Jakob schlägt sein Zelt auf

- Die beiden Flügel des kupferbeschlagenen Tores zur neuen Münchner Hauptsynagoge Ohel Jakob (Zelt Jakobs) öffnen sich. Warme Metalltöne von Goldbronze bis Kupferbraun umspielen das prismatische Ornament. Dominiert wird es von schwungvollen hebräischen Lettern, dem jeweils ersten Buchstaben der Zehn Gebote.

Neben dem zeitgenössisch modernen Ambiente der Synagoge, dem Jüdischen Museum sowie dem Gemeindehaus der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, wirkt dieser Einlass in das Gotteshaus ein wenig altmodisch.

Aber gerade das heimelt an, vermittelt ein "Zuhause". Denn dieses "Design" erinnert daran, dass sich hier kein absoluter Anfang auftut. Die jüdische Glaubensgemeinschaft mit ihren Synagogen hat vielmehr seit dem Mittelalter Tradition in München. An die schließt die fast historistische Gestaltung der Türe an und gemahnt dadurch an die von den Nationalsozialisten geschleifte imposante Hauptsynagoge bei der Maxburg.

Ansonsten formulierte das Saarbrücker Architekturbüro Wandel, Hoefer, Lorch, das 2001 den Wettbewerb gewann und auch schon die Dresdner Synagoge baute, ihr Werk konsequent im heute aktuellen Ästhetik-Vokabular: Der schlichte Sakralbau (knapp 9000 Kubikmeter; Kosten mit Gemeindehaus; 57 Millionen Euro), der heute eröffnet wird, trumpft nicht auf, ist jedoch signalhaft als ein Gebäude mit besonderer Funktion markiert. Zwei Kuben ziehen die Blicke auf sich ­ einer gewissermaßen als Sockel, der andere, schlank und licht, als Schrein darauf sitzend.

Durch die Synagoge und die beiden ebenfalls versetzt und über Eck positionierten Häuser der Gemeinde und des Museums verzweigt sich der St.-Jakobs-Platz zu verschiedenen kleineren Plätzen. Er ist nun kein städtebaulicher Un-Ort mehr, sondern verführt zum Flanieren und Verweilen. Die Freiflächen werden noch begrünt (Bäume, Bänke, Spielplatz). Kommt der Spaziergänger zum Beispiel vom Oberanger, ist die urbane Situation jetzt schon so ansprechend, dass man sich gern auf den Jakobs-Platz "saugen" lässt.

Der acht Meter hohe Unterbau der Synagoge wurde mit grob gebrochenen, vertikalen Längsplatten aus Travertin verkleidet ­ in einem fein variierten Rhythmus. Dieser Stein wiederholt sich mit geschliffener, darum hellerer Oberfläche und ebenfalls die Senkrechte betonend am Museum und Gemeindehaus. Auf der "felsigen" Wand, bei der man an die Jerusalemer Klagemauer denken darf, erhebt sich der transparente Quader. Rautenartig sich kreuzende Stahlrippen, kupferfarbene Bänder und Netze umspinnen den Aufbau (Zelt!), erinnern an die Struktur des Davidsterns. Tageslicht darf hereinströmen, und des Nachts leuchtet das Gotteshaus. Stabilität und Leichtigkeit, Erde und Himmel, Alltag und Göttlichkeit verbinden sich bei Ohel Jakob durch feinsinniges architektonisches Pathos auf selbstverständliche Weise.

Freundlicher Riese

Nachdem man das Außentor und eine gläserne Schiebetür passiert hat, ist Holz das beherrschende Element der Synagoge. Vorraum mit drehbaren Wänden (Vergrößerung der Halle möglich), Gebetsraum mit Bänken, Emporen, Thora-Schrein, Lesepult in der Mitte ­ alles ist aus Holz beziehungsweise mit Zedernholz verkleidet. Es ist der einzige "Schmuck" ­ bis auf den goldfarben leuchtenden Schrein und die Thora-Sprüche an den Wänden. Was an dem bescheiden ausgestatteten Innenraum beeindruckt, ist wieder eine erstaunliche Kombination: Er selbst wirkt intim, umhüllt trotz Nüchternheit sanft die Gemeinschaft der Gläubigen ­ der Einzelne wird in ein Zusammensein geführt. Dazu passt, dass die Trennung in ebenerdige Platzierung für die betenden Männer und Empore für die Frauen fast aufgehoben ist. Die weiblichen Gemeindemitglieder sitzen lediglich ein wenig erhöht.

Im Untergeschoss sind eine kleine Tagessynagoge und Mikwen (für rituelle Bäder) untergebracht; von hier führt außerdem ein Gang zum Gemeindehaus. Ein Erinnerungsweg, der die Strecke von der Shoa bis zur neuen Synagoge mit ein paar Signalworten (aus der Wand gefräst) symbolisiert und der auf einem mehrschichtigen Glasband die Namen der deportierten Münchner aufführt (Konzept Georg Soanca-Pollak). 1910 gab es 11\x0f000, im April 1945 84 jüdische Münchner, heute sind es rund 9000.

Für Wandel, Hoefer, Lorch war es kein Problem, Synagoge und Museum, das auf einem "Glasband" seinen Travertin-Körper trägt, städtebaulich ausgewogen aufeinanderabzustimmen. Beim Gemeindehaus mit seinen vielen Anforderungen von Kindergarten bis Restaurant, von Sozialeinrichtung bis zum 800 Personen fassenden Hubert-Burda-Saal, von Büros bis zum Jugendzentrum (bisher alles über die Stadt verstreut) war das nicht zu schaffen.

Der vergleichsweise übermächtige Bau (44 000 Kubikmeter) schaut allerdings mit freundlichen Fenster-Augen auf die Besucher und ist begierig, möglichst viel Publikum zu empfangen. So sind nicht nur das Foyer aufnahmebereit, sondern auch die Kinder-Stätten (für alle Konfessionen) mit verspielten Holz-Einbauten und vor allem schönen Innenhöfen im Obergeschoss. Überhaupt haben die Baumeister hier ihr strenges Kubus-System aufgelockert und mit vor- und zurückspringenden, höheren und tieferen Baukörpern gearbeitet. Das macht den Riesen, der sich vom Platz bis zum Oberanger erstreckt, freundlich. Aber er bräuchte ein urbanes Gegengewicht, eine angemessene Einbettung. Die ergibt sich vielleicht, wenn das Grundstück des alten Parkhauses bebaut ist ­ und wenn fröhliches Leben über den Platz tobt.

Am 12. 11. ab 11.30 Uhr "Tag der Begegnung" mit Besichtigungen, Mini-Dult, Kinder-Programm, Musik und Gesprächen.

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