Wandergruppe verschüttet? Lawinenabgang im Berchtesgadener Land

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„Musik ermöglicht mir, zu verschwinden“, sagt James Rhodes. Am Mittwoch möchte er das Münchner Publikum dazu bringen, mit ihm abzutauchen.

Konzert und Autobiografie 

James Rhodes: Rock me Amadeus!

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James Rhodes, der Rockstar unter den Konzertpianisten, will die Leidenschaft für klassische Musik in jedem wecken.

So, bitte anschnallen, liebe Freunde der klassischen Musik. Hier kommt einer, der auf die übliche Aufführungspraxis pfeift. Auf Frack, auf ein von klugen Worten eines Musikprofessors gefülltes Programmheft, darauf, dass niemand im Konzertsaal einen Mucks machen darf, ja, jeder am besten gleich die Luft anhält, um das Genie am Flügel in seiner Konzentration nicht zu stören. Auf die Bühne steigen, spielen, abtreten? Nicht mit James Rhodes. Er setzt sich in selbst entworfenen „Jimmy’s Shoes“ an den Flügel (so lange jedenfalls, bis er Probleme wegen des Markenschutzrechts bekommt), verwuschelte Locken, Dreitagebart. Und das Einzige, was in diesem Moment an klassische Musik erinnert, ist der Schriftzug „Bach“, der seinen Schlabberpulli ziert.

Doch dann beginnt er loszuplappern. Begeistert wie ein Kind, das vom ersten Besuch einer Zaubershow erzählt. Nur dass es nicht der Geld-hinterm-Ohr-Trick ist, der seine Augen so zum Leuchten bringt. Was ihn verzaubert, sind Prokofjew, Schubert, Brahms, Mozart, Chopin. Und all die anderen Großen der Musikgeschichte, über die der 41-Jährige während seiner Konzerte erzählt, ehe er loslegt, mit atemberaubender Intensität und fühlbarer Leidenschaft deren Werke zum Klingen zu bringen.

Eine von Sex and Crime gespickte Liebeserklärung an die Musik

Wer beim Russen bereits ausgestiegen ist, gehört zu denen, die lieber U- statt E-Musik hören. Für Rhodes ist diese Unterscheidung der Gipfel der Arroganz des klassischen Konzertbetriebs. Darüber kann er sich herrlich echauffieren. Und der Mann weiß, was Schimpfwörter sind. Der Brite ist nicht nur weltweit erfolgreicher Konzertpianist. Er hat – neben Fernsehshows, besagter Schuh-Kollektion, DVDs und CDs – ein Buch geschrieben. „Der Klang der Wut“ heißt es auf Deutsch. Es ist eine vor Kraftausdrücken strotzende, zynische, von Wahnsinn, Sex and Crime gespickte, aberwitzige Liebeserklärung an die Musik. Und an seinen Sohn. Gleichzeitig eine Abrechnung mit seinem Sportlehrer, der ihn als kleinen Buben jahrelang sexuell missbraucht hat.

„Als ich gefragt wurde, ob ich das Buch schreiben möchte, war meine erste Reaktion: Ich bin zu jung dazu, meine Memorien zu verfassen!“, erzählt Rhodes mit zarter Stimme, die gar nicht zu den harten Worten passt, von denen seine Autobiografie durchzogen ist wie die Klaviatur von schwarzen Tasten. „Aber dann dachte ich: Ich möchte über die Probleme klassischer Musik, der Industrie dahinter schreiben. Und natürlich wollte ich über die wundervollen Komponisten schreiben.“ Pause. „Vor allem aber wollte ich über Dinge sprechen, über die lieber geschwiegen wird: psychische Erkrankungen, Missbrauch, Selbstmord“, betont er. Denn obwohl man ständig darüber in der Zeitung lesen könne, hätten die meisten Menschen Angst davor, sich wirklich damit auseinanderzusetzen. Und schauten weg wie seine Schulrektorin, die ihm – 35 Jahre zu spät – einen Brief schickte, um sich für ihre Untätigkeit zu entschuldigen. Was ihm erspart geblieben wäre, wäre sie eingeschritten, erahnt man bei der Lektüre. Rhodes legt auf 315 Seiten seine von Trauer, Schmerz, Demütigung geschundene Seele frei.

