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„Hammer & Michel“: Jan Delay hat für seine neue Rock-Platte die Soul-Garderobe nur leicht modifiziert.

"Hammer & Michel"

CD-Kritik: Jan Delay entdeckt die Gitarre

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München - Er ist einer der erfolgreichsten deutschen Hip-Hopper, veröffentlichte Reggae- und Soul-Alben. Jetzt hat Jan Delay auch eine Rock-Platte aufgenommen. Na ja, zumindest versucht hat er es.

Das erste Video ließ das Allerschlimmste befürchten: Jan Delay – weißer Anzug, weißer Hut, rosa Krawatte, rosa Einstecktuch – machte sich auf den Weg nach Wacken, zum Metal-Festival auf dem Lande. Im feinen Zwirn inmitten verschwitzter T-Shirts. Rosafarbene Schuhe im Schlamm. Der „Chefstyler“ der deutschen Soulmusik schien sich lustig zu machen über die langhaarigen Burschen – und stand kurz davor, sich dabei selbst zu blamieren. Optisch. Vor allem aber akustisch. Denn die Rockmusik, mit der Delay seinen Wacken-Ausflug unterlegte, mutete nicht mal blassrosa an. Wollte der Hamburger ein ganzes Album mit so braven und biederen Gitarrenriffs bestreiten? Es klang wie eine Drohung.

Jetzt ist „Hammer & Michel“ erschienen. Und die beste Nachricht: Jan Phillip Eißfeldt, wie der 37-Jährige bürgerlich heißt, hat allen Ankündigungen zum Trotz gar kein Rockalbum veröffentlicht. Er mag es versucht haben, indem er die Bläser (fast) konsequent durch Gitarren ersetzte – doch am Ende dringt seiner Band Disko No. 1 der Funk und Soul aus allen Poren. Der Sound ist durcharrangiert, die Gesangslinien genauso melodiös wie schon bei den Vorgängern im Reggae- oder Soul-Gewand. Mit Guns N’ Roses und Nirvana hat das nichts gemein. Das einzig Animalische auf dieser Platte ist die Krawatte im Leopardenfellmuster.

Jan Delay – der Verdacht drängt sich auf – kann gar keine Rockmusik. Das ganze Rockdings, das der Sänger auf allen Kanälen befeuert, wirkt wie ein geschickter Marketinggag. Und damit wären wir bei der schlechten Nachricht von „Hammer & Michel“: Der sympathische Herr Delay, dessen ganze Karriere eine Gratwanderung zwischen Kunst und Kommerz war, scheint nach 20 Jahren im Geschäft die Balance zu verlieren.

Zur Erinnerung: Angefangen hat der junge Eißfeldt zu Beginn der Neunzigerjahre als rappender Anarchist. Mit den Beginnern gehörte „Eizi Eiz“ zur ersten erfolgreichen Rap-Generation. Ihr „Bambule“-Album 1998 war ein Meilenstein des Genres. Eine solche Mischung aus Kraft, Professionalität und Perfektion hatte es bis dato nicht gegeben. Und mit dem „Liebeslied“ gelang es der Band sogar, den Wunsch der Plattenfirma nach einem Hit mit Ironie ins Leere laufen zu lassen.

Seitdem spielt Jan Delay mit dem eigenen Erfolg. Selbst als seine CDs schon in den Charts-Regalen der Supermarktketten standen, trällerte er noch zu fröhlichem Reggae-Sound: „Ich will nicht, dass Ihr meine Lieder singt“ und veralberte im dazugehörigen Video den Kölner Karneval. Seine Botschaft: hier der „Chefstyler“, dort die geschmacklose Masse. Doch schon damals das Problem: Genau diese Masse kauft eben auch seine Alben.

Heute scheint Jan Delay den Kampf aufgegeben zu haben. Die Prinzipien („dass wir in all den Jahren nie irgendeine halbgare Scheiße gemacht haben“) hält er mit den Beginnern hoch. Deren neue Platte legten Eizi Eiz, Denyo und DJ Mad im vergangenen Herbst zunächst einmal auf Eis, weil die Studioarbeit den eigenen Ansprüchen nicht gerecht wurde. Bei „Hammer & Michel“ war Jan Delay deutlich großzügiger. Das Ergebnis ist nicht so schlimm geworden, wie das Wacken-Video befürchten ließ. Aber ein Jan Delay könnte eigentlich mehr.

Sicher ist: „Hammer & Michel“ wird erfolgreich sein. Die Mitgrölfraktion feiert schon den Hit „St. Pauli“. „Denn im Großen und im Ganzen haben wir allen Grund zum Tanzen“, singt Delay darin. Es scheint ihn nicht mehr zu stören, wenn alle mitsingen.

Von Mike Schier

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