60 Jahre Verdrängung

- "Ein Neubau wäre ein adäquates Zeichen. Daran müssen sich Staat und Stadt messen lassen." So Winfried Nerdinger, TU-Professor und Chef des Architekturmuseums, der beim zweiten Teil des Symposions im Gasteig (erster im Dezember 2002; wir berichteten) über die geplante NS-Dokumentationsstätte in seiner Eigenschaft als einer der Vertreter des Initiativkreises für ein NS-Dokumentationszentrum in München diskutierte und referierte.

<P>Dieser Bürgergruppe, in der sich Gruppierungen von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes über das Archiv der Münchner Arbeiterbewegung bis zur Weiße Rose Stiftung zusammengefunden haben, ist es neben Einzelkämpfern wie Klaus Bäumler (Bezirksausschuss Maxvorstadt) zu verdanken, dass auf politischer Seite nach fast 60 Jahren endlich etwas wirklich Angemessenes für Münchens Historie und unser Geschichtsbewusstsein unternommen wird.</P><P>Nerdinger widerlegte außerdem Punkt für Punkt das erschreckend oberflächlich gemachte Gutachten des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin (Volker Dahm, Dokumentationszentrum Obersalzberg). In dem Papier finden sich neben der ohnehin schon grotesk unpraktischen Zersplitterung der Dokumentation in drei räumlich auseinander liegende Ausstellungen Schnapsideen wie etwa: Die erste Teil-Schau solle im Kunstbau untergebracht werden - in einer voll bespielten (!) Halle des Lenbachhauses also.</P><P>Im Symposion II entwickelte sich ein klarer Konsens für den Dokumentations-Standort:<BR>- ein einziges Zentrum, <BR>- authentische Örtlichkeit, <BR>- Neubau. </P><P>Am meisten Zustimmung fand das Grundstück zwischen Karolinenplatz und Arcisstraße, auf dem das "Braune Haus" stand. Die Authentizität sei gewahrt, aber eben auch die nötige Distanz zu Nazi-Bauten. Deren Mystifizierung solle verhindert werden. Als Beispiele wurden von Iris Lauterbach (Zentralinstitut für Kunstgeschichte) der "Führerbau" und die NSDAP-Verwaltung genannt, in denen heute Musikhochschule (Arcisstraße) und Kunst-Institutionen (Meiserstraße) untergebracht sind.</P><P>Damit ist ein immer wieder problematisierter Punkt angesprochen: Orte, an denen sich Geschichte festmachen lässt, regen unsere Erinnerung an. "Gedächtnis funktioniert topografisch", so Lauterbach. Das ist gut, um Menschen aufzurütteln. Das heißt jedoch zugleich: Faszination. Die möchte man im Fall des Nationalsozialismus vermeiden. Mit dieser Zweischneidigkeit hat auch das Stadtmuseum (Direktor Wolfgang Till referierte) zu kämpfen, das eine Abteilung "München im Nationalsozialismus" installieren will.</P><P>Dort sind es authentische Gegenstände, die museal anschaulich sind, aber vielleicht auch unerwünschte Begeisterung auslösen - so jedenfalls die Sorge. Deswegen wurde die Eröffnung bereits verschoben; neuer Termin "in einigen Monaten". Das Stadtmuseum hat die Chance leider bisher nicht genutzt, dieses Konfliktpotenzial offensiv und offen zu diskutieren. Ein fruchtbarer Diskurs darüber hätte vielen ähnlichen Projekten helfen können; nicht zuletzt dem Museum selbst.</P><P>Im zweiten Teil des Symposions, das vom Kulturreferat und von der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit (Kultusministerium) veranstaltet wurde, zeigte sich wesentlich deutlicher als in der ersten Vortragsrunde, bei der es vor allem um historische Fakten ging, dass die Tagung verkehrt herum aufgezäumt war. Denn von offizieller Seite wurde die Vorarbeit ignoriert, die der Initiativkreis bereits geleistet hatte. Er entwickelte ein fundiertes Thesenpapier, auf dessen Basis das Symposion hätte aufbauen müssen.</P><P>So stellte man Überlegungen zu Dauer- und Wechselausstellungen an, zu Gesprächsforen, Forschungsstipendien oder Archiven. Wichtig ist dem Kreis, dass das Zentrum die NS-Geschichte nicht museal mumifiziert, sondern dass es sich auch auf die aktuelle deutsche Lage (z. B. Rassismus, Antisemitismus) bezieht. Auf solch einer Grundlage hätten jetzt schon spezifisch münchnerische Themenfelder konkreter abgehandelt, praktische Probleme angepackt werden können. Dass man mit vielen Partnern durchaus sehr gut zusammenarbeiten kann, demonstrierte Hans Christian Täubrich, Leiter des Nürnberger Dokumentationszentrums "Reichsparteitagsgelände".</P><P>Er wie auch Reinhard Rürup vom Doku-Zentrum "Topografie des Terrors" in Berlin unterstützen ("Man darf nicht zu bescheiden sein.") das Münchner Zentrum genauso wie Historiker Hans Piper in seinem exzellenten Auftaktvortag ",Täterorte - Rückblick auf ein junges Kapitel der deutschen Erinnerungskultur". Er ging darin auf einen Punkt unserer Geschichte ein, der in jedem Referat anklang: auf den der Verdrängung. Sicher nicht allein münchenspezifisch, aber so bedeutsam für die Bundesrepublik, dass er im Dokumentationszentrum neben dem Hochkommen der Nazis, ihrer Festigung durch Terror und Selbstverherrlichung sowie dem Widerstand ein großes Feld beanspruchen muss: zwölf Jahre Nazis, 60 Jahre Verdrängung.</P><P>"Aus Giasing war' ma siebz'ge." Elf Jahre litt der Bursch' aus dem Arbeiterviertel im KZ-Dachau, verraten von einem Gestapo-Spitzel aus der Nachbarschaft. Barbara Distel, Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, war es, die das Münchner Symposion auf den Münchner Boden zurückbrachte. Ihr bewegendes Eintreten für die Erinnerung an die Opfer gipfelte in dem Fazit: "Es fehlt ein Ort, wo das Wissen über diese Zeit zusammengeführt wird." Das heißt, München kann sich nicht um eine Dokumentation drücken mit dem Verweis auf die KZ-Gedenkstätte.</P><P>Der Meinung waren auch die Vertreter der Veranstalter, Angelika Baumann vom Kulturreferat ("So viel Anfang war nie.") sowie Peter März und Werner Karg von der Landeszentrale für politische Bildungsarbeit. Ob sie Recht behalten (ungesicherte Finanzierung) und die Politiker sich ihrer Verantwortung bewusst sind, wird sich am 21. und 22. Januar herausstellen: Zunächst trifft OB Christian Ude Ministerin Monika Hohlmeier, danach kommt im Landtag der Hochschulausschuss zusammen, wo sich Hildegard Kronawitter für das Dokumentationszentrum einsetzt.</P><P> </P>

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