Japan-Gastspiel: „Kein Geld für den Hysteriefall“

München - Bei der Bayerischen Staatsoper hält man an der anstehenden Japan-Tournee fest. Arbeitsrechtler räumen skeptischen Mitarbeitern auch wenig Chancen ein, sich gegen das Gastspiel zu wehren.

Finanzielle Notlage oder Gesundheitsschädigung? Vor diese Wahl sehen sich derzeit viele Mitarbeiter der Bayerischen Staatsoper gestellt. Am 12. September soll die erste Delegation nach Japan aufbrechen zum einmonatigen Gesamtgastspiel des Hauses. Nach derzeitiger Lage will die Direktion an der Tournee festhalten - und hat denjenigen, die aus Angst daheim bleiben wollen, angeboten, sie könnten unbezahlten Urlaub nehmen (wir berichteten).

Eine verfahrene Situation also für viele Angestellten - und ein legales Entgegenkommen ihres Arbeitgebers? Arbeitsrechtler sind sich einig: ja. Solange das Auswärtige Amt keine Reisewarnung für Japan ausgesprochen hat, besteht auch keine objektiv feststellbare Gefahr. Derzeit warnt das Ministerium aber lediglich vor Reisen in „die Region um das Kernkraftwerk Fukushima“. Aus radiologischer Sicht sei dagegen ein Aufenthalt im Großraum Tokio/ Yokohama „wieder unbedenklich“.

Professor Volker Rieble vom Münchner Zentrum für Arbeitsbeziehungen und Arbeitsrecht hält die Urlaubsregelung der Staatsoper für rechtens: „Lohnfortzahlung gibt es im Krankheitsfall, nicht im Hysteriefall“, formuliert er es drastisch. Derzeit gebe es ausreichende Information über die Lage im Großraum Tokio. „Der Arbeitnehmer hat nicht das Recht, auf Kosten des Arbeitgebers seine eigene Angst als objektives Kriterium geltend zu machen“, sagt Rieble. Sonst könne man ja jede Dienstreise nach Frankfurt absagen, weil dort im Bach Ehec-Erreger gefunden wurden.

„Der Arbeitgeber darf sogar kündigen, wenn die Arbeit verweigert wird“, sagt Arbeitsrechts-Experte Wolfgang Büser. Er hält das Angebot eines unbezahlten Urlaubs für „nicht unfair“. Schließlich könne ein Privatreisender in einer solchen Situation seinen Urlaub auch nicht einfach kostenfrei stornieren. Sein Kollege Jobst-Hubertus Bauer stimmt zu: Diese Tournee gehöre zu den „arbeitsrechtlichen Pflichten“.

Den Staatsopern-Angestellten wird damit ihre Angst nicht genommen, im Gegenteil: Sie befürchten, dass über das havarierte Kernkraftwerk in Fukushima nur unvollständige oder falsche Informationen nach draußen dringen. Vor einigen Wochen hat daher der Personalrat beim Münchner Otto Hug Strahleninstitut ein Gutachten eingeholt. Dieses warnt vor der Tournee: Japan sei nicht mehr dazu in der Lage, die erforderlichen Evakuierungen durchzuführen oder die Menschen mit sauberen Nahrungsmitteln zu versorgen. Überdies schraube die dortige Regierung die Strahlenbelastungswerte immer weiter nach oben. „Unter Berücksichtigung solcher Gegebenheiten würden sich die Angehörigen der Staatsoper unkalkulierbaren Risiken und tatsächlichen Gefahren aussetzen, vor denen sie nicht schützbar sind“, heißt es in dem Gutachten.

So ganz wohl ist es der Staatsopern-Direktion bei ihrer Entscheidung offenbar nicht. Für den Fall der Fälle wurde ein Maßnahmekatalog erstellt, wie Opern-Sprecher Christoph Koch erläutert. Die Mitarbeiter würden dann mit Bussen zu einem Flughafen gebracht und evakuiert. Überdies bringe man Trinkwasser mit nach Japan, das Essen im Hotel werde ständig kontrolliert. Bis zum morgigen Mittwoch müssen die Anträge auf unbezahlten Urlaub eingereicht werden. Die Staatsoper kann dabei noch ins Schleudern geraten: wenn zu viele Mitarbeiter das Angebot annehmen und eine Durchführung der Tournee personell nicht mehr möglich ist - oder wenn bei den Sänger-Stars die Angst siegt. Jonas Kaufmann, für den „Lohengrin“ eingeplant, hatte schon die New Yorker Met beim Japan-Gastspiel im Stich gelassen. Und auch unter den Kollegen grassieren Absage-Gedanken.

Bei aller Skepsis: Etliche sind froh, „dass man endlich miteinander redet“, so ein Staatsopern-Mitarbeiter, der nicht genannt werden will, in der „tz“. Er rechnet mit einer pragmatischen Lösung: eine reduzierte Reise-Gesellschaft, die Überstunden schiebt.

Wie berichtet wird, hat Intendant Nikolaus Bachler auf der jüngsten Personalversammlung erläutert, man sei mit der Tournee an eine ministerielle Weisung gebunden. Ob Politikerdruck oder nicht: Eine Absage käme das Haus teuer zu stehen. Verträge wären gebrochen, die Folge wäre eine Konventionalstrafe in Millionenhöhe. Außerdem ist der Gewinn der Reise womöglich im Etat schon eingeplant: Vom vergangenen Trip nach Fernost im Jahre 2005 kehrte man mit rund 1,5 Millionen Euro Überschuss zurück. Was noch ins Gewicht fällt: Von einer Absage könnte sich der japanische Veranstalter Tadatsugo Sasaki wohl nicht mehr erholen: „Der wäre dann pleite“, sagt Christoph Koch.

Markus Thiel

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