter drängen mit schickem Grafikdesign in die Moderne. "Made in Munich" wird mit Ed Meier bis Utzschneider-Optik ein Begriff. Dazwischen ein Arme-Leute-Karren, denn Umzüge waren an der Tagesordnung: Die Münchner Mieten waren damals schon brutal.

Kurator Weidner hält sich beim schwierigen Übergang von 1914 bis zum Aufkommen der Nazis an Lion Feuchtwanger. Wie er in "Erfolg" Schlaglichter auf die Zeit wirft, so macht es die Schau. Brodelndes München zwischen Gewalt und Gemütlichkeit. Rasant nimmt man Brecht und die Inflation, den Stahlhelm und Valentin wahr. Da es im Stadtmuseum eine feste Schau zum Nationalsozialismus gibt, wird er hier nur punktuell beleuchtet, ebenso wie die Nachkriegszeit. Den neuerlichen Schub für die Stadt ab den Olympischen Spielen 1972 wird das Museum erst dann breit darstellen können, wenn die anderen Trakte des Gebäudekomplexes saniert sind. Jetzt behilft man sich mit einem spritzig zusammengestellten BR-Film: lauter  Typisch-München-Szenen von der Wiesn übers P1 bis zur Anti-Atomkraft-Demo.

"Typisch München!": Alles in allem kein braves "Geschichtsbuch", sondern eine Fundgrube - lehrreich, witzig und schon auch nostalgisch.

Informationen:

Tel. 089/ 23 32 23 70, Katalog: 19,80 Euro.

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