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Am „Geburtsort“ des Meisterwerks: Der Thomanerchor auf der Empore der Leipziger Thomaskirche bei einer Aufführung von Bachs Weihnachtsoratorium.

Jauchzet, verdienet! Konzert-Marathon im Advent

München - Fast zwanzig Mal wird im Dezember Bachs Weihnachtsoratorium in München aufgeführt. Eine tief empfundene Tradition? Oder verkommen solche Konzerte zum inhaltsarmen, kommerziellen Kirchen-Ersatz?

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Harnoncourt: Kritik am weihnachtlichen Konzertritual

Eines sei ihm verdächtig: dass die Kirchen immer leerer und die Konzertsäle mit geistlicher Musik dagegen voll seien. Dirigenten-Doyen Nikolaus Harnoncourt (siehe Link zum Interview) mag da ein Extremist sein. Aber auffallend ist schon, dass Bargeld oder Kreditkarte fürs adventliche Konzert gern gezückt werden, während die Kirchenbänke allenfalls an hohen Festtagen gefüllt sind. Musik als Religion ohne Liturgie und ohne Verpflichtung: Für die Veranstalter bedeutet die Warmumsherz-Zeit ein Kassenfest. Allein 19 Mal, sechsmal in den großen Sälen und 13 Mal in Kirchen, lockt das „Jauchzet, frohlocket“ von Bachs Weihnachtsoratorium – mit Preisen bis zu 84 Euro im Gasteig. Eine weltweit einmalige Situation ist das. Dazu kommen unzählige Konzerte mit Adventsprogrammen, von Beethovens Neunter zu Silvester und dem Passionsmarathon vor Ostern ganz zu schweigen.

Bedürfnis-Bedienung also. Obgleich inhaltliche Reflexion nurmehr selten stattfindet. Mögen sich Chöre und Dirigenten noch so sehr um Textdeutlichkeit mühen: Manchem im Parkett und auf den Rängen sind Choralzeilen wie „Ich will dir leben hier, dir will ich abfahren“ böhmische, pardon: Bach’sche Dörfer.

Verständlich, dass die Veranstalter den Begriff „Ersatzgottesdienst“ von sich weisen. „Diese Konzerte sind liebgewordene Rituale“, sagt Andreas Schessl von Münchenmusik, dessen Adventsabende das Gros des Münchner Konzert-Dezembers ausmachen. „Ich finde es legitim, das Kirchenjahr im Konzertleben abzubilden.“ Vielen Menschen falle es leichter, einer musikalischen Aufführung statt einem Gottesdienst zu folgen. Eine „entleerte“ Tradition hält Schessl schon für problematisch, dennoch: „Man ist schnell dabei zu sagen, die Menschen interessiere alles nur noch an der Oberfläche. Die Leute sind im Dezember einfach offener für Musik. Und für Konzerte, die ihnen eine zweistündige Ruhe-Insel bieten.“

Helmut Pauli, Geschäftsführer der Tonicale, pflichtet seinem Kollegen bei. In der heutigen Schnelllebigkeit müsse wieder „ein Bewusstsein für die Dimension Zeit“ entwickelt werden. Er sei überzeugt davon, dass es in den Konzerten zu einer inhaltlichen Auseinandersetzung komme, der Text werde also nicht „wie nebenbei“ in Kauf genommen. Solche Rituale seien vielmehr notwendig, „um in unserer Gesellschaft eine geordnete Kommunikation herzustellen“. Derzeit bräuchten die Menschen Rituale dringender denn je. „Nicht zuletzt zeigt sich das daran, das Weihnachtsoratorium im 40. Jahr unserer Aufführungstradition nahezu ausverkauft ist.“

Und solches ist in Krisenzeiten auch notwendig, manchmal sogar von existenzieller Bedeutung. „Ausverkauft“, dieses Schild hängt nurmehr selten an der Abendkasse. Fast der Regelfall sind lückenhaft besetzte Reihen – wenn nicht gerade Stars gastieren, die von Veranstaltern und Plattenfirmen heftig beworben werden. Im Grunde gibt es nur noch zwei Hoch-Zeiten: eine kurze vor Ostern, in die sämtliche Passionen gepresst werden, und eben eine sechs- bis achtwöchige vor, um und nach Weihnachten, die die Jahresbilanz aufmöbeln muss. Die grundsätzliche Frage bleibt dabei: Muss man über solchen Kommerz die Nase rümpfen? Oder ist der Gedanke nicht doch verführerisch, dass den Konzertgängern in ihrer adventlichen Laune Hochkarätiges geboten, manchmal sogar untergejubelt wird?

Die evangelische Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler hält es eher mit Letzterem. Diese Konzerte seien „ein Zeichen dafür, dass Weihnachtsmusik die traditionelle Botschaft des Heiligen Abends ansprechend vermittelt“. Sie sei dankbar, dass so viel großartige Kunst in dieser Zeit geboten werde – und sieht solche Konzerte eher als Ergänzung zur Kirche: „Musik spricht auf eine Weise an, wie es Worte manchmal nicht tun können. Sie bringt ,zum Klingen‘, was Menschen in ihrem Innersten spüren, was sie auch verborgen halten, wovor sie sich ängstigen, wonach sie sich sehnen.“ Weihnachten, sagt Breit-Keßler, sei ein „zutiefst existenzielles Ereignis“, das dürfe man schon „mit Leib und Seele nachvollziehen“.

Schwierig wird es allerdings dort, wo sich die Seele schwertut. Das Weihnachtsoratorium im mit zwei Bäumchen hilflos geschmückten Gasteig, wenige Monate später die Bach’schen Passionen in ebensolch inhaltsfernem Ambiente: Längst hat sich geistliche Musik vom Ursprungsort entfernt. Immer mehr treibt es daher die Musikfreunde hinaus aus den Sälen mit ihren Promi-Interpreten zurück in die Kirchen – das größte Paradox dieser Konzertfülle. Und eine Situation, die den Veranstaltern zu denken gibt, wie Helmut Pauli einräumt: „Das Weihnachtsoratorium gehört einfach in einen Raum, für den es geschrieben wurde.“

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