Der Januskopf des Künstlers

München - Ein ernst blickendes Kind, ein ungegenständliches Bild mit drei hellen Flecken und eine verschwommene Ansicht einer Barockkirche, die einen Längsknick zu haben scheint. Der Durchblick in den nächsten Saal zeigt auch noch, wie Papst Benedikt XVI. einen Geistlichen begrüßt.

All das Gemälde, die in mit viel Weiß versetzten Farben gehalten sind. Auch die Titel geben keinen Aufschluss. Das Haus der Kunst zeigt mit "Wenn der Frühling kommt" eine umfassende Ausstellung des Werks von Luc Tuymans: 90 Bilder, Arbeitsmaterial, Fotos, Film und eine extra fürs Haus entstandene Wandmalerei.

Das Münchner Haus der Kunst zeigt eine große Schau zum Werk des Malers Luc Tuymans

Tuymans (49) wurde noch vor seiner Kasseler documenta-Teilnahme 2002 auf der Biennale von Venedig bekannt: Er hatte damals die belgische Geschichte aufgegriffen, die koloniale Unterdrückung und die Verwicklung der herrschenden Dynastie. Das Königshaus hatte daraufhin eisig reagiert. In Kassel dann hatte der Maler mit sittsam gefertigten Stillleben überrascht. Erst die Erklärung, das sei seine Reaktion auf die Katastrophe des 11. 9. 2001, verschaffte den Werken die Absolution der Aktualität.

Fast das gesamte Œuvre des Belgiers ist derart janusköpfig. Das Phänomen kann nun im Haus der Kunst jeder Besucher selbst an sich testen. Er sollte zunächst ohne jegliche Erläuterung durch die Ausstellung gehen beziehungsweise die Informationen vergessen und dann herausfiltern, welche Bilder ihn allein durchs Anschauen faszinieren. Vielleicht tatsächlich jenes Stillleben, das riesig im weißlich-blauen Nichts schwebt, humorlos korrekt, aber in anmutigen Nuancen gemalt. Beunruhigend dürfte der Mann mit der schwarzen Brille wirken, dessen Foto-Gesicht irgendwo ausgeschnitten wurde. Viele Geschichten kann man auch in den bärtigen Mann mit der seltsamen Pelzmütze hineindichten, den Tuymans als helle Leerstelle in einem dunkelgrauen Grund stehen lässt. Andere Bilder aber werden einen bei diesem unvoreingenommenen Rundgang gleichgültig lassen. Manches scheint nachlässig gemalt, anderes so skizzenhaft, dass es abstrakt wirkt oder zur asketischen Farbstudie wird.

Wenn man als Betrachter jedoch Luc Tuymans eigene Erläuterungen während des Besuchs liest und vor allem den Inhalt der Vitrinen im Ost-Gang des Hauses der Kunst studiert, dann entschlüsselt sich vieles. Die zuerst erwähnten Arbeiten beziehen sich auf die Jesuiten (Internat, Sternkunde, Generaloberer des Ordens), ja selbst der Kirchen-Knick - das Gemälde heißt schließlich "The Book" - findet sich im Knick der Doppelseite eines Bildbands wieder. Ein anderes Buch macht die Identifikation des bebrillten Mannes als Heydrich möglich.

Tuymans liebt das Surreale, Symbolistische - etwa wenn in "Ärger" ein Männerantlitz im grauen Wasserspiegel untergeht -, aber er treibt dieses Spiel des Unkenntlichmachens öfters zu weit. Und diese Nicht-mehr-Erkennbarkeit ist dem anderen Gesicht des Januskopfes dann doch nicht recht. So kommt der eloquente Selbst-Interpret ins Spiel. Der legt das eigene Werk aus, bis jedes Rätsel gelöst, jedes Geheimnis gelüftet scheint. Schade. Bilder müssen aus sich selbst sprechen und sollten ihre Aura behalten dürfen. Das gelingt dem Belgier oft. Zum Beispiel bei der Frau - wieder eines dieser ausgebleichten Bilder, die auf Polaroids zurückgehen -, die einen ovalen Fleck von sich weghält. Natürlich ergänzt unser Bildwissen sofort: Mutter mit Baby. Erst danach registrieren wir das Störsystem, mit dem uns Tuymans ängstigt. Froh stimmt einen hingegen das für München entstandene Wandgemälde "Wunderland", bei dem der Maler lustvoll in Blautönen schwelgt.

Das Selbst-Sprechen der Gemälde verstummt allerdings bisweilen nachhaltig - etwa bei dem erwähnten Jesuiten-Zyklus. Nur das Kindergesicht ("The Valley") aus dieser Reihe bewegt uns, die anderen Bilder sind schlicht langweilig. Und braune Flecken auf hellem Grund werden nicht interessanter, nur weil man weiß, dass Tuymans sich dabei auf Diagnose-Fotos von Hautkrebs bezieht.

Von 2. März bis 12. Mai,

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