Jause vor der Machtmaschine

- "Im Pianissimo", so ein überlieferter Ausspruch des todkranken Giacomo Puccini, solle sein unvollendetes Werk enden. Also garantiert nicht mit jenem unmotivierten Chor-Gedonner, das Kalafs Schlager "Nessun dorma" aufgreift und die Oper fast gewaltsam rundet, das auch seit der Uraufführung dem Publikum als einzig wahrer "Turandot"-Schluss - obwohl von Franco Alfano - verkauft wird.

Luciano Berios Neukomposition der letzten Viertelstunde, die auch diese Salzburger Produktion beschließt, stellt sich genau dem Kernproblem der Oper, klanglich, konzeptionell und in seiner Konzentration auf die drei Hauptfiguren: Wie und warum eigentlich können Turandot und Kalaf, obwohl sich doch gerade die arme Li|1u erdolcht hat, binnen weniger Minuten zueinander finden? <P>Eine Herausforderung für jeden Regisseur also, das Stück vom Ende her umzudenken. Und David Pountney, diesen Anschein erweckt jedenfalls seine verunglückte Inszenierung fürs Große Festspielhaus, interessierte sich für eine Fokussierung aufs Hauptrollen-Trio, die von Akt zu Akt immer deutlicher wird. Dass dies gründlich schief ging, lag an einem Irrtum des Regisseurs: Statt in der Salzburger Hofstallgasse wähnte sich der künftige Bregenzer Intendant mit seiner inhaltsarmen Giga-Show offenbar schon auf der Bodensee-Bühne . . .</P><P>Pountney, ohnehin kein Freund reduzierten Kammerspiels und psychologischer Charakterzeichnung, verlor völlig den Blick fürs rechte Maß, ersetzte Nachdenken übers Stück durch selbst in Salzburg kaum gekannte Ausstattungsorgien. Während andere Kollegen mit allerlei Kniffen versuchen, das Cinemascope-Format der Bühne einzuengen, bezieht Pountney also gleich das Proszenium mit ein (Bühne: Johan Engels). Über geschätzte 40 Meter spannt sich ein Riesengerüst, das mit rotierenden Zahnrädern und im roboterhaften Gleichmaß zuckenden Choristen bestückt ist (Choreographie: Beate Vollack). Eine gewaltige, ans beginnende Industriezeitalter erinnernde Machtmaschine, vor die Pountney - wie plump und lächerlich - Li|1u, Kalaf und Timur zur Jause mit Thermoskanne an einen Tisch platziert.</P><P>Kommt die Titelheldin ins Spiel, rumpelt die Fassade auseinander und gibt den Blick frei auf ein Zitat aus Fritz Langs "Metropolis"-Film: ein monumentaler Kopf, in dem Turandot wie eine entrückte Säulenheilige auf hohem Podest ihrem Freier die drei Rätsel entgegengellt. Der dritte Akt zeigt den in zwei Teile zerborstenen Schädel, die Bühne leert sich bis auf eine Bahre mit der toten Li|1u. Bevor's zum Kuss kommt, waschen Turandot und Kalaf die Leiche; Liebe entsteht wohl durch gemeinsame Trauerarbeit - ein plattes, banales Bild, das Berios Musik konterkariert, das auch dokumentiert, wie hilflos Pountney ist, wenn er nicht spektakeln darf.</P><P>Außerdem: Das Herrschaftssystem der "Turandot" ein Äquivalent zu den "goldenen" 20ern des vergangenen Jahrhunderts? Das bleibt in dieser Konsequenz eine unbewiesene, historische Tatsachen völlig verkennende Behauptung, die Pountney offenbar nur aus Ausstattungsgründen gerade recht kam.