Jazz-Kunststück

- Es ist nur eine kleine Geste, aber sie verrät viel über Viktoria Tolstoy. Als sich die Band nach der ersten Zugabe im euphorischen Beifall badet, scheucht Tolstoy ihre Musiker mit einer ungeduldigen Handbewegung zurück an die Instrumente ­ sie will nicht dumm herumstehen, sie will singen. Was die Zuhörer im Münchner Prinzregententheater so begeistert, ist genau diese Energie der Schwedin. Es gibt größere Stimmen im Jazz, aber kaum leidenschaftlichere.

Mit überschäumendem Temperament und hingebungsvollen Mitstreitern unterstreicht Tolstoy ihre Ambition, unterschiedliche musikalische Idiome zu verbinden. Das gelingt mal famos, mal klingt es etwas zu gefällig. Aber akademisch, also langweilig, wird dieses Experiment nie. Mit klassisch besetzter Band (Schlagzeug, Bass, Piano) interpretiert sie vor allem Popsongs. So eröffnet sie mit einer wagemutigen Version der Prince-Nummer "Strollin" und bringt danach vergleichsweise obskure Lieder von Peter Gabriel oder Stevie Wonder. Mit Hilfe ihres großartigen Pianisten und Arrangeurs Jacob Karlzon gelingt es Tolstoy, diese Kompositionen in die Sprache des Jazz zu übersetzen.

Kein geringes Kunststück. Dazwischen gibt es berückend schöne, eigene Stücke, die ein bisschen viel in esoterischen Gefilden wabern. Den unwiderstehlichen Sog ihres Auftritts erzeugt Tolstoy, indem sie ihren Gesang nicht einfach auf die Begleitung legt, sondern sich in den Fluss der Musik fügt. Dass sie zwischendurch mit ihrem erotischen Image kokettiert und für die anschließende CD-Signierstunde mit der Aussicht auf ein Küsschen wirbt, sind überflüssige Mätzchen. Es war auch so schon ein angenehmer Abend.

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