Zwischen Zweifeln und Selbstüberschätzung

Er kann schreiben. Er kann manipulieren. Das weiß der Spross aus gutem Hause. Von Zweifeln zerrissen, dann wieder vor Selbstüberschätzung strotzend, ist er durchs Leben getaumelt. Hochintelligent, traumatisiert. Und damit den Komponisten ganz nah, die er so liebt.

„Die Musik hat mir mein Leben gerettet“, sagt er. Und meint es genau so. Wer sein Buch liest, weiß, warum. Jedes Kapitel ist mit einem Musikstück überschrieben; über dessen Entstehung und den Komponisten erzählt er in launiger Weise – und schafft es so, auch den nicht vorgebildeten Leser dazu zu bringen, das alles unbedingt anhören zu wollen. Praktischerweise hat der Autor dazu eine Spotify-Liste angelegt. Kostenlos abrufbar, darin versammelt sämtliche Stücke, die er im Buch beschreibt.

Rachmaninow, Ravel, Bach – es sind ja allesamt irre Typen, in ihrem Handeln allzu menschlich, die musikalisch schier Übermenschliches vollbracht haben. Typen wie Rhodes. Und so ist es nur folgerichtig, dass einer wie er dafür sorgt, dass sie nicht allein von einer elitären, gebildeten Minderheit angehört werden.

Ziemlich am Ende des Buches, in dem er harsch mit dem „klassischen“ Musikbetrieb abrechnet, beschreibt er seine Vision vom perfekten Konzert. „Spielt, was ihr wollt, wo ihr wollt, wie ihr wollt und für wen ihr wollt. Spielt splitternackt, spielt in Jeans, spielt in Transenfummel. Spielt um Mitternacht oder um 15 Uhr. Spielt in Bars und Kneipen, Sälen und Theatern. Spielt umsonst. Spielt für wohltätige Zwecke. Spielt in Schulen. Macht daraus ein inklusives, barrierefreies, respektvolles, authentisches Ereignis. Gebt die Musik denen zurück, denen sie gehört. Lasst nicht zu, dass eine Handvoll inzuchtverblödeter Altersheimer diktieren, wie diese unsterbliche, unglaublich wertvolle, gottgegeben Musik präsentiert werden sollte. Das haben wir nicht nötig. Und die Musik, weiß Gott, ebenso wenig.“

Zitat Ende.

Musik als Lebensretter

Warum Musik sein Leben gerettet hat? „Sie bringt mich an einen Ort, der sicher ist und behaglich“, sagt er. Ganz ohne Heroin, ohne Crack, ohne Alkohol, ohne Ritzen. An einem Tag, an dem sie wieder da ist, die Hoffnungslosigkeit, die Verzweiflung, der Wunsch, dieses oft so brutale Leben zu verlassen, legt Rhodes Bach oder Chopin oder Beethoven auf. „Und dann denke ich: Wenn so etwas außergewöhnlich Schönes in dieser Welt existieren kann, dann kann diese Welt nicht ganz schlecht sein. Auch das hat Musik mir in meinen schlimmsten Zeiten gegeben: den tiefen Glauben, dass es doch Gutes gibt in der Welt, für das es sich zu leben lohnt, auf das man sich freuen, das man genießen kann. Das ist eine wundervolle Sache – und sie ist wahr!“

James Rhodes:

„Der Klang der Wut“. Nagel & Kimche, 315 S.; 22,90 Euro. Rhodes spielt am 12. Oktober im Münchner Gasteig; Telefon: 089/ 54 81 81 81.

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