Jahrmarkt der Eitelkeiten

München - „Das Blutbuchenfest“ ist Martin Mosebachs erster politischer Roman – am Dienstag liest der Autor im Münchner Literaturhaus.

Als 2007 die deutsche Ausgabe des Hochglanzmagazins „Vanity Fair“ an den Start ging, erklärte Chefredakteur Ulf Poschardt beseelt und aufgeregt, das Heft sei für die „Movers and Shakers“ der Republik. Die „Beweger und Schüttler“ interessierten sich indes nur mäßig für das Druckerzeugnis, die deutsche „Vanity Fair“ wurde nach zwei Jahren eingestellt. Poschardts prätentiös-peinliche Anbiederung an die vermeintliche Zielgruppe ist dagegen als geflügeltes Wort geblieben. Dieser Tonfall, das Blasierte, Arrogante, Selbstverliebte hätte gut in jenen Kreis gepasst, der sich in Merzingers Restaurant in Frankfurt am Main regelmäßig trifft. Der Ort ist magisches Zentrum für die Figuren in Martin Mosebachs Roman „Das Blutbuchenfest“, den er morgen in München vorstellt.

Dem Autor, Jahrgang 1951, ist ein faszinierendes, leichtfüßig erzähltes und dennoch wuchtiges Buch gelungen. Ein Buch, dessen Ton wechselt zwischen Komik und Härte, Trauer und Ironie. Ein Buch, dessen Figuren schillern, aber nie unglaubwürdig wirken. Es ist Mosebachs erster wirklich politischer Roman: In der Zeit zwischen Fall der Berliner Mauer und dem Beginn des jugoslawischen Bürgerkriegs ist „Das Blutbuchenfest“ angesiedelt. Die bosnische Putzfrau Ivana, der Mosebach gleich zu Beginn ein berührendes Entree als „Schaumgeborene“ widmet, verschränkt das Geschehen auf dem Balkan mit dem Treiben des Frankfurter Geldadels, der Blender und Kreativen, der Ehefrauen und Geliebten, der Adabeis und Geächteten. „Mit welchen Reden, Geständnissen, Gefühlsausbrüchen und Versöhnungen vertrieb man sich die Zeit, während der Ausbruch der Finsternis näher und näher gekommen war!“, heißt es an einer Stelle.

Mosebachs Ich-Erzähler ist Mitte dreißig, ein Kunsthistoriker, der noch nichts auf die Reihe bekommen und seine besten Jahre mit einer unwichtigen Promotion verbummelt hat. Er soll eine Ausstellung über Mestrovic kuratieren, den „Michelangelo Bosniens“. Die Schau soll im Rahmenprogramm des Kongresses über die „Wurzeln und Fundamente der menschlichen Würde in den Kulturen des Balkans“ gezeigt werden. Ein Titel so aufgeblasen und nichtig wie Wereschnikow, der die Veranstaltung plant und sich über die berühmten Namen in seinem Telefonbuch definiert. Durch seine Aufgabe stolpert der Erzähler nun in den Frankfurter Jahrmarkt der Eitelkeiten.

Durch ihn und durch Ivana, die bei allen Protagonisten putzt, lernen wir das absurde Figurenkabinett kennen. Mosebach porträtiert die „Movers and Shakers“ feinsinnig und dennoch oft an der Grenze zur Karikatur. Ein Lesegenuss.

Diesen trübt auch die Tatsache nicht, dass der Autor die Charaktere gerne Mobiltelefone nutzen lässt, die um das Jahr 1990 kein Massenprodukt waren. Über diesen Anachronismus haben sich einige Kritiker lustig gemacht. Wie kleinlich!

Doch der Schriftsteller, 2007 mit dem Büchner-Preis geehrt, spaltet seit jeher Leser und Literaturkritik wie kaum ein deutscher Autor. Die einen bewundern seinen eleganten, komplexen und (selbst-)ironischen Stil. Andere finden seine Erzählweise altmodisch, manieriert – und glauben, darin die Fortschreibung von Mosebachs persönlichem Auftreten zu erkennen: Ihn, der sich gerne auch mit gepfefferten Essays in Debatten einmischt, sieht man stets akkurat gekleidet, bis hin zum korrekt gefalteten Einstecktuch. Da passt es doch, dass er „Sofa“ konsequent mit „ph“ schreibt, oder?

Blödsinn. Mosebach ist ein fabelhafter, unterhaltsamer Erzähler, dem es tatsächlich gelingt, gegen sprachliche Schnoddrigkeit auf eine Art anzuschreiben, dass die Lektüre Bereicherung und Freude ist. „Das Blutbuchenfest“ beweist es. Selbst Nebensächlichem wie der Tatsache, dass ein Fußballspiel, das als Wiederholung gezeigt wird, kaum noch spannend ist, widmet sich dieser Autor gewissenhaft: „Jetzt besaß es (das Spiel; Anm. d. Red.) etwas Schattenhaftes, das Mark der Aktualität war ihm ausgesogen, und das Wissen, wie die Sache ausgegangen war, ließ die Wiederholung als Bestrafung der Verlierer wirken.“

Unter der Blutbuche, die diesem Roman den Titel gab, organisiert Geschäftsmann Rotzoff ein teures Fest, um mit den Eintrittsgeldern seine Schulden im Restaurant Merzinger zu begleichen. Die Rotfärbung der Blätter dieser Baumart ist auf das Fehlen eines Enzyms zurückzuführen. Mosebachs „Blutbuchenfest“ mangelt es dagegen an nichts.

Michael Schleicher

Martin Mosebach:

„Das Blutbuchenfest“. Carl Hanser Verlag, München, 448 Seiten; 24,90 Euro. Der Autor stellt seinen Roman morgen, 20 Uhr, im Münchner Literaturhaus, Salvatorplatz 1, vor. Karten unter Telefon 089/29 19 34 27.

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