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Das war Woodstock: am 15. August 1969 in Bethel, New York.

40 Jahre Woodstock: Rückkehr der Blumenkinder?

Woodstock, die Urmutter aller Rockfestivals, wird im August 40. Dank der Original-Veranstalter Michael Lang, Joel Rosenman und Artie Kornfeld lebt es an diversen Ecken der Welt wieder auf.

Kein Musikfestival wurde zu einem solchen Ereignis wie Woodstock. Eine Million Menschen machten sich auf die Socken, um am 15., 16. und 17. August 1969 auf einem Dorfacker in Bethel im US-Bundesstaat New York Superstars wie Jimi Hendrix, Janis Joplin, Grateful Dead, Santana, Crosby, Stills, Nash & Young, The Who, Jefferson Airplane und Canned Heat zu erleben. Die Hälfte der Leute sowie einige Künstler blieben jedoch hinter Manhattan in einem gigantischen Stau stecken und wurden von den Ordnungshütern wieder nach Hause geschickt.

Das Love & Peace-Festival gilt heute als Symbol für die Verwandlung einer Untergrundbewegung in ein Massenphänomen. Dass es die amerikanische Kultur für immer verändert hat, davon ist Woodstock-Veteran David Crosby überzeugt. „Woodstock machte Amerikas Jugend auf einen Schlag volljährig. Die Kids wurden sich bewusst, wie verschieden sie von ihren Eltern waren. Die gesellschaftliche Bedeutung dieses Festivals ist gewaltig.“ Woodstock war kein „Gathering“, eine freie, unhierarchische Zusammenkunft hippiesker Lebenskünstler. Das Festival entsprang einer kommerziellen Idee.

Der 25-jährige Musikproduzent und Konzertveranstalter Michael Lang wollte damit sein Aufnahmestudio in Woodstock finanzieren. Langs Nachbar war der Musiker und Produzent Artie Kornfeld. Er holte zwei junge Unternehmer mit an Bord: John Roberts und Joel Rosenman. Gemeinsam gründeten sie das Unternehmen Woodstock Ventures. Da aber die Organisation zu wünschen übrig ließ und viele Besucher ohne Ticket das Gelände stürmten, war zunächst kein Geld zu verdienen. Das gelang erst mit der Vermarktung der Konzertmitschnitte. Woodstock bekam vor allem wegen seiner friedlichen Atmosphäre und den begeistert gefeierten Auftritten Kultstatus.

Heute sind Lang und Rosenman, die die Rechte an Namen und Logo besitzen, wohlhabende Männer – auch wenn ihre Bemühungen, den Geist von Woodstock wieder aufleben zu lassen, zuletzt im Desaster endeten: Bei „Woodstock 3“ (1999) in Rome , New York, legten Randalierer Brände, es kam zu Vandalismus und Vergewaltigungen. Kornfeld war damals nicht dabei. 40 Jahre nach Woodstock sind die Gründer von Liebe und Frieden weit entfernt und streiten sich über ein angemessenes Erinnerungskonzert.

Nachdem Lang und Rosenman ihren Plan, am 15. und 16. August in New York und am 22. und 23. in Berlin ein Gratis-Festival aufgrund mangelnder Sponsoren aufgeben mussten, denken sie nun an ein Open-Air im September im Brooklyner Prospect Park – mit Solar- und Windstrom, Bioessen, Recycling-Materialien und vielen Stars. Notfalls wollen sie alternativ ein virtuelles Woodstock im Internet veranstalten.

Geld verdienen sie in jedem Fall: Die US-Kaufhauskette Target verkauft zum Jubiläum Handtücher mit dem Logo, und Lang schlachtet seine Erinnerungen gerade für eine Autobiografie aus. Kornfeld (66), der sich bislang aus allen Erinnerungskonzerten herausgehalten hat, konnte diesmal nicht widerstehen und feiert den Woodstock-Geburtstag am 25. Oktober im Golden Gate Park in San Francisco zusammen mit der gemeinnützigen Organisation „Musicians and Artists for World Peace“, zu deren Mitgliedern der Dalai Lama gehört.

Auftreten sollen ein paar Gruppen von damals, etwa Canned Heat, zudem Künstler und Polit-Aktivisten wie Wavy Gravy. Auch 2010 will Kornfeld mit dem „Imagine“-Fest in Kanada die identitätsstiftende Kraft und das politisch-utopische Potenzial von Popmusik erneut beschwören. Bleibt der Originalschauplatz: Bethel, New York. Dort lässt heute das Kulturzentrum „Bethel Woods“ die Blumenkinder-Ära wieder aufleben. Da sich die Betreiber mit Lang und Rosenman nicht einigten, wollen sie am 15. August ihr eigenes „Heroes of Woodstock“-Fest feiern.

Ihr größtes Kapital ist der historische Veranstaltungsort sowie die Zusage der Originalprotagonisten Mountain, Jefferson Starship, Richie Havens, Ten Years After, Canned Heat, Melanie, Big Brother and the Holding Company, Levon Helm Band und Country Joe McDonald. Dass es hingegen auf dem stillgelegten Flughafen Tempelhof nun doch still bleibt, mag deutsche Rockfans betrüben. Aber der Jubiläumswahnsinn zieht auch in Europa immer weitere Kreise – und so spielt Lang am Ende doch noch einen Joker aus. Er will jetzt mit dem kostenlosen polnischen Festival „Przystanek (Haltestelle) Woodstock“ kooperieren.

Unter dem Motto „Liebe, Freundschaft und Musik“ findet es seit 1995 jährlich Anfang August in Kostrzyn nad Odra statt. Lang zeigte sich beeindruckt, dass dieses nichtkommerzielle Ereignis 400 000 Besucher anlockt – gänzlich ohne Weltstars. Die Toten Hosen für dieses Riesen-Festival zu engagieren und ihnen eine symbolische Gage von 25 Euro zu bieten, ist erstaunlich. Denn „Przystanek Woodstock“ hat nur einen Zweck – Geld zu sammeln für die Kinderkrankenhäuser des maroden polnischen Gesundheitssystems.

Die Organisatoren wünschen sich, „dass alle Ereignisse eindeutig an den 40-jährigen Gedanken vom amerikanischen Woodstock anknüpfen. Alle Festivals und Treffen sollten nichtkommerziell sein und den Gedanken in sich tragen, die Leute zusammenzubringen und zu unterstützen.“

Derweil treiben Lang und Rosenman in Partnerschaft mit dem Sony-Konzern die kommerzielle Nutzung ihrer Website woodstock.com voran – eine Mischung aus sozialem Netzwerk und Geschäft. „Woodstock begann als ein Traum und wurde zu einer Wirklichkeit, die unsere wildesten Vorstellungen übertraf“, flötet Lang. „Der Traum lebt weiter, und wir hoffen, dass unsere Seite dabei helfen wird, die Kräfte aus modernster Technologie und gemeinschaftlichem Idealismus nutzbar zu machen, die Woodstock nach wie vor freisetzt.“

Von Olaf Neumann

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