</P><P>Dass er nicht fertig wurde, dass seine Gigantomanie den Salzburger Apparat überforderte, sieht man an Lichtpannen und uneinheitlichem Kulissengeschiebe, hört man an gelegentlichem Krachen auf der Hinterbühne. Doch auch Dirigent Valery Gergiev lieferte nur Notdürftiges und flüchtete sich in Brutalo-Radau. Mit dem Charme eines russischen Holzfällers drosch er auf die Partitur ein, machte zwar die Drastik und Aggressivität von Puccinis Musik hörbar, nicht jedoch die feinen Zwischentöne, die filigranen Übergänge und Farb-Verschiebungen. Das Klangbewusstsein der Wiener Philharmoniker war an diesem Abend kaum gefragt, beschränkte sich fast nur auf den schillernden Berio-Schluss, der Gergiev zum Orchesterfest mit Sänger-Beilage geriet.</P><P>Vor allem Johan Botha, dank seiner fülligen Statur ohnehin kein begnadeter Darsteller, ging als Geschlagener aus Gergievs Dezibelschlacht hervor, meisterte dennoch das "Nessun dorma" beeindruckend locker. Gabriele Schnaut hatte mit ihrem Starkstrom-Sopran bessere Chancen, extreme Höhen kamen mit stählerner Attacke, ihre stilisierten Posen erinnerten an beschleunigte Robert-Wilson-Gestik. Cristina Gallardo-Domas (Li|1u), wie eine Heidi aus Fernost ausstaffiert, brachte als einzige herzbewegende Töne in den Abend. Eine Luxusbesetzung: Paata Burchuladze als Timur. Wiens Staatsopernchor lieferte das, was von ihm verlangt wurde: Präzision und Lautstärke.</P><P>Pountneys Untat zum Trotz - der Berio-Schluss wird die bisherige Alfano-Lösung verdrängen. Dass sich hier ein zeitgenössischer Komponist, dem in den letzten Jahren nicht der ganz große Erfolg vergönnt war, auf Nebenwegen wieder ins Gespräch brachte, ist unerheblich. Entscheidend ist seine Fähigkeit, Puccinis Skizzen nicht nur zu kitten, sondern weiterzudenken. Eine oszillierende, jetzt auch alle Schlaginstrumente einbeziehende Tonsprache kennzeichnet das neue Duett. Puccini wird zitatartig verwoben, oft mit disharmonischen Klangflächen kommentiert, das Orchester stützt nun nicht mehr die Sänger, sondern wird zum wagnerhaft wissenden Partner.</P><P>Die Oper scheint förmlich auszufließen, am Ende ein Pianissimo wie von Puccini gewollt - und nur ermatteter Beifall der Festspiel-Gemeinde, darunter US-Mäzen Alberto Vilar. Mit einer großzügigen Überweisung hat er auch diese Produktion gesponsort. Doch die "Turandot" demonstrierte auf fatale Weise: Dicke Schecks verleiten Regisseure à la Pountney dazu, sich statt auf Substanz allein auf die Staffage zu besinnen. Also besser Geldhahn zu?</P><P>MARKUS THIEL </P><P><BR clear=all>Die Besetzung <BR>Dirigent: Valery Gergiev. Regie: David Pountney. Bühne: Johan Engels. Kostüme: Marie-Jeanne Lecca. Choreographie: Beate Vollack. Darsteller: Gabriele Schnaut (Turandot), Robert Tear (Altoum), Paata Burchuladze (Timur), Johan Botha (Kalaf), Cristina Gallardo-Domas (Li|1u), Boaz Daniel (Ping), Vicente Ombuena (Pang), Steve Davislim (Pong), Robert Bork (Mandarin).<BR><BR>Die Handlung <BR>Die chinesische Prinzessin Turandot heiratet nur den Mann, der ihre drei Rätsel lösen kann. Kalaf nimmt die Herausforderung an, achtet dabei nicht auf die ihn begehrende Li|1u - und meistert die Aufgabe. Turandot ist entsetzt, doch Kalaf schlägt ihr vor: Wenn sie bis zum Morgen seinen Namen herausfinde, wolle er sterben. Schließlich kann er doch den Stolz der Prinzessin brechen - und nennt ihr selbst seinen Namen.<BR></P>